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Warum Zeit-Management glücklich macht

Wolfgang Herrmann ist Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO. Zuvor war er Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel und stellvertretender Chefredakteur COMPUTERWOCHE. Zu seinen thematischen Schwerpunkten gehören Cloud Computing, Data Center, Virtualisierung und Big Data.
Thomas Lünendonk vom gleichnamigen Marktforschungs- und Beratungshaus bricht eine lange Lanze für professionelle Zeitplantechniken.

CW: Manche Menschen klagen permanent darüber, keine Zeit für die wirklich wichtigen Dinge des Lebens zu haben. Was raten Sie denen?

Lünendonk: Raus aus dem Nebel des "Blindflugs". Sich einfach mal fragen, welche Menschen, Aufgaben und Ziele einem selbst wirklich wichtig sind - und diese dann auch wichtig nehmen. Heißt konkret: Anderes, Gewohntes zeitweise oder ganz lassen, konsequent Abschied nehmen von Aktivitäten, die am tatsächlich Wichtigen hindern. Wer seiner Familie, seinen Lieben oder den Kollegen immer nur erzählt, wie wichtig sie sind, und sie dann immer wieder allein oder warten lässt, hat offensichtlich andere Prioritäten. Dazu sollte er oder sie dann aber auch stehen (siehe auch: Ratgeber zum Zeit-Management).

CW: Wer seine Zeit vernünftig planen will, muss erstmal sein Lebensziel aufschreiben und am besten auch gleich gründlich über den Sinn des Lebens nachdenken, raten manche Zeitmanagement-Experten. Ist das nicht ein bisschen viel verlangt?

Lünendonk: Ja, wenn man es als Fron und nicht als Einladung zum Träumen in eigener Sache betrachtet. Außerdem denken leider viele Leute gar nicht so oft und genau darüber nach, was sie tagtäglich so machen. Da wäre der erste Ansatz vor Lebenszielen und Lebenssinn: sich in konkreten Situationen des Alltags öfter mal zu fragen, ob das eigentlich zielführend und sinnvoll ist, was man gerade tut (siehe auch: Tools für das Zeit-Management).

CW: Eine andere Empfehlung lautet, jeden Tag ein Zeitfenster zum Entwickeln neuer Ideen zu reservieren, beispielsweise von 9.00 bis 9.30 Uhr. Lässt sich Kreativität planen?

Lünendonk: Kreativität lässt sich nicht planen, aber ermöglichen. Wer Zeit für Kreativität investiert oder freiräumt, wird nicht immer kreativ sein, aber zumindest ein wenig mehr Zeit haben. Ist doch auch schon was!

CW: Es soll ja Menschen geben, die ihre wichtigen Aufgaben und Termine stets im Kopf haben. Warum sollen die sich mit Zeitplanern und irgendwelchen Tools herumschlagen?

Lünendonk: Selbst perfekte Mnemotechniker können nicht alles Wissen dieser Welt und alle Termine im Kopf behalten. Und wer vieles im Kopf hat, bekommt immer mehr Neues dazu. Früher oder später läuft dann der Speicher mal über. Wer sich Dinge aufschreibt, schreibt sie tiefer in sein Gedächtnis - und ist entspannter, denn im Zweifelsfall schlägt er oder sie einfach nach.

CW: In wirtschaftlich schwierigen Zeiten nimmt der Druck auf Mitarbeiter und Manager zu. Erlebt das Thema Zeitmanagement derzeit einen Aufschwung?

Lünendonk: Zeit-Management oder besser: Zeitsouveränität ist konjunktur- und situationsunabhängig. Wer seine Zeit im Griff hat, dem geht es in guten wie in schlechten Zeiten besser, denn er hat - und das finden Psychologen sehr wichtig - den Eindruck, sein Leben oder zumindest weite Bereiche davon steuern zu können. Und diese tatsächliche oder vermutete Hoheit über Zeit und Leben macht ein richtig gutes Gefühl.

CW: Macht Zeit-Management aus gestressten Kollegen glücklichere Menschen?

Lünendonk: Wenn der Stress durch das Leiden an Zeitdruck erzeugt wird, kann mit Zeit-Management die Situation für den Menschen durchaus entspannter und glücklicher werden. Wer aber gerne unter einem gewissen Druck steht - und das sind gar nicht wenige Menschen, die ihre Aufgaben lieben -, ist gelegentlich auch ohne Zeit-Management richtig glücklich (siehe auch: Wege aus der Stressfalle).