IT im Gesundheitswesen

Wie Business Intelligence Leben rettet

Wolfgang Kobek ist als Geschäftsführer für den Business Intelligence-Anbieter Qlik in Deutschland, Österreich und der Schweiz verantwortlich. Darüber hinaus verantwortet er in seiner Funktion als Regional Vice President die Region Südeuropa. Er ist Experte auf den Gebieten Big Data, BI und In-Memory-Technologie. Sein Spezialgebiet liegt im Bereich der anwendergesteuerten Businesse Intelligence und in intuitiven Analyseprozessen.
Business Intelligence ist in der Wahrnehmung der meisten Menschen ein zahlenbetontes und abstraktes Thema, bei dem der Nutzen für den Alltag oft nicht gleich sichtbar oder greifbar ist. Dabei kann die Analyse von Daten Leben retten, wie Beispiele aus den Niederlanden und Schweden zeigen.

Datenanalysen finden im Gesundheitswesen an vielen Stellen statt, bleiben für den Patienten aber oft unsichtbar: Kliniken nutzen sie, um Prozesse zu verbessern, Finanzdaten auszuwerten oder mithilfe von Business Intelligence (BI) den Vorrat und die Nachbestellung von Medikamenten zu optimieren. BI kann sogar helfen Leben zu retten, wie die folgenden Beispiele zeigen.

Business Intelligence im Krankenhaus kann helfen, Leben zu retten.
Business Intelligence im Krankenhaus kann helfen, Leben zu retten.
Foto: sfam_photo - shutterstock.com

Schnellere Behandlung bei Herzattacken

In der niederländischen Region Noord-Holland setzte sich eine Gruppe von Kardiologen und der lokale Sanitätsdienst zum Ziel, die Zeit zwischen dem Melden einer Herzattacke und der Angioplastie, also der Behandlung der verschlossenen Gefäße, zu verkürzen. Damit wollten sie die Sterblichkeitsrate verringern beziehungsweise die Lebensqualität für den Patienten nach einer Herzattacke verbessern. Im ersten Schritt analysierten sie sämtliche Prozesse, angefangen von der telefonischen Meldung des Notfalls über die Anfahrt des Krankenwagens bis zur Ankunft in der Notaufnahme und der Weiterbehandlung im Krankenhaus in einem eigens für diese Zwecke kreierten Dashboard.

Durch diese Zusammenführung von Daten konnten sie beispielsweise die Verteilung der Notfallpatienten verbessern: Das System weist Herzkranke nun dem nächstverfügbaren OP-Saal zu und nicht mehr wie zuvor dem nächstgelegenen Krankenhaus. Es berücksichtigt also Wartezeit und Anfahrtszeit und nicht mehr wie bisher nur die reine Anfahrt. Die Zeit zwischen Anruf und Operation verringerte sich so um 20 Minuten, durchschnittlich liegt sie bei zwei Stunden. Auch wenn das nach einem vergleichsweise geringen Fortschritt klingt, ist dies doch ist eine große Verbesserung bei einer Erkrankung, in der jede Sekunde bis zur Behandlung zählt.

Komplikationen bei Operationen besser vorhersagen

Aber auch der Blick nach Schweden in eines der größten Krankenhäuser Nordeuropas lohnt sich. Das Universitätsklinikum von Sahlgrenska konnten dank einer neuen BI-Lösung jährlich Millionenbeträge einsparen – dies ist selbst bei einem großen Krankenhaus mit rund 2.700 Betten und 17.000 Mitarbeitern eine stolze Summe. Drei Probleme wollte das Hospital mit dem Projekt lösen:

  1. 1. Identifizierung einer besseren Behandlungsmethode für schwere Kopfverletzungen und die Vorhersage von Komplikationen bei Operationen

  2. 2. Schnellerer Zugang zu Patienteninformationen für Ärzte und Krankenschwestern im Falle einer Komplikation bei kraniofazialen Operationen - also Operationen, die den Gesichtsbereich betreffen.

  3. 3. Zusammenführung der Patientendaten, die in über 30 verschiedenen Datenbanken gespeichert sind. Dies ermöglicht dem Ärzteteam einen ganzheitlichen Blick auf Erkrankung und Behandlung.

Die Ergebnisse überraschten selbst die Beteiligten: Die Komplikationen bei Operationen sanken gegen Null. Neben Ressourceneinsparungen in Höhe von rund 750.000 Euro pro Jahr sparte die Klinik rund eine Million Euro an nicht mehr notwendigen Tests. Indem Ärzte über einen längeren Zeitraum Operationen analysierten und die Zusammenhänge zwischen Daten visualisierten, können sie nun vorhersagen, ob und welche Art von Komplikationen auftreten könnten.

Eine weitere Erkenntnis der Datenanalyse: Je länger ein Patient nach einer Gesichtsoperation in der Klinik verweilt, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit postoperativer Komplikationen. Das Universitätsklinikum Sahlgrenska entschied sich deshalb, diese Patienten schneller zu entlassen – eine Entscheidung, die nicht nur der Patientengesundheit zu Gute kommt, sondern auch die Verfügbarkeit der Betten erhöht und Kosten reduziert.

Das Gesundheitswesen bedarf neuer Strukturen

Die Beispiele zeigen, dass die Analyse von Daten Leben retten kann. Die Grundlage dafür ist auch in Deutschland vorhanden: Bereits jetzt wird eine Vielzahl von Informationen erfasst. Sie sind aber in verschiedenen Systemen gespeichert und lassen sich deshalb nicht auswerten. Es versteht sich von selbst, dass beim Zusammenführen dieser Informationen die Privatsphäre des Patienten geschützt werden muss. Dies zeigen nicht zuletzt die Diskussionen der vergangenen Monate um die elektronische Gesundheitsakte. Nicht jeder Mitarbeiter des Klinikbetriebs darf Zugriff auf alle Daten haben. Hier sind klare Governance-Strukturen innerhalb der BI-Lösung unverzichtbar.

Dennoch: Handlungsbedarf besteht, denn die Kosten im deutschen Gesundheitswesen explodieren. Viele Kliniken kämpfen um das finanzielle Überleben. Die Folgen für den Versicherten wurden zuletzt Anfang des Jahres sichtbar: Zum ersten Januar haben viele Krankenkassen die monatlichen Beiträge erhöht. Egal ob es "nur" um Kosten geht oder um das Leben beziehungsweise die Lebensqualität des Patienten: Es ist wichtig, im Gesundheitswesen neue Wege einzuschlagen. (haf)