Umfangreiches Angebot auf der Expo 2000

"Welttheater der Arbeit" zeigt die Jobs von morgen

16.06.2000
Visionen und Ideen zum Zusammenspiel von Mensch, Natur und Technik im 21. Jahrhundert stehen im Mittelpunkt des Themenparks auf der Weltausstellung in Hannover. Elf Einzelausstellungen auf einer Fläche von rund 100000 Quadratmetern präsentieren Szenarien einer besseren, gerechteren Welt. Einen Vorgeschmack auf die Arbeitswelt der Zukunft bekommen Expo-Besucher im "Welttheater der Arbeit".Von Dagmar Sobull*

Gutgekleidete junge Männer mit Aktenkoffern durcheilen in der Rushhour eine fiktive Großstadt, hetzen die Stufen zu imaginären Bürotürmen hinauf oder liegen in Badehose mit ihrem Laptop unter Palmen. Nebenan macht sich ein Heer von Menschen in einfacher Arbeitskleidung mit Schaufel und Besen über den Großstadtmüll her. Im "Welttheater der Arbeit" auf der Expo 2000 zeigen Pantomimen und Tänzer unter der Regie des belgischen Choreographen Frederic Flamand, wie die Entwicklung von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft aussehen könnte.

Um in das Innere der ellipsenförmigen Theaterarena zu gelangen, muss der Besucher zunächst eine 140 Meter lange, dunkle Rampe durchlaufen, die in Serpentinen nach unten führt. Namenszüge der am Themenpark "Zukunft der Arbeit" beteiligten Partner scheinen durch den Einsatz von Schwarzlicht frei im Raum zu schweben. An den Wänden sind bereits Umrisse der Tänzer zu sehen, die sich im Inneren der Ellipse auf Plattformen an den Seitenwänden bewegen.

Unten angekommen, kann sich das Publikum in der Mitte der Arena frei bewegen. An allen Seiten gleichzeitig in drei Stockwerken übereinander bewegen sich die Schauspieler im Takt der lauten Musik meist im Stakkato. Im Hintergrund sind ihre Bewegungen auf riesigen Bluescreens mehrfach vor wechselnden Kulissen zu sehen, transportiert in die Arbeitswelt von morgen. In einer darunter liegenden Videogalerie mit über 100 Bildschirmen berichten Menschen aus verschiedenen Branchen von ihren Erfahrungen mit neuen Unternehmenskonzepten, Telearbeitsplätzen, globalen Handelsbeziehungen und zyklischen Produktionsweisen.

Die Bundesanstalt für Arbeit, Gewerk-schaften, Arbeitgebervertreter und Sozialversicherungsträger sowie die Zeitarbeitsfirma Adecco zählen zu den insgesamt sechs zahlenden Partnern der millionenschweren Inszenierung unter Federführung des Hauptverbandes der gewerblichen Berufsgenossenschaften (HVBG). Die gesetzlichen Unfallversicherer haben die externe Projektleitung im Auftrag der Expo 2000 GmbH übernommen.

Mit dem "Welttheater der Arbeit" wollen die Ausstellungsmacher einen Einblick geben in allgemeine Trends und Handlungsfelder der Arbeitswelt von morgen. Konkrete Botschaften sind auf Schlagworte wie "Soziale Sicherheit" oder "Lebenslanges Lernen" beschränkt, die in Form von leuchtenden Spruchbändern gelegentlich über die Bühnen flimmern.

Die szenografische Darstellung sei besonders geeignet, um die radikalen Umbrüche in der Arbeitswelt darzustellen, meint Stararchitekt Jean Nouvel, der das "Welttheater der Arbeit" in Halle 4 entworfen hat. Bei der Inszenierung ist das gewohnte Verhältnis zwischen Publikum und Bühne bewusst auf den Kopf gestellt. Der Besucher steht in ungewohnter Perspektive im Mittelpunkt. Das Bühnengeschehen spielt sich auf einem mehrstöckigen Laufsteg um ihn herum ab. Wer die Handlung verfolgen will, muss ständig in Bewegung bleiben, flexibel und mobil sein - genau so, wie es in der Arbeitswelt der Zukunft erforderlich sein wird. An Medientischen mit eingebauten Touchscreens in der Vertiefungszone können sich interessierte Besucher eingehender mit einzelnen Themen befassen oder im Internet nach weiteren Informationen zur Zukunft der Arbeit fahnden.

Die Darstellung "Zukunft der Arbeit" im Themenpark ist typisch für die Art, wie die Expo-Macher den Besuchern komplexe Themen nahebringen wollen - weniger wissenschaftlich als vielmehr emotional. Das Erlebnis steht im Mittelpunkt sämtlicher Ausstellungen des Themenparks. Prospektsammler wären vermutlich enttäuscht. Denn das zukunftsweisende Prinzip der papierlosen Information wird im Themenpark konsequent umgesetzt. Faltblätter oder gar Broschüren zu den einzelnen Themen gibt es nahezu nirgendwo.

Eine Ausstellung neuen Typs erwartet die Besucher auch in der benachbarten Abteilung des Themenparks in Halle 4 mit dem Titel "Wissen, Information, Kommunikation", die von Alcatel gesponsert wird. Dort ist die gesamte Ausstellung in blaues Licht getaucht. Auf einer Fläche von 4000 Quadratmetern kreisen insgesamt 72 kapselförmige, mobile Objekte in unterschiedlichen Größen im Raum umher. Auf ihrer lichtdurchlässigen Kunststoffhaut sind kurze Filmsequenzen und Bilder zu sehen.Verbindendes Thema ist die "Mensch-Maschine-Schnittstelle". Jeder Besucher kann sich aus den Einzelteilen quasi seinen eigenen Film bauen. Botschaft der Ausstellungsmacher: Erst aus vielen einzelnen Informationen entsteht Wissen.

Die zwischen eineinhalb und dreieinhalb Meter hohen Roboter sind so programmiert, dass sie sich zwar selbständig, aber gleichzeitig wie ein Schwarm verhalten. Ständig in Bewegung, können sie sich zu großen und kleinen Ansammlungen zusammenballen und eine Art kollektiver Intelligenz entwickeln. Die selbstorganisierten Roboter merken sich ihre Fahrwege und können schließlich immer schneller auf Besucher reagieren, also ihnen zum Beispiel ausweichen.

Ein Team von Künstlern und Technikern des Karlsruher "Zentrums für Kunst und Medientechnologie" (ZKM) hat das Konzept entwickelt. Die Roboterschwärme sollen zeigen, "wie Wissensdistribution heute läuft: als ein selbstorganisierendes, mobiles, intelligentes Netzwerk". Ziel der Ausstellung ist es, die Idee des Netzes und der Vernetzung als treibende Kraft der technologischen Entwicklung für die Besucher erfahrbar zu machen.

Die Präsentationen im Themenpark "Zukunft der Arbeit" lassen keinen Zweifel daran, dass neue Technologien und die Globalisierung die Arbeitswelt so stark verändern werden wie zuvor nur die industrielle Revolution. Insgesamt sechs Themenschwerpunkte stehen auf dem Programm: "Arbeit und Leben" bietet eine Gesamtschau auf die Veränderungsprozesse in der Arbeitswelt und die gesellschaftlichen Folgen. Dabei geht es insbesondere um das Spannungsfeld von Erwerbs- und Nichterwerbsarbeit sowie um den notwendigen Aufbruch in die Wissensgesellschaft. Lebenslanges Lernen, die ständige persönliche Weiterentwicklung und grundsätzliche Offenheit für alles Neue erscheinen als wichtige soziale Fähigkeiten.

Die "Erwerbsarbeit der Zukunft" präsentiert sich in anschaulichen Szenarien aus der Fabrik und dem Büro von morgen. Dabei steht die Informations-und Kommunikationstechnik im Mittelpunkt. Netzartige Organisationen ermöglichen neue Unternehmensstrukturen. Bei der "Arbeit und Umwelt" steht die wirtschaftliche Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit ökologischer Prozesse im Mittelpunkt. Der Themenschwerpunkt "Beschäftigung und soziale Sicherung" stellt Strategien in Zeiten rückläufiger Beschäftigung vor. Lösungsansätze deuten in Richtung einer "Tätigkeitsgesellschaft", in der die Grenzen zwischen Erwerbs- und anderer Arbeit fließend sind.

Im Schwerpunkt "Arbeit und Gesundheit" geht es um eine menschengerechte Gestaltung der Arbeitswelt. Ganzheitliche Ansätze zur Verhinderung von berufsbedingten Erkrankungen sind gefragt.

"Arbeitsbeziehungen der Zukunft" behandeln neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Beschäftigten, Unternehmen und den jeweiligen Interessenverbänden. Mit Blick auf die umwälzenden Veränderungen der Arbeitswelt hin zu mehr Deregulierung und Flexibilisierung werden neue Formen der Beteiligung und der Sozialbeziehungen präsentiert.

Zu einem "virtuellen Expobesuch" im Themenpark "Zukunft der Arbeit" lädt die Themenplattform www.zukunft-der-arbeit.com im Internet ein. Die Internet-Präsentation, die die Expo GmbH zusammen mit dem HVBG und der Universität Witten-Herdecke konzipiert hat, ermöglicht einen Besuch der Ausstellung am Bildschirm.

Das Informations- und Diskussionsforum im Internet vertieft in der Ausstellung angerissene Fragen wie: Welche neuen Arbeitsformen kommen auf uns zu? Wie sind diese Prozesse für das Gemeinwohl steuerbar? Welche Wissensformen und Ausbildungen brauchen wir in Zukunft? Virtuelle Mentoren leiten den Besucher durch das Themennetzwerk und zeigen ihm anhand eines "Infometers" seinen aktuellen Wissensstand. Der Online-Auftritt soll als meinungsbildende Plattform zum Thema "Zukunft der Arbeit" auch über die Weltausstellung hinaus als Informations- und Diskussionsforum dienen.

*Dagmar Sobull ist freie Journalistin in Hemmingen bei Hannover.

VeranstaltungstippsDas Konferenzprogramm auf der Expo 2000 sieht insgesamt neun "Global Dialogues" vor. Unter dem Motto "Wege zur Lerngesellschaft - Wissen, Information und menschliche Entwicklung" laden Expo 2000 GmbH, Unesco und Weltbank vom 6. bis 8. September zum Global Dialogue ein. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Systeme lebenslangen Lernens aussehen können und wie sich ein gerechter Zugang zu Wissen sowie die Verhinderung von Missbrauch organisieren lässt.

Über "Future Works - Labour, Sustainable Business and Social Responsibility" diskutieren Experten aus aller Welt vom 3. bis 5. Oktober 2000 auf Einladung der Hans-Böckler Stiftung. Nähere Infos zu den Global Dialogues: http://www.expo2000.de.

Die "Zukunft der Arbeit" steht auch im Rahmen des Weltingenieurtages auf dem Programm, welchen der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) vom 19. bis 21. Juni auf dem Weltausstellungsgelände veranstaltet. Am 19. Juni stellt Professor Hans-Jörg Bullinger, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswissenschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart und Vorsitzender des Programmausschusses "Zukunft der Arbeit" bei der Expo 2000 GmbH, Ergebnisse einer weltweiten Studie zur "Arbeit der Zukunft" vor: Globalisierung der Märkte, Arbeiten im weltweiten Verbund und neue Formen der Arbeitsorganisation sind zentrale Aspekte, über die hochkarätige Referenten aus aller Welt referieren und diskutieren. Dabei spielt die Informations- und Kommunikationstechnologie eine wesentliche Rolle. Nähere Infos: http://www.vdi.de/wit.