Toysmart und Netscape in der Schusslinie

Web-Firmen treiben weiterhin Schindluder mit Kundendaten

14.07.2000
MÜNCHEN (CW) - Erneut verstoßen amerikanische Internet-Unternehmen gegen den Datenschutz: Der in Konkurs gegangene Online-Spielzeughändler Toysmart will seine Kundendatenbank verkaufen und bricht so sein Versprechen, Details über Online-Shopper nie weiterzugeben. Rechtliche Schritte drohen auch der AOL-Tochter Netscape. Sie steht wegen heimlicher Übermittlung von Daten über Communicator-Anwender in der Kritik.

Die amerikanische Regulierungsbehörde Federal Trade Commission (FTC) hatte sich laut einem Bericht des "Wall Street Journal" für eine Klage gegen Toysmart entschieden, nachdem das Unternehmen in einer Anzeige in der amerikanischen Finanzzeitung seine Kundendatenbank zum Verkauf angeboten hatte. Die Site der gestrandeten Internet-Firma zeigt nach wie vor das "Trust-e"-Symbol, das diesem und einer Reihe anderer Online-Unternehmen die Einhaltung bestimmter Richtlinien zum Schutz personenbezogener Daten bescheinigt. Trust-e ist eine Initiative der amerikanischen Internet-Wirtschaft zum Datenschutz im Web. US-Firmen engagieren sich dort, damit es die US-Regierung bei der freiwilligen Selbstkontrolle der Industrie belässt und Datenschutz nicht per Gesetz verordnet.

"Nach wie vor ist die Vereinbarung zwischen Trust-e und Toysmart bindend", gab ein Sprecher der Privacy-Initiative gegenüber der amerikanischen CW-Schwesterpublikation "The Industry Standard" zu bedenken. Auch Trust-e will Toysmart daran hindern, die Kundendaten zu veräußern, und bereitet eine Klage vor.

Wie viele Kundendaten Toysmart gesammelt hat, ist nicht bekannt, doch zählte die Site während des vergangenen Weihnachtsgeschäfts zu den meistbesuchten in den USA. Der bevorstehende Rechtsstreit wird auch Disney nicht unberührt lassen, schließlich hält der Unterhaltungskonzern 60 Prozent der Aktien des Spielzeugherstellers.

Auch die AOL-Tochter Netscape steht wegen Datenschutzverletzungen am Pranger. Ihre Software "Smartdownload", die gemeinsam mit dem Web-Browser "Communicator" ausgeliefert wird, soll heimlich Informationen über die vom Surfer heruntergeladenen Dateiübertragungen an den kalifornischen Softwarehersteller übertragen haben. Betroffen sein dürften davon auch deutsche Nutzer des Netzprogramms. Wie das Online-Magazin "Tecchannel", eine deutsche CW-Schwesterpublikation, berichtete, werden dabei die IP-Adresse des Browser-Anwenders, der Name des Servers sowie der Dateiname übermittelt. Hat sich der Surfer zudem bei Netscapes Portal "Netcenter" registriert, sendet Smartdownload auch gleich die E-Mail-Adresse des Users mit. Eine Stellungnahme der Muttergesellschaft AOL zu Netscapes Lauschangriff steht noch aus.

In der Vergangenheit machten einige amerikanische Firmen Schlagzeilen wegen ihres eigenwilligen Verständnisses von Datenschutz. Im Februar stand Doubleclick, amerikanischer Online-Werbevermarkter, in der Schusslinie. Das Unternehmen wollte personenbezogene Daten mit Messungen von Surfverhalten verknüpfen, ruderte nach lauten Protesten von Behörden und Datenschützern jedoch wieder zurück.

Ärger wegen mangelndem Schutzes der Privatsphäre handelte sich letzten November auch der Streaming-Media-Spezialist Real Networks ein. Dessen "Jukebox", eine elektronische Musikdatenbank für Lieder aus dem Internet und von CD-ROMs, übermittelte die von Anwendern bevorzugten Musikstile ohne deren Wissen an die Firmenzentrale in Seattle. Real Networks änderte nach den Protesten seine Geschäftspraktiken.