Was bringt Suns Open-Source-Strategie?

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Simon Phipps, Chief Open Source Officer von Sun Microsystems, erklärt im Gespräch mit CW-Redakteur Wolfgang Herrmann, wie quelloffene Software das Geschäft des Server-Herstellers ankurbeln soll.

CW: Warum braucht ein Hardwarehersteller wie Sun einen Chief Open Source Officer?

PHIPPS: Wir haben immer Systeme verkauft, die Software, Hardware und Innovationen vereinten. 1995, zu einer Zeit, als Intel und Windows dominierten, hat Sun Java vorgestellt. Damit wurde der Grundstein für einen neuen Markt gelegt. Sun mag Hardware vertreiben und sich auf Systeme konzentrieren, aber ohne Software wären wir nicht in der Lage gewesen, diese neuen Marktchancen zu entwickeln. Geld verdienen wir nicht mit Java, sondern mit dem Markt, der damit entstanden ist.

CW: Java gab es lange, bevor Sun eine Open-Source-Strategie verfolgte.

PHIPPS: Erfolgreich war Java, weil der Sourcecode mitgeliefert wurde. Auf diese Weise verbreitete sich die Programmiersprache schnell in vielen Unternehmen. Und damit war auch die Open-Source-Idee geboren. Vor vier Jahren sprach ich mit Jonathan Schwartz (heute CEO von Sun, Anm. d. Red.) über die Pläne Suns mit Open Source. Mein Argument lautete: Wenn Sun den Quellcode all seiner Softwareprodukte offenlegt, muss es jemand geben, der all das verantwortlich leitet. Um Ihre Frage zu beantworten: Sun braucht einen Chief Open Source Officer, weil sein Geschäftsmodell entscheidend von Software abhängt.

CW: Mit Lizenzen für das Betriebssystem Solaris hat Sun lange Zeit gutes Geld verdient. War es wirklich eine gute Idee, das Unix-Derivat Open Source zu stellen?

PHIPPS: Absolut. Heute kann jeder Benutzer mit Solaris arbeiten, ohne eine Lizenz zu erwerben. Bevor wir den Code offenlegten, war das nur Kunden möglich, die genaue Pläne für den Einsatz in der Schublade hatten. Jetzt kann jeder die Software ausprobieren. Vor rund vier Jahren haben wir Solaris kostenlos verfügbar macht, vor zwei Jahren Open Source gestellt. In dieser Zeit haben wir mehr Umsatz mit dem Verkauf von Abonnements für das System erwirtschaftet als jemals zuvor mit dem Lizenzverkauf.

CW: Was heißt das in konkreten Zahlen?

PHIPPS: Wir veröffentlichen solche Zahlen nicht. Was wir aber sagen können: Sehr viele Nutzer, die OpenSolaris aus dem Web luden und auf x86-Rechnern einsetzten, haben sich anschließend für einen Wartungsvertrag entschieden. Das Paradoxe daran ist, dass wir seit der Freigabe von Solaris mehr Geld damit verdienen als vorher.

CW: Schade, dass Sie diese Aussagen nicht belegen können. Wie viele unabhängige Softwarehersteller, die sich etwa auf Windows- oder Linux-Plattformen konzentrieren, hat Sun zwischenzeitlich für OpenSolaris gewinnen können?

PHIPPS: Zunächst einmal gibt es für Solaris schon eine große Zahl an Applikationen, schätzungsweise 6500. Die Entwicklung in Richtung OpenSolaris ist aber noch immer ein relativ neues Phänomen auf dem Markt. Derzeit heißt die umsatzstärkste Version auf Servern noch Solaris 10. OpenSolaris steht als Umsatzbringer noch am Anfang. Wir haben beispielsweise erst vor zwei Monaten Support-Services für OpenSolaris vorgestellt. In den nächsten Jahren sollen die Umsätze daraus allmählich zunehmen. Gleichzeitig bemühen wir uns, unabhängige Softwarehäuser von den Solaris-Vorzügen zu überzeugen.

CW: Wie viele Ihrer Kunden nutzen OpenSolaris als Backend-Betriebssystem?

PHIPPS: In der Open-Source-Welt ist es generell schwer festzustellen, wie viele Menschen eine bestimmte Software nutzen. Es gibt keine Kontrollmechanismen wie für proprietäre Systeme. Auf den meisten Backend-Servern dürfte aber derzeit Solaris 10 laufen. Mit OpenSolaris richten wir uns derzeit vor allem an Entwickler. Das Segment der Backend-Server werden wir frühestens in 18 Monaten angehen.

CW: Branchenschwergewichte wie IBM oder Oracle verdienen Milliarden mit Middleware-Produkten. Warum verschenkt Sun fast seinen kompletten Middleware-Stack?

PHIPPS: Wir bewegen uns in eine Welt, in der Kunden für Werte bezahlen

CW: Stellen Softwarelizenzen keine Werte dar?

PHIPPS: In der alten Welt konnten Anwender nur dann Werte erwerben, wenn sie im Voraus Lizenzgebühren für eine Software zahlten. In der Open-Source-Welt lässt sich Geld verdienen, indem man Werte Menschen anbietet, die eine Software bereits nutzen. Die Vertriebsmannschaften proprietärer Softwareanbieter versuchen stets, potenzielle Nutzer zu Käufern zu machen. In der Open-Source-Welt ist es der Job der Community-Manager und der sie unterstützenden Verkäufer, Anwender in Kunden zu verwandeln. Sun verfolgt derzeit beide Ansätze.

CW: Führt das nicht zu Konflikten zwischen klassischen Verkäufern und Open-Source-Protagonisten in Ihrem Unternehmen?

PHIPPS: Natürlich ist das nicht einfach. Ich verbringe viel Zeit damit, den Sales-Teams zu erklären, wie sie sich auf die neue Situation und den gerade erst entstehenden Markt einstellen müssen.

CW: Welchen Nutzen bringt die Open-Source-Strategie Suns Hardwaregeschäft?

PHIPPS: Lassen Sie mich das an einem Beispiel verdeutlichen. Wir haben ein Produkt namens Sun Fire X4500, Codename Thumper. Dabei handelt es sich um einen flachen Storage-Server im Format 4U, der mit eSATA-Festplatten arbeitet. eSATA ist an sich nicht besonders zuverlässig. Wenn wir also beispielsweise Windows als Betriebssystem nutzten, würde es ständig zu Disk-Fehlermeldungen kommen. Deshalb haben wir OpenSolaris mit unserem ZFS-Dateisystem verwendet. Damit lassen sich die Harddisks zu einem Pool zusammenfassen, der sicher und zuverlässig arbeitet. Unterm Strich nehmen wir also kostengünstige Commodity-Komponenten und machen daraus mit Hilfe von Software ein sehr zuverlässiges Storage-Produkt.

CW: Betrachtet man Suns Positionierung im Markt, fällt auf, dass Sie immer mehr Infrastruktursoftware feilbieten: Betriebssysteme, Entwicklungs-Tools, Middleware und nach der Übernahme von MySQL sogar Datenbanken. Wie heißt Ihr ärgster Feind? Ist es ein Linux-Spezialist wie Red Hat mit seinem quelloffenen Softwarestack, oder sind es proprietäre Anbieter vom Schlage IBMs oder Oracles?

PHIPPS: Warum muss es einen Feind geben?

CW: Weil es Konkurrenten gibt, denen Sun Marktanteile abjagen könnte.

PHIPPS: Das ist genau das Denken, dass wir überwinden möchten. Sun verfolgt einen anderen Ansatz. Wir bringen Innovationen und schaffen Märkte. Anschließend arbeiten wir daran, dass der Markt wächst. Damit steigen auch die Chancen für unseren Erfolg. Mit Java sind wir nach diesem Muster vorgegangen.

CW: Auch die Chancen ihrer Konkurrenten steigen in diesen Märkten.

PHIPPS: Warum sollte das ein Problem sein?

CW: Weil diese Ihnen Anteile an einem Markt streitig machen, den Sie womöglich selbst geschaffen haben. Sun hat bis heute nicht offengelegt, wie viel Geld Java unterm Strich wirklich gebracht hat. Andere Anbieter erwirtschaften in diesem Segment nachweislich beträchtliche Umsätze.

PHIPPS: Warum sollte es mich kümmern, wenn ein anderes Unternehmen in meinem Markt wächst? Sorgen mache ich mir, wenn mich jemand davon abhält, Wachstum zu erzielen. Aber es ist mir egal, wenn andere Anbieter im Markt ebenso ihre Einnahmen steigern.

CW: Ist es Ihnen gleichgültig, wenn Sie Kunden an Konkurrenten verlieren?

PHIPPS: In diesem Fall würden wir wohl Schritte einleiten, um direkter mit einem Anbieter zu konkurrieren. Bisher war das aber nicht notwendig. Wir haben mit Java erfolgreich einen Markt geschaffen, der weiterhin wächst und in dem wir Geld verdienen. Es gibt andere Player, die mehr Umsatz generieren als wir. Aber das ist mir herzlich egal. Ich bin sehr glücklich, in einem dynamischen Markt unterwegs zu sein.

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