Was ist ein Offshore-Qualitätssiegel wert?

Joachim Hackmann ist Principal Consultant bei Pierre Audin Consulting (PAC) in München. Vorher war er viele Jahre lang als leitender Redakteur und Chefreporter bei der COMPUTERWOCHE tätig.
MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Indische Offshore-Anbieter treten mit zwei wichtigen Argumenten an: Ihre Dienste sind gut und günstig. Letzteres untermauern sie mit dem Verweis auf die niedrigen Lohnkosten, Ersteres mit der Zertifizierung gemäß SEI CMM Level 5 (SEI CMM = Software Engineering Institute Capability Maturity Model). Während um die Kosten schon seit längerem eine kontroverse Diskussion geführt wird, mehren sich nun auch Zweifel an der Aussagekraft des Qualitätssiegels.

CMM betrachtet die Prozesse zur Softwareentwicklung in den Unternehmen und definiert Reifegrade. Die höchste Stufe der CMM-Zertifizierung haben weltweit rund 70 Unternehmen erreicht.   Quelle: SEI

Der Club der CMM-Level-5-Zertifizierten (siehe Kasten "CMM bewertet Prozesse") ist exklusiv, die Anforderungen an die Mitglieder sind hoch. Weltweit gibt es nach übereinstimmenden Angaben des SEI und der Marktforscher von Gartner nur 70 Firmen, die dieses Gütesiegel erhalten haben, 50 davon stammen aus Indien. Sie wurden dafür ausgezeichnet, dass sie interne Prozesse realisiert haben, um Software termingenau, budgetgerecht und hochwertig zu entwickeln. Die Abläufe sind transparent gestaltet und gleichzeitig so flexibel, dass nötige Änderungen schnell erkannt und umgesetzt werden. Über die Qualität der Produkte sagt das Siegel jedoch nichts aus - eine Tatsache, die CMM-zertifizierte Dienstleister meistens nicht erwähnen.

Was also ist ein Zertifikat für hiesige Anwender wert, das ursprünglich für das US-amerikanische Verteidigungsministerium entwickelt wurde und von indischen Softwarehäusern mit Leben gefüllt wird? Die Antwort der Anbieter vom Subkontinent fällt eindeutig aus. Die standardisierten Prozesse helfen, die Kosten zu senken, behauptet Sangita Singh, Leiter Strategic Marketing bei Wipro Ltd. Die Einsparungen würden an die Kunden weitergegeben.

CMM bewertet Prozesse Das Capability Maturity Model (CMM) wurde 1987 vom Software Engineering Institute (SEI) der Carnegie Mellon University im Auftrag des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums erstellt. Die Behörde benötigte ein Referenzmodell, um Softwareanbieter nach Termin- und Budgettreue sowie Qualität bewerten zu können. Das SEI entwickelte zwar keine Vorschläge zur Softwareerstellung, definierte aber fünf verschiedene Reifegrade, mit denen sich die internen Prozesse der Anbieter bewerten lassen. Welche Entwicklungskonzepte, Modelle und Verfahren die Softwareanbieter verwenden, bleibt ihnen überlassen. Nach den SEI-Vorgaben sind Unternehmen mit dem niedrigsten CMM-Level 1 chaotisch organisiert und Prozesse nicht erkennbar. Die Auszeichnung mit dem höchsten Zertifikat ist Unternehmen vorbehalten, die klar definierte Abläufe und Qualitätssicherungsverfahren unterhalten. Sie haben zudem Innovationsprozesse etabliert und können ihre Abläufe neuen

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