Diplomatischer Krimi geht weiter

Was passiert mit Assange?

20.08.2012
Julian Assange bleibt rätselhaft. Sein mit Spannung erwarteter Auftritt auf dem Balkon der ecuadorianischen Botschaft in London speiste mehr die Spekulationen, als Antworten zu geben. Die diplomatischen Drähte glühen.
Den US-Präsidenten Barack Obama forderte Julian Assange bei seiner Rede gestern auf, die "Hexenjagd" gegen Wikileaks zu beenden.
Den US-Präsidenten Barack Obama forderte Julian Assange bei seiner Rede gestern auf, die "Hexenjagd" gegen Wikileaks zu beenden.
Foto: Vertigogen (CC BY-NC-SA 2.0)

Was passiert mit Julian Assange? Wer sich von dem Auftritt des 41 Jahre alten Australiers am Sonntag im Herzen von London konkrete Aufschlüsse über dessen Zukunft erhofft hatte, wurde enttäuscht. Der Internetrebell trat in feinem hellblauen Hemd, roter Krawatte und neuer Kurzhaarfrisur auf und tat auf dem Botschaftsbalkon das, was man erwarten durfte: Er bedankte sich artig bei Volk und Präsident von Ecuador, das ihm am vergangenen Donnerstag Asyl gewährt hatte. Und genauso bei seinen Unterstützern in aller Welt.

Assange schien diese Szene nach Monaten ohne öffentlichen Auftritt zu genießen: Er auf dem Balkon, knapp unter seinen Füßen eine Hundertschaft Polizei - aber außer Reichweite. Der Wikileaks-Gründer verließ bewusst nicht das Hoheitsgebiet Ecuadors - andernfalls hätte er seine Festnahme durch Scotland Yard riskiert. Mit seiner Flucht in die Botschaft vor acht Wochen hatte er die Auflagen gebrochen, die ihn vor der Auslieferungshaft nach Schweden bewahrt hatten. Die dortigen Behörden wollen ihn mittels eines EU-weiten Haftbefehl in die Hände bekommen, weil ihm Sexualdelikte angelastet werden.

In seiner 19 Minuten langen Rede war dann zwischen den Zeilen doch ein wenig von dem zu hören, was Assange in den nächsten Tagen und Wochen vorhaben könnte. Er wies ausdrücklich auf die Unterstützung aus Süd- und Mittelamerika hin und verwies auf Länder wie Argentinien, Bolivien, Brasilien, Chile, Honduras oder Venezuela. Offensichtlich will er mit Hilfe seines Anwaltes Baltasar Garzón und der Regierung von Ecuador maximalen diplomatischen Druck aufbauen.

Immerhin hat er es schon jetzt geschafft, mit Australien, Großbritannien, Ecuador, Schweden und den USA fünf Nationen diplomatisch auf Trab zu halten. Noch am Sonntag wollten sich die Außenminister der südamerikanischen Staaten treffen und eine Haltung zu seinem Fall vereinbaren. Am nächsten Freitag kommen in Washington die Außenminister der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zusammen, um den Fall Assange zu diskutieren.

Venezuelas linksgerichteter Präsident Hugo Chavez sprach sich bereits offen für die Unterstützung der Linie Ecuadors aus. Auch Kolumbien und Argentinien sollen hinter Ecuadors Präsident Rafael Correa stehen. Der Australier ist damit von einem Fall für die Richter zu einem Fall für die große Politik geworden. Dass Großbritannien die diplomatische Tollpatschigkeit begangen und angedroht hatte, möglicherweise in die Botschaft Ecuadors einzudringen und deren Unverletzlichkeits-Status einzudringen, dürfte dem Pro-Assange-Lager in die Hände gespielt haben.

Bewegung kann eigentlich nur Schweden bringen. Hinter den Kulissen wird seit Wochen geschachert, um die Skandinavier zu einem Kompromiss zu bewegen. Sie könnten sich etwa bereiterklären, ein Verhör von Assange in London zu arrangieren - oder eine Garantie abgeben, dass sie den Australier nicht an die USA weiterreichen. Dies sei seine große Sorge, ließ er über seine Anwälte ausrichten. Assange habe keine Angst vor der Strafverfolgung in Schweden, wohl aber vor einer Auslieferung an die USA. Bisher haben die Schweden allerdings keinen Millimeter Boden preisgegeben.

Assange holte sich in dem groß aufgezogenen Auftritt vor der Weltpresse prominente Unterstützung. Dass Modedesignerin Vivienne Westwood in einem verlesenen Statement ausrief: "Ich bin Julian Assange", darf man getrost unter der Rubrik Polit-Show verbuchen. Ernster wurde es dagegen, als der frühere britische Botschafter in Usbekistan, Craig Murray, erklärte, es sei in der internationalen Geheimdiplomatie "Routine", dass politisch unangenehme Personen mit strafrechtlichen Vorwürfen überzogen würden, vorzugsweise mit Sexualdelikten.

Tatsächlich wirft die Art, wie die Vorwürfe gegen Assange im Sommer 2010 zustande kamen, einige Fragen auf. Nicht einmal eine Anklage gegen ihn existiert bisher. Die offenen Fragen zu beantworten wiederum wäre Sache von Assange. Er bestreitet die Übergriffe auf zwei junge Schwedinnen, trägt aber wenig zur Aufklärung bei. Wie lange sich die Story des wohl prominentesten Enthüllers der Gegenwart noch um sich selbst drehen wird? Derzeit kann wohl niemand den Ausgang des Krimis voraussagen. Auf dem Botschaftsbalkon im noblen Londoner Viertel Knightsbridge schloss sich hinter Assange erst einmal wieder die Tür. (dpa/tc)