Wer schnürt die besten BPM-Pakete?

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Webmethods, Tibco und IBM offerieren die umfassendsten Suites für Business Process Management (BPM) mit Integrationsschwerpunkt. Zu diesem Urteil kommt Forrester Research nach einem detaillierten Vergleich.

Genau genommen untersuchte das US-amerikanische Marktforschungs- und Beratungshaus nur ein Segment des BPM-Marktes: Unter dem sperrigen Begriff Integration-Centric Business Process Management Suites (IC-BPMS) wollen die Forrester-Experten Ken Vollmert und Henry Peyret integrationsorientierte BPM-Pakete verstanden wissen. Diese Variante mache etwa 50 Prozent des gesamten BPM-Softwaremarktes aus, während die andere Hälfte auf viele kleine Systeme der Kategorie "Human-Centric BPMS" entfalle (siehe Grafik "Kategorien von BPM-Suites"). Letztere haben ihren Ursprung in Workflow- und Document-Imaging-Systemen der vergangenen Dekade. Daraus entstandene BPM-Pakete eignen sich besonders dafür, menschliche Interaktionen einzubeziehen.

Im Gegensatz dazu haben sich IC-BPMS aus klassischen EAI-Systemen entwickelt (EAI = Enterprise Application Integration). Forrester beleuchtete diesen Markt lange unter der Kategorie "Integration Suites". Heute verfügbare IC-BPMS haben mit diesen Systemen nur noch wenig gemein, wie die Autoren erläutern: Die einstmals proprietären und geschlossenen Frameworks hätten sich zu Paketen gewandelt, die komplett auf SOA-Techniken (SOA = Service-orientierte Architekturen) basieren und standardkonforme Integrationstechniken verwenden.

Was die Pakete leisten

Integrationsorientierte BPM-Pakete haben sich aus klassischen EAI-Systemen entwickelt.
Integrationsorientierte BPM-Pakete haben sich aus klassischen EAI-Systemen entwickelt.

Vor diesem Hintergrund bieten die führenden Suites eine breite Funktionspalette. Über einen modellgetriebenen Ansatz erlauben sie es, die im SOA-Kontext vielbeschworenen Composite Applications aus einzelnen Softwareservices zusammenzusetzen. Dazu nutzen sie Metadaten oder Artefakte, die in Registries oder Repositories hinterlegt sind. Komponenten lassen sich auf diese Weise mehrfach verwenden, was den Entwicklungsaufwand für neue Funktionen reduzieren hilft. Anwender können Composite Applications relativ einfach modifizieren, indem sie beispielsweise Änderungen am Prozessmodell vornehmen oder Geschäftsregeln (Business Rules) definieren, die das Verhalten einer Anwendung ohne zusätzliche Programmierarbeit verändern. Dahinter steht das Herstellerversprechen, die IT schneller an veränderte Geschäftsanforderungen anzupassen. IC-BPMS unterstützen in diesem Kontext den gesamten Lebenszyklus eines Geschäftsprozesses (siehe Grafik "Prozess-Lebenszyklus"), von der grafischen Modellierung über die Implementierung der Software bis hin zum Monitoring.

Webmethods

Nach der Forrester-Bewertung bilden Webmethods, Tibco und IBM die Spitzengruppe (siehe Kasten "So bewertete Forrester"). Der gemessen am Umsatz relativ kleine Integrationsspezialist Webmethods bietet nach Einschätzung der Analysten das derzeit umfassendste Paket. Bereits 1999 brachte das Unternehmen XML-basierende B-to-B-Integrationsprodukte auf den Markt. In den vergangenen sechs Jahren baute das Management die Produktpalette durch eine ganze Reihe von Übernahmen aus, darunter die Firmen Active Software, The Mind Electric, Dante Software und erst kürzlich Cerebra und Infravio. Letztere offeriert eine im Markt etablierte Registry für Service-orientierte Architekturen. Besser als anderen Softwareanbietern sei es dem US-Unternehmen gelungen, zugekaufte Techniken in seine Kernprodukte zu integrieren, lobt Forrester.

Heute decke das Portfolio mit EAI, EDI, B-to-B, BPM und SOA die wichtigsten Themen für komplexe IT-Infrastrukturen ab. Zu empfehlen seien die Systeme rund um das Flaggschiffprodukt "Fabric" insbesondere Kunden, die eine umfassende Integrationslösung mit BPM- und SOA-Unterstützung suchten. Auch Unternehmen, die existierende EDI/B2B-Systeme ablösen wollen, sollten Webmethods auf die Shortlist nehmen.

Tibco

Zu den führenden Integrationsanbietern zählt Forrester auch Tibco Software. Mit der Übernahme von Staffware verstärkte der Hersteller seine BPM-Fähigkeiten; der Kauf von General Interface zielte vor allem auf die Rich-Client-Technik Ajax (Asynchronous Javascript and XML). Aus Sicht der Analysten gehört Tibco zu den wenigen Anbietern, die sowohl integrationsorientierte BPM-Produkte als auch solche für menschliche Interaktionen bereitstellen. Darüber hinaus heben sie die gute Unterstützung von Complex Event Processing (CEP) hervor, ein Thema, das derzeit insbesondere für Finanzdienstleister wichtig ist, allmählich aber auch in anderen Branchen an Bedeutung gewinnt.

Neben dem Produktangebot bewertete Forrester auch die Marktstellung und die strategische Ausrichtung der Hersteller.
Neben dem Produktangebot bewertete Forrester auch die Marktstellung und die strategische Ausrichtung der Hersteller.
Foto: Forrester Research

Forrester empfiehlt das Tibco-Angebot in erster Linie als Integrationslösung für komplexe IT-Umgebungen mit vielen verschiedenen Plattformen. So stemmte der Hersteller ein umfangreiches Architekturprojekt bei der US-amerikanischen Fluggesellschaft Delta Airlines. Dabei konsolidierte der Kunde mehrere heterogene Plattformen in eine gemeinsame Daten- und Anwendungsumgebung auf Basis einer SOA-Infrastruktur. Weil Tibcos Kernprodukt "Businessworks" auf einem SOA-Konzept aufsetze, eigne sich das System auch gut für Unternehmen, die SOA und BPM gleichzeitig einführen wollten. Die Kombina- tion aus Businessworks und Tibcos "iProcess"-Suite sei zudem für solche Anwender eine gute Wahl, die die ganze Bandbreite an BPM-Funktionen benötigten.

IBM

Als Schwergewicht im Softwaremarkt schafft es auch IBM in die Spitzengruppe. Dazu beigetragen haben zahlreiche Erweiterungen der SOA- und BPM-Funktionen, erläutern die Studienautoren. Dabei sei es dem IT-Konzern gelungen, redundante Runtime-Plattformen zu eliminieren, die aus den zahlreichen Übernahmen stammen. Das Lob der Experten finden unter anderem die eingebetteten SOA-Governance-Funktionen.

Punkten kann Big Blue insbesondere, wenn es um branchenorientierte Prozess-Templates und Servicedefinitionen geht, die Kunden beim Einführen von SOA und BPM unterstützen. Mit dem Kauf von Filenet und dessen Dokumenten-Management-Produkten im Oktober 2006 habe IBM zudem sein Angebot an BPM-Funktionen für menschliche Interaktionen (Human-Centric BPM) ausgeweitet.

Geeignet sei das Angebot vor allem für Anwender, die mit ihrer Integrationslösung viele verschiedene Anforderungen abdecken wollen, so Forrester. Dazu biete der Hersteller eine umfassende Auswahl an Softwarewerkzeugen, die beispielsweise auch die nötige Infrastruktur für Composite Applications bereitstellten. Der Wermutstropfen: Trotz aller Bemühungen, das BPM-Angebot zu verschlanken, sei das Produktportfolio noch immer relativ komplex und für Kunden schwer zu handhaben. Angesichts der zunehmenden Konkurrenz werde es für den Konzern zudem schwieriger, seine Hochpreispolitik durchzuhalten.

Bea Systems

Boden gutgemacht hat Bea Systems, zumindest im Vergleich zu früheren Analysen des Integrationsmarktes. Vor allem die Übernahme des BPM-Spezialisten Fuego Anfang 2006 hat den Anbieter nach vorne gebracht, urteilen die Analysten. Daneben baute das Management auch die SOA-Fähigkeiten im Rahmen der Produktfamilie "Aqualogic" weiter aus. Neben einem ESB und einer Lösung für Datenintegration ("Aqualogic Data Service Platform") gehört dazu unter anderem auch ein Registry- und Repository-System.

Mit seiner guten Reputation als Middleware-Spezialist sei es Bea gelungen, sich als einer der führenden Anbieter von SOA- Infrastruktur-Produkten und -Tools zu positionieren, urteilt Forrester. Auch BPM-Features seien gut in das Portfolio integriert. Die Produkte eigneten sich insbesondere als Integrationslösungen für IT-Umgebungen mit einem hohen Transaktionsvolumen, wie es etwa Finanzdienstleister oder Telco-Anbieter stemmen müssen. Ähnlich wie bei IBM moniert Forrester die hohen Preise der Bea-Produkte.

So bewertete Forrester

Für den Herstellervergleich nahm Forrester 13 Unternehmen in die engere Wahl. Alle offerieren umfassende SOA-Fähigkeiten, häufig in Form von Stand-alone-ESBs (Enterprise Service Bus) oder über eingebettete ESB-Funktionen. Ebenso wichtig waren den Experten Integrations-Features, die etwa den Angeboten der traditionellen EAI-Anbieter entsprechen. Darüber hinaus mussten die Suites auch menschliche Interaktionen im Zusammenspiel mit Applikationen unterstützen, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie sie spezialisierte Human-Centric BPMS zur Verfügung stellen.

Für die Bewertung definierten die Analysten rund 85 Einzelkriterien, die in drei Gruppen gegliedert sind: Angebot, Strategie und Marktpräsenz (siehe Grafik "Ranking BPM-Anbieter"). Ersteres betrachteten die Autoren unter den Gesichtspunkten Integrationsfähigkeit, Geschäftsprozess-Management und SOA. In puncto Integration gingen beispielsweise die Unterstützung von Protokollen und Adaptern in die Wertung ein, ferner Transformationsfunktionen sowie Sicherheits-Features. BPM-Fähigkeiten beleuchteten die Analysten unter anderem anhand der Funktionen für Prozessmodellierung, Event-Management oder Business-Rules-Management. Hinsichtlich SOA zählten beispielsweise ESB-Funktionen sowie die Unterstützung von Composite Applications und Registries/Repositories.

Als Messlatte für die Strategie dienten langfristige Pläne für die Produktentwicklung, zudem strategische Partnerschaften, die Unternehmensstrategie und die Produktkosten. Die Einordnung der Marktpräsenz bemaß sich unter anderem an der installierten Basis, den Neukunden im zurückliegenden Jahr sowie an den internationalen Sales- und Supportstrukturen.

Oracle

Auch Oracle hat gegenüber zurückliegenden Analysen Fortschritte gemacht. Die "SOA Suite" des Softwarekonzerns umfasst zahlreiche Erweiterungen für Prozessmodellierung, Business Activity Monitoring, Workflow und Rules Management. Zudem hat der Hersteller die Reichweite der SOA Suite ausgebaut: Sie läuft nicht nur auf der hauseigenen J2EE-Plattform sondern auch auf IBMs Websphere-Application Server, Beas Weblogic- und dem Jboss-Server. Über eine OEM-Vereinbarung mit IDS Scheer verstärkte Oracle sein Angebot für Prozessmodellierung und -Monitoring. Forrester empfiehlt die Produktpalette beispielsweise Unternehmen, die bestehende Application Server und Messaging-Plattformen behalten wollen. Vorteile bringe das Paket auch, wenn es um die Integration von Oracle-eigenen Anwendungen mit solchen von Peoplesoft, JD Edwards, Retek oder Siebel gehe.

Sun Microsystems

Nach der Übernahme von Seebeyond taucht Sun Microsystems zum ersten Mal in der Forrester-Wertung auf. Mit seinen J2EE-basierenden Integrationsprodukten gehörte Seebeyond bereits in der letzten Analyse zu den führenden Anbietern. Sun hat damit die Eintrittskarte in den Integrationsmarkt gelöst, kommentieren die Analysten. Mit der "Java Composite Applications Platform Suite" (CAPS), die auch Seebeyond-Techniken beinhaltet, offerierten die Kalifornier umfassende und gut integrierte Funktionen für SOA- und BPM-Anforderungen. Java CAPS sei inzwischen in zahlreichen Unternehmen mit komplexen IT-Strukturen installiert. Zurückhaltender beurteilen die Analysten Suns Open-Source-Strategie, die auch für Java CAPS gilt: Ob Kunden auf der Suche nach einem strategischen IC-BPMS ausgerechnet ein quelloffenes System wählten, bleibe abzuwarten.

Software AG

Moderne BPM-Suites unterstützen den gesamten Lebenszyklus von Geschäftsprozessen.
Moderne BPM-Suites unterstützen den gesamten Lebenszyklus von Geschäftsprozessen.
Foto: Forrester Research

Auch die Software AG schaffte es erstmalig in die Bewertung; aus Sicht der Analysten durchaus überraschend, denn die einstige "XML Company" wurde im letzten Vergleich der Integrations-Suites vom Juli 2005 noch gar nicht beachtet. Ihre Position in der Spitzengruppe verdanken die Darmstädter vor allem starken SOA- und Connectivity-Features, so Forrester. Das vom Hersteller als SOA-Suite beworbene Paket "Crossvision" basiere auf gut integrierten eigenentwickelten Produkten wie dem Object Request Broker "EntireX" und der XML-Datenbank "Tamino". Das Herzstück bildet die kombinierte Registry/Repository "Centrasite", eine Gemeinschaftsentwicklung mit Fujitsu. Über OEM-Vereinbarungen offeriert der Hersteller zudem das BPM-System "Interstage" von Fujitsu und die SOA-Management-Lösung von Amberpoint.

Trotz seiner großen Bekanntheit, die Altprodukte wie die Datenbank "Adabas" oder die Entwicklungsumgebung "Natural" beschert haben, werde die Software AG im Markt für IC-BPMS noch nicht als Key Player wahrgenommen, kommentieren die Analysten. Sie empfehlen das Produktportfolio vor allem Kunden mit heterogenen Platt- formen, darunter Großrechner, SAP-, J2EE- und .NET-Umgebungen. In diesem Umfeld könnten sich die Deutschen als neutraler Integrationspartner positionieren. Interessant sei das Angebot auch für Unternehmen, die auf umfassende Registry/Repository-Funktionen Wert legen.

Die Verfolger

Im Verfolgerfeld sieht Forrester unter anderem SAP. Der größte deutsche Softwareanbieter biete mit "Netweaver" gute Integrationsfunktionen für seine Kundenbasis. Hinzu kommen SOA- und BPM-Funktionen. Letztere verstärkten die Walldorfer ebenfalls über eine OEM-Partnerschaft mit IDS Scheer.

Die relativ kleine Vitria Technology dagegen spezialisiert sich mit ihrem Integrations- und BPM-Portfolio auf Branchen wie Telekommunikation und das Gesundheitswesen; der Konkurrent Magic Software agiert unterdessen erfolgreich im Mittelstand. Vor allem kleine und mittlere Kunden von SAP und IBM nutzen die Integrationslösungen des Anbieters.

Microsoft geht das Thema IC-BPMS vor allem über Partner an. Mit dem "Biztalk"-Server offeriere der Konzern aber durchaus ernst zu nehmende Integrations- und B-to-B-Funktionen, so Forrester. Für viele Microsoft-Kunden bildeten sie eine realistische Alternative zu anderen Produkten.

Relativ neu im Markt ist die niederländische Cordys, die mit einem breiten Angebot an Integrations-, BPM- und SOA-Features aufwartet. Ohne den Ballast von Legacy-Systemen setzte die Softwareschmiede, die Baan-Gründer Jan Baan mit aus der Taufe gehoben hat, laut Forrester für ihre Produkte die jeweils neueste Technik ein. Das Schlusslicht im Ranking bildet iWay. Zwar biete der US-amerikanische Hersteller umfassende Funktionen für SOA, urteilen die Analysten. Die Unterstützung von BPM halte sich aber in Grenzen.

Fazit

  • Forrester Research verglich 13 Hersteller von integrationsorientierten BPM-Suites. Neben Integrationsfähigkeiten und Prozess-Management gehörten Funktionen für Service-orientierte Architekturen (SOA) zu den wesentlichen Kriterien. In der Spitzengruppe behaupten sich Webmethods und Tibco. Deren umfangreiche Pakete eignen sich nach Einschätzung der Analysten besonders für sehr komplexe heterogene IT-Umgebungen.

  • Ähnliches gilt für IBM und Bea Systems, die jedoch beide wegen ihrer Hochpreisstrategie Kritik ernten. Als Newcomer schneiden die Software AG und Sun Microsystems nach der Übernahme von Seebeyond bemerkenswert gut ab. Im Fall der Software AG loben die Analysten vor allem die SOA- und Connectivity-Features. Auch Oracle hat sich nach zahlreichen Erweiterungen seiner Produktpalette einen Platz unter den "Leaders" gesichert.

  • Im Verfolgerfeld finden sich neben kleineren Spezialisten wie Magic Software, Vitria und Cordys auch SAP und Microsoft. In puncto Funktionsbreite können sie nicht mit den führenden Herstellern mithalten, bieten aber für bestimmte Anwendungsfelder interessante Alternativen. Nicht in der Wertung waren andere kleine Hersteller wie die Berliner Inubit AG, die nach eigenen Angaben die einzige komplett durchgängige BPM-Software anbietet.