Was bringt die nächste Mobilfunk-Generation?

Manfred Bremmer beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Mobile Computing und Communications hineinfällt. Bevorzugt nimmt er dabei mobile Lösungen, Betriebssysteme, Apps und Endgeräte unter die Lupe und überprüft sie auf ihre Business-Tauglichkeit. Bremmer interessiert sich für Gadgets aller Art und testet diese auch.
LTE verspricht nicht nur Bandbreiten auf Festnetzniveau, auch eine geringere Latenzzeit und höhere Dienstgüte halten mit der 4G-Technik Einzug.

Wer mobil im Internet surft, erlebt immer wieder, dass es trotz HSPA und HSUPA noch deutlichen Verbesserungsbedarf gibt. Hoffnung macht in diesem Zusammenhang vor allem Long Term Evolution (LTE). Mit Bandbreiten von bis zu 140 Mbit/s und gleichzeitig niedrigen Latenzzeiten verspricht die Mobilfunktechnik der vierten Generation (4G) eine wackelfreie Übertragung von HD-Videos und die problemlose Nutzung von Echtzeit-Anwendungen wie Voice over IP (VoIP) auf dem Handy oder Notebook.

Praxistests auf dem MWC

Besucher des Mobile World Congress (MWC) in Barcelona konnten die Fähigkeiten von LTE dank einiger Feldtests bereits in Augenschein nehmen: Um einen Eindruck von der Leistungsfähigkeit zu vermitteln, kutschierte etwa Motorola Interessierte in einem Kleinbus rund um die Placa de Espanya in der Nähe der Messe herum. Während sich das Fahrzeug durch den dichten Verkehr kämpfte, konnten die Insassen nach Lust und Laune auf einem großen LCD-Monitor eine Live-HD-Übertragung (8 Mbit/s) vom Motorola-Messestand verfolgen oder im Internet surfen.

Auch Telekom-Tochter T-Mobile gab zusammen mit den Testpartnern Nortel und LG eine Zugabe zu dem LTE-Testlauf im Herbst 2008. Für die Demonstration wurde in Bonn jeweils ein Sender in der Telekom-Konzernzentrale und auf dem T-Mobile-Hauptquartier aufgestellt. Eine dritte, über eine internationale Verbindung angebundene Basisstation sendete vom T-Mobile-Pavillon in Barcelona auf der Messe. Auch hier konnte sich das Resultat sehen lassen: Über das 10 Megahertz breite Frequenzband stand eine Bandbreite von 60 Mbit/s zur Verfügung. Diese war mehr als genug für die mobile Übertragung von Videokonferenzen oder Filmen in HD-Qualität, für Web-basierende Multiplayer-Spiele oder Downloads von großkalibrigen Dateien in Sekundenschnelle. Wie T-Mobile erklärte, ermöglicht in der endgültigen Version voraussichtlich ein Frequenzband von 20 Megahertz sowie verbesserte Antennentechnik eine Bandbreite von 140 Mbit/s - für die ganze Mobilfunkzelle wohlgemerkt.

LTE-Modem in Handy-Größe

Wie nahe die Technik bereits der Serienreife ist, dokumentiert das von LG entwickelte Modem in der Größe eines Handys. Wenngleich der Formfaktor sicher nicht zufällig gewählt wurde, gehen Marktkenner doch davon aus, dass es sich bei den ersten marktreifen LTE-Empfängern um Modemkarten für Notebooks handeln wird - erste Modelle werden wahrscheinlich in einem Jahr auf der Mobilfunkmesse in Barcelona präsentiert werden.

LTE bringt jedoch nicht nur einen Anstieg der Bandbreite in einer Mobilfunkzelle - dieser Effekt würde bei steigender Nutzerzahl schnell verpuffen. Für Nutzer von komplexen Echtzeitanwendungen viel wichtiger sind eine deutlich geringere Latenzzeit und weniger Signalschwankungen (Jitter). Hinzu kommt die Möglichkeit, wie im Festnetz eine bestimmte Dienstgüte (Quality of Service - QoS) für verschiedene Datenpakete festzulegen. Diese rauschen somit quasi auf einer Überholspur durch das Netz, während weniger kritische Daten wie E-Mails kurzfristig, also wenige Millisekunden, "rechts ranfahren". Branchenkenner wie Michael Ritter von ADVA Optical Networking sind sich sicher, dass spätestens mit LTE auf Basis der Dienstgüte neue Gebührenmodelle entstehen. So seien insbesondere Business-Nutzer bereit, für eine bessere Übertragung und eine geringere Latenzzeit ihrer Daten einen Zuschlag in Kauf zu nehmen. Deep Packet Inspection ermögliche es Mobilfunkbetreibern, den sanften Übergang zur All-IP-Technik zu gestalten und zu verhindern, dass die wertvollen Sprachumsätze durch VoIP via LTE kannibalisiert werden.

Wann LTE Realität wird, ist angesichts der Finanzkrise schwer absehbar - zumal die Technik hohe Investitionen im Backbone erfordert. Hierzulande hat Marktführer T-Mobile angekündigt, HSPA rein softwaretechnisch auszureizen, um anschließend direkt auf 4G-Technik umzusteigen. Ob LTE oder Wimax, behält sich der Carrier - vermutlich aus Verhandlungstaktik - vor.