IT-Standort Deutschland

Was IT-Player, Politik und CIOs für Startups tun sollten

26.05.2014
Dr. Carlo Velten schreibt als Experte zu den Themen Cloud-Platforms und -Developers, Enterprise Cloud Management und Digital Business. Dr. Carlo Velten ist CEO des IT-Research- und Beratungsunternehmens Crisp Research AG. Seit über 15 Jahren berät Carlo Velten als IT-Analyst namhafte Technologieunternehmen in Marketing- und Strategiefragen.
IT-Startups in Deutschland entwickeln sich weniger schnell als in den USA. Positive Beispiele aus dem Gaming-, eCommerce- und Medienumfeld können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Innovationskultur in deutschen IT-Abteilungen darbt. Was sollten IT-Anbieter, Politik und vor allem CIOs also tun?

Startups sind in der neuen digitalen Welt eine sehr wichtige, neue Partnergruppe für die großen IT-Player. Sie stellen die Speerspitze der Innovation und auch die Partner von morgen dar. (Lesen Sie auch: Steht Deutschland vor einen neuen Gründerzeit?) Allerdings sind die heutigen Startups nur ein Teil der Unternehmensgründungen. Crisp Research rät IT-Herstellern wie Microsoft, SAP, Salesforce & Co, nicht nur Startups zu fördern, sondern den Blick auf anderen Gründungen zu weiten. Das Spektrum reicht von Entwicklern an Universitäten über Universitäts-Spinoffs bis hin zu Management-Buy-Outs (MBOs) aus etablierten Unternehmen.

Gerade den universitären Spinoffs (starke Technologie, Patente) und den MBOs (starkes Management, existierender Marktzugang) sollten die Programme stärker Rechnung tragen.Hier ergeben sich meist sehr konkrete Umsatz- und Verwertungsoptionen. Aber auch der Unterstützung von einzelnen Entwicklern und Studenten an Universitäten und Fachhochschulen sollte noch mehr Aufmerksamkeit zuteil werden. Denn hier ist selbst mit schmalem Budget eine große Wirkung zu erzielen, wenn es darum geht, die neue Entwicklergeneration an die eigenen (Cloud)-Plattformen heranzuführen.

In der neuen Berliner Niederlassung von Microsoft findet sich nicht nur das öffentliche Café „The Digital Eatery“, sondern auch Platz für zehn Startups, die der Softwarehersteller fördert. Mentoren machen die Jungunternehmen vier Monate lang fit in Sachen Technologie, Design, Business Development und Marketing.
In der neuen Berliner Niederlassung von Microsoft findet sich nicht nur das öffentliche Café „The Digital Eatery“, sondern auch Platz für zehn Startups, die der Softwarehersteller fördert. Mentoren machen die Jungunternehmen vier Monate lang fit in Sachen Technologie, Design, Business Development und Marketing.
Foto: Microsoft

Zwar macht die deutsche IT-Startup-Branche Fortschritte, doch im Vergleich mit den USA oder Israel sind die Möglichkeiten und der Einfluss von IT-Innovationen "Made-in-Germany" noch überschaubar. So schaffen es nur wenige Startups aus Deutschland Technologien zu entwickeln, die sich weltweit durchsetzen und vermarkten lassen (zum Beispiel Parstream). Im Bereich der generischen Technologien beziehungsweise horizontalen Lösungen sind uns USA, Israel & Co weit voraus. So dominieren in der Diskussion um Cloud, Platform-as-a-Service oder Hadoop fast ausschließlich US-zentrierte Startups die Diskussion.

Anders verhält es sich mit vertikalisierten beziehungsweise spezialisierten Lösungen (etwa Energie-Management). Gerade im Bereich industrienaher IT-Lösungen sind deutsche IT-Unternehmen und Startups wiederum Weltklasse. So liegt in der engen Kooperation zwischen exportstarken Industrieunternehmen und ihren IT-Innovationspartnern eine enorme Chance für neues Wachstum. Die wichtigste Frage in diesem Kontext lautet: Wie lassen sich erste Erfolge auf Projektbasis in nachhaltige Strukturen und Programme überführen, um als branchenbezogene Best Practices multiplizierbar und global vermarktbar zu sein? Crisp Research sieht hier verschiedene Ansätze, wie etwa den Auf- und Ausbau von IT-zentrierten Corporate-Venturing-Aktivitäten oder die Förderung von Corporate Spin-Offs und Buyouts, um erste Innovationserfolge in neue Geschäftsfelder zu transformieren. Gute Beispiele sind Robert Bosch Venture Capital oder auch Tengelmann Ventures.

Startups brauchen neue Absatzkanäle und langfristige Geldquellen

Gründungswettbewerbe und Startup-Programme sind ein unverzichtbarer Bestandteil, um die Startup-Kultur zu fördern. Sie schaffen Motivation und unterstützen bei den ersten Schritten. Sie sind ein notwendiges aber nicht hinreichendes Instrumentarium.

Was es in Deutschland braucht, um IT-Innovationen ernsthaft voranzutreiben - abseits der Sonntagsreden und des medialen Schulterklopfens - sind großangelegte Infrastruktur- und Investitionsprogramme mit fairen Beteiligungsmöglichkeiten für Startups und mittelständische IT-Firmen. So ist es nicht hinnehmbar und volkswirtschaftlich schädlich, wenn bei Förder-und Investitionsprogrammen maßgeblich Konzerne und etablierte Unternehmen in den Genuss von Fördermitteln kommen. Was also ist zu tun?

Crisp Research schlägt an dieser Stelle Maßnahmen vor, die standortpolitisch geprägt sind und sich dadurch auszeichnen, dass sie Startups in Deutschland neue Absatzchancen und langfristige Finanzierungsmöglichkeiten öffnen. Dies würde auch dazu führen, den Startup- beziehungsweise IT-Standort für Gründer und Finanziers aus dem Ausland wieder attraktiver zu machen und bestenfalls einen Kapitalimport in Startups am Standort Deutschland zu erreichen.

Dabei zielen die Maßnahmen auf drei strategische Ziele ab:

  1. Zugang zu neuen Absatzkanälen für IT-Startups.

  2. Aufbau langfristiger Finanzierungsquellen zur Forcierung des digitalen Wandels.

  3. Schaffung intelligenter Anreizmechanismen und Synergien.

Breitbandausbau: Mehr Aufträge an Startups vergeben

Nach Studien des Bundeswirtschaftsministeriums verlangt der Ausbau einer flächendeckenden Glasfaserversorgung bis 2018 ein Investitionsvolumen von rund 80 Milliarden Euro. Die Aufrüstung der Netze mit breitbandiger Funktechnologie für den mobilen Einsatz wirft einen weiteren Milliardenbetrag an Investitionen auf. Nach Einschätzungen von Crisp Research könnten die Investitionen in Höhe von 100 bis 120 Milliarden Euro bis 2020 gestreckt und nach einem Verfahren vergeben werden, dass 20 Prozent der Investitionen an Startups oder junge Technologiefirmen in Deutschland vergibt. Das entspräche einem Umsatzvolumen von insgesamt 20 bis 24 Milliarden Euro, verteilt über einen Zeitraum von sechs Jahren. Ein solcher Anreiz würde Venture Capital- und FuE-Investments auch in kapitalintensiven Hochleistungs-IT-Segmenten, wie Netzwerk, Sicherheit, Data Center etc. rentabel machen und realistische Chancen auf ernsthafte Umsätze schaffen - vorausgesetzt die Technologien und Produkte entsprechen vorher festgelegten Qualitäts- und Sicherheitsstandards.

Der Breitbandausau ist ein Milliardenmarkt, von dem nach Ansicht der Analysten von Crisp Research auch junge Firmen profitieren könnten: 20 Prozent der Investitionen sollten an Startups vergeben werden.
Der Breitbandausau ist ein Milliardenmarkt, von dem nach Ansicht der Analysten von Crisp Research auch junge Firmen profitieren könnten: 20 Prozent der Investitionen sollten an Startups vergeben werden.
Foto: Telekom

Aus heutiger Sicht erscheint das vielleicht etwas verwegen, immerhin dominieren mit Cisco (USA), Huwaei (China), Ericsson (Schweden) und Alcatel-Lucent (Frankreich) vier ausländische Telekommunikationsausrüster den globalen Markt. Bei realistisch planbaren Absatzchancen würden sich aber Investitionen auch am Standort Deutschland wieder lohnen. Und Innovationen im Networking- und Datacenter-Umfeld lassen auch mit Venture-Capital-Investments in einer Größenordnung von zehn bis 50 Millionen Euro stemmen, wie Firmengeschichten etwa von Ciena, Mellanox und Riverbed belegen. Um der Startup-Branche eine Vorbereitungsphase zu geben, könnte der an junge Technologiefirmen zu vergebende Anteil des Breitbandausbau-Budgets sukzessive gesteigert werden. Als Nebeneffekt könnte im Rahmen eines solchen Programmes wieder verstärkt Einfluss auf die Architektur und Sicherheit der Netzinfrastruktur genommen werden - sicherlich ein strategisches Pfand in Zeiten rasant ansteigender Cyber-Attacken und Spionage aus dem Ausland.

Mit GEZ-Gebühren Fonds " Digitales Deutschland" aufbauen

Nachhaltig Chancen für IT-Startups und neue Dienste ergeben sich nur dann, wenn sich die digitale Transformation in Privatwirtschaft und im öffentlichen Sektor (Stichwort eGovernment, Bildung) langfristig finanzieren lässt. Hierzu bedarf es neuer Instrumente, deren Finanzierungslaufzeit über den Vierjahres-Bundeswahlzyklus hinausgeht. Crisp Research schlägt hier einen Fonds "Digitales Deutschland" vor, der sich aus verschiedenen Quellen speist und ein jährliches Budget von fünf bis zehn Milliarden umfasst.

Um dem Wandel im Medienverhalten ernsthaft Rechnung zu tragen, sollte bis 2020 eine Umwidmung der Rundfunkgebühren stattfinden. So sollten von den rund zehn Milliarden GEZ-Gebühren pro Jahr rund die Hälfte in den Fonds "Digitales Deutschland" fließen, um dann zweckgebunden neu vergeben zu werden - und nicht in die Taschen etwa der "Wetten, dass"-Macher zu fließen, die sich heute an den reichlich bemessenen Gebührenströmen gütlich tun.

Als weitere Finanzierungsquelle stehen die Mittel all derjenigen Internet-Unternehmen bereit, die aufgrund der heutigen steuerrechtlichen Rahmenbedingungen in Deutschland noch keine oder nur bedingt Steuern abführen. Crisp Research geht davon aus, dass im Rahmen der Diskussionen im G20-Gremium und der OECD eine Vereinheitlichung der Besteuerung sowie neue Bemessungsgrundlagen geschaffen werden. Sollte dies der Fall sein, schätzt Crisp Research das neu hinzukommende Steueraufkommen auf zwei bis vier Milliarden Euro pro Jahr ein. Allein die Google Germany GmbH dürfte dann für mehr als eine halbe Milliarde Steueraufkommen pro Jahr stehen.

Die Mittel des Fonds "Digitales Deutschland" können dann wahlweise neuen Förderprogrammen im Bereich der Bildung, der Unternehmensgründung und der Zwischenfinanzierung des Breitbandausbaus zugute kommen.

Lokale Rechenzentren fördern

Rechenzentren sind die Fabriken der digitalen Wirtschaft. Sie determinieren Investitionen und Wertschöpfung. Sie schaffen Arbeitsplätze vor Ort und unterwerfen ihre Betreiber unter lokales Recht. Somit schützen sie auch die Nutzer, die ihre Daten in den jeweiligen Rechenzentren ihrer Cloud-Dienstanbieter sichern. Ein lokaler Rechenzentrumsstandort ist sowohl für Geschäftskunden wie Privatanwender entscheidend.

Vor diesem Hintergrund sollte versucht werden, die Ansiedlung von Rechenzentren in Deutschland weiter zu befördern. Gute und verlässliche Rahmenbedingungen und intensiver Wettbewerb für den Betrieb von Rechenzentren bedeuten für Startups und Software-Unternehmen in Deutschland wiederum günstige Produktions- beziehungsweise Betriebskosten für ihre Cloud-Dienste und steigern die Standortattraktivität auch für ausländische Provider. Um die Nutzung deutscher Rechenzentrumsstandorte (unabhängig vom Betreiber) zu forcieren sind verschiedene Initiativen denkbar, die teilweise hinsichtlich ihrer Kompatibilität mit EU-Wettbewerbsrecht geprüft werden müssen.