Executive Think Tank Insurance-IT

Was CIOs in Versicherungen beschäftigt

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Das Bayerische kennt den Spruch von der "Eierlegenden Wollmilchsau". Wie solch ein Wundervieh, das alles kann, dürften sich dieser Tage die CIOs in Versicherungen fühlen.

Die Branche ist im Umbruch - und damit steigen die Anforderungen an die IT. Als drängendste Herausforderungen gelten drei Punkte:

  • das veränderte Kundenverhalten,

  • der Druck, effizienter arbeiten zu müssen,

  • sowie die Pflicht zur Compliance.

Welche Rolle die Informationstechnik konkret spielen soll, darüber herrscht nicht immer Klarheit.

Jürgen Weiss, Gartner: "Die Versicherungen haben keine Strategie."
Jürgen Weiss, Gartner: "Die Versicherungen haben keine Strategie."
Foto: Joachim Wendler

Wer glaubt, bei einem gut aufgestellten Versicherer gelte heute der Grundsatz "die IT ist die Strategie", der irrt. So sieht es jedenfalls Jürgen Weiss, Vice President Research beim Marktforscher Gartner und dort auf das Thema Versicherungen spezialisiert. Auf dem Executive Think Tank "Insurance-IT", den das Finance Forum kürzlich im Haus der COMPUTERWOCHE-Muttergesellschaft IDG veranstaltete, erklärte Weiss rundheraus: "Die meisten Versicherungen haben keine Strategie." Die Unternehmen steckten vielmehr im Operativen fest und blickten nicht über die kommenden drei bis vier Jahre hinaus.

Das erschwert es auch den IT-Entscheidern, die Rolle des Strategen zu übernehmen, so der Analyst. Aber damit nicht genug. Hinzu komme, dass kaum CIOs im Vorstand von Versicherungen säßen. Oft berichteten die IT-Verantwortlichen an den COO (Chief Operation Officer) oder an ein Vorstandsmitglied, das beispielsweise neben Human Resources noch IT mitverantworte.

Streitthema Compliance

Dass Weiss mit seiner Position nicht nur Zustimmung erntete, liegt auf der Hand. Für Kontroversen sorgte auch ein weiteres Thema: die regulatorischen Vorgaben. Die einen sehen darin ein Instrument zur Verhinderung erfolgreicher Geschäftsmodelle, die anderen eine Chance, solche zu entwickeln.

Wie eine Umfrage der PPI AG über MaRisk (Mindestanforderungen an das Risiko-Management) Ende Ende vergangenen Jahres belegte, können Regularien erheblichen Nutzen für Versicherer bringen. Drei von vier Entscheidern erklärten, sie hätten nach Umsetzung der aufsichtsrechtlichen Vorgaben Synergien nutzen können. Insbesondere profitierten Controlling und interne Kontrollsysteme davon. Das ungeliebte Thema Compliance kann also durchaus Verbesserungen in puncto Effizienz bewirken - ein Gedanke, der sich in der Branche aber offenbar nicht so recht durchsetzt.

Herausforderung Kundenselektion

Auch Kundenbindungs-Management ist in den Versicherungen ein heißes Thema. Axel Liebetrau, Management-Berater aus Wiesloch, sieht eine wesentliche Herausforderung im Selektieren der Kunden. Herkömmliche Maßstäbe wie Bildung und Einkommen oder auch die Sinus-Milieus (die Menschen nach Ähnlichkeiten in der Lebensweise und -auffassung gruppieren) reichten heute nicht mehr aus. Der Consultant schlägt vor, die Mediennutzung zu einem Unterscheidungskriterium zu machen - insbesondere im Hinblick auf neue Technologien.

Zum Stichwort neue Kommunikationskanäle plädiert Reinhardt Schink, Head of Market Analysis and Strategy bei der Allianz Deutschland, andere Branchen zum Vorbild zu nehmen. Zum Beispiel die der IT-Hardware. Wer einen neuen PC kaufe, bei dem gehe nach der Erstinstallation ein Fenster mit dem Hinweis auf, wo er bei Fragen anrufen könne. Schink: "Das ist ein gutes Erlebnis für den Kunden." Hier hinke die Finanzbranche noch hinterher.

Unzeitgemäße Risiko-Cluster

Für den Hamburger Berater Jörg Forthmann ist ein weiterer Punkt nicht mehr zeitgemäß: die Art, wie Versicherer Risiko-Cluster bilden. Wo sehen junge Verbraucher eigentlich ihre Risiken? Vielleicht treibt sie der Gedanke um, wie sie ihre Facebook-Party versichern können.

Für den Gartner-Analysten Weiss stellt sich die Realität der Versicherungs-IT dann aber doch profaner dar. Er hat beobachtet, dass die Gedanken der CIOs vor allem um zwei Fragen kreisen.Das ist zum einen die Modernisierung von Legacy-Systemen. Teilweise habe es die IT in den Versicherungsunternehmen mit zehntausenden Systemen zu tun. Er höre deshalb immer öfter den Wunsch nach Standard-Software. Zum Zweiten gehe es vielen CIOs um Business Transformation, also um die Frage, wohin sich die Branche entwickle und wie die IT dabei mitwirke, so Weiss: "Hier spielen Aspekte wie Social Media, Mobile und Cloud eine Rolle".

Last, but not least verwies der Gartner-Manager auf den steigenden Bedarf an Daten über Kunden. "Das Modewort ‚Big Data‘ verwende ich bewusst nicht", sagte Weiss. Der Arbeitsalltag von CIOs habe mit Modebegriffen nichts zu tun. (qua)