Deutschland bewegt sich

"Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster"

Heinrich Vaske ist Chefredakteur der COMPUTERWOCHE und verantwortlich im Sinne des Presserechts (v.i.S.d.P.). Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung der Computerwoche - im Web und in der Zeitschrift. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte der COMPUTERWOCHE und moderiert Veranstaltungen. Weitere Interessen: der SV Werder Bremen, Doppelkopf und Bücher - etwa die von P.G. Woodhouse.
Unternehmenslenker und Wissenschaftler diskutierten am CeBIT-Stand der Software AG kontrovers die Chancen und Herausforderungen der Digitalisierung für Unternehmen. Klar wurde: Wer nichts tut, verliert.

Das "Digital Enterprise" war das zentrale Thema am CeBIT-Stand der Software AG, deren Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Streibich eine Reihe illustrer Gäste geladen hatte. Der Gastgeber, der gerade erst das Buch "The Digital Enterprise: The Moves and Motives of the Digital Leaders" herausgegeben hatte, ließ keinen Zweifel an der Dringlichkeit des Themas. Die führende Position im Maschinenbau werde Deutschland auf Dauer nur halten können, wenn ausreichend IT- und Softwarekompetenz vorhanden sei.

Eine illustre Runde diskutierte bei der Software AG auf der CeBIT das Thema Digitalisierung.
Eine illustre Runde diskutierte bei der Software AG auf der CeBIT das Thema Digitalisierung.
Foto: Software AG

Wie ernst die Lage ist, betonte Bitkom-Präsident Dieter Kempf: "Wenn sich drei Verbände, die sich nicht immer lieben, der Bitkom, der VDMA und der ZVEI zusammenschließen, dann zeigt das, wie wichtig dieses Thema ist." Kempf spielte damit auf den Arbeitskreis Industrie 4.0 an, eine gemeinsame Plattform, die diese drei Verbände gemeinsam ins Leben gerufen hatten.

…als die Japaner kamen

Auch Reinhard Clemens, der Vorstandssprecher von T-Systems, fand klare Worte: "Wer nicht digitalisiert, ist weg vom Fenster", sagte Clemens. Es gehe um die Effizienzsteigerung auf Fabrikebene, Deutschland habe hier eine gute Ausgangsposition. "Anfang der 80er Jahre war der Maschinenbau sehr gut, was mechanische Innovationen betrifft. Dann wurde er von den Japanern im Bereich der elektronischen Steuereinheiten überholt. Das darf uns nicht nochmal passieren."

Frank Riemensperger, seines Zeichens Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Accenture in Deutschland, wies auf die hohe Relevanz sogenannter Smart Services hin. Zusammen mit den Produkten könnten künftig intelligente Services verkauft werden - etwa wenn Maschinen sich automatisiert melden, sobald sie Servicebedarf haben. "Wir müssen unsere vernetzten Produkte intelligent begleiten", sagte Riemensperger. Würden heute beispielsweise Röntgenapparate verkauft, könne eine Lösung zur Analyse und zum Abgleich der Aufnahmen mit entsprechenden Datenbankinhalten Teil des Pakets sein. So würden Diagnosen einfacher und vor allem präziser.

Das neue Buch von Gastgeber Karl-Heinz Streibich
Das neue Buch von Gastgeber Karl-Heinz Streibich
Foto: Software AG

Einen eher pragmatischen Blick warf Daimler-CIO Michael Gorriz auf das Thema Digitalisierung. Wie andere Autobauer auch sei Daimler intensiv damit beschäftigt, das klassische "Produkt Auto" mit intelligenter Software zu "veredeln". "Wichtig ist, aus dem gesamten Umfeld der Möglichkeiten die richtigen zu schöpfen", sagte Gorriz.

Zu den Vorreitern in Sachen Industrie 4.0 gehört Professor Wolfgang Wahlster, Direktor und CEO des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz (DFKI). Er erläuterte, dass die "Losgröße 1" das Ziel sei: Das allgegenwärtige Internet ermögliche neue Fertigungsprozesse, die Herstellern von Premiumprodukten satt uniformer Massenproduktion das Anfertigen individuell zugeschnittener Unikate erlaubten. "Das Produkt passt sich an den Kunden an und nicht umgekehrt", zitierte Wahlster die Eröffnungsrede von Bundeskanzlerin Angela Merkel. Er nannte das Beispiel des Internet-Unternehmens MyMüsli, das heute beliebig viele Müsli-Mischungen anbieten könne, weil mit einem RFID-Chip versehene Schachteln am Fließband der jeweiligen Abfüllanlage mitteilten, welche Zutaten in welcher Menge hinein sollten.

Abwägen zwischen Sicherheit und persönlichem Nutzen

Wenig überraschend war das Thema Sicherheit und Datenschutz auch in dieser Diskussion allgegenwärtig. Allerdings, so meinte Wissenschaftler Peter Buxmann von der TU Darmstadt, seien die Sorgen manchmal überzogen. Deutschland sei nun mal ein extrem skeptisches Land. Das habe aber auch seine guten Seiten, da die Anbieter daraus ein Geschäft machen könnten: "Security made in Germany ist eine Chance".

Accenture-Geschäftsführer Riemensperger berichtete von einem Projekt, in dem die Datenschutzrichtlinien der Länder verglichen worden seien. Ergebnis: "Deutschland ist da schon sehr extrem." Als Möglichkeit, ein vernünftiges Sicherheitslevel zu erreichen und den Menschen einen Teil der Sorgen zu nehmen, sah Gastgeber Streibich in einem "Schengen-Abkommen bezüglich Datensicherheit", das einmal im Gespräch gewesen sei: Ein definierter regionaler Raum, in dem sich die Ländern vertrauten und gemeinsam verlässliche Datenschutzregeln verabschieden könnten.

Keinen Illusionen bezüglich Datenschutz und -sicherheit wollte sich Bitkom-Präsident Kempf hingeben: "Irgendwann wird es schwierig, hochsichere Systeme haben zu wollen und dafür weder mit Geld noch mit Daten zu bezahlen." Man müsse auch einmal die richtige Relation für den Wert persönlicher Daten finden - beispielsweise im Vergleich zu drängenden Gesellschaftsthemen wie dem Klimawandel oder der alternden Gesellschaft.

T-Systems-Chef Clemens setzte noch eins drauf: Umfragen hätten gezeigt, dass für die meisten Menschen die Herausgabe persönlicher Daten durchaus verhandelbar sei - wenn der Preis stimme. Die meisten Bürger würden ihre Daten herausgeben, wenn sie etwas Angemessenes dafür bekämen. Auf keinen Fall dürften überzogene Datenschutz- und Sicherheitsbedenken dazu führen, dass sich Deutschland von der industriellen Entwicklung abkoppele, sagte Clemens. "Wir würden dann zur digitalen Kolonie."