Zukunftsmarkt Biometrie

Wer bin ich?

Alexander Freimark wechselte 2009 von der Redaktion der Computerwoche in die Freiberuflichkeit. Er schreibt für Medien und Unternehmen, sein Auftragsschwerpunkt liegt im Corporate Publishing. Dabei stehen technologische Innovationen im Fokus, aber auch der Wandel von Organisationen, Märkten und Menschen.
Der elektronische Reispass ePass hat der Biometrie zum Durchbruch verholfen. Weitere Verfahren nähern sich der Reife.

Im Rewe-Supermarkt an der Eschweiler Straße in Hürth-Hermülheim können ausgewählte Kunden ihre Geldbörse stecken lassen - ein Fingerabdruck genügt, um Milch und Müsli zu bezahlen. Zuvor müssen sich Kunden jedoch registrieren und zwei Fingerkuppen einscannen lassen. Seit Oktober 2009 läuft hier ein Pilotversuch, mehrere 100 Kunden haben sich angeblich schon angemeldet. "Wir testen mit diesem Pilotmarkt ein mögliches Lastschriftverfahren der Zukunft", zitiert der Anbieter Easycash seinen Anwender Rewe Group in einer Pressemitteilung. Und: "Oberste Priorität hat für uns die Kundenakzeptanz."

Hier liegt der Hund begraben: Dort wo die Nutzung freigestellt ist, konnten sich biometrische Verfahren zur Authentisierung bislang nicht auf breiter Front durchsetzen. Trotz des in Aussicht gestellten Komforts verweigern sich viele Bürger aus Sorge um den Datenschutz. Das Problem der Biometrie: Die automatisierte Erkennung von Individuen anhand ihres Verhaltens oder biologischer Merkmale reduziert den Menschen auf digitale Daten. Er selbst wird zum Ausweis, der selbsttätig von einem System authentifiziert wird. Und hinter der Biometrie lauert stets das Gefühl totaler Kontrollierbarkeit, was die Spannung zwischen Attraktion und Abscheu erzeugt.

Je mehr die aus Science-Fiction-Filmen bekannte biometrische Identifikation den Weg in die reale Welt findet, desto lauter wird die Kritik. Ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte sie im Vorfeld der Einführung neuer Reisepässe (ePass) Ende 2005 in Deutschland. Nach den Anschlägen des 11. September 2001 hatten sich die Mitgliedstaaten der Europäischen Union unter dem Druck der USA auf die Einführung der Biometrie bei Pässen und Visa verständigt, um - so das Argument - Fälschungen zu erschweren. In der zweiten Generation der elektronischen Pässe kamen Ende 2007 noch zwei auf Chip gespeicherte Fingerabdrücke zum biometrischen Foto hinzu. Inzwischen ist die Diskussion etwas abgeebbt, doch das kann sich schon bald wieder ändern.