Matthias Horx

Warum es künstliche Intelligenz gar nicht gibt

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Ob Krankenpflege oder Politik: Die Angst vor Arbeitsplatzverlust durch Roboter beruht auf einem Missverständnis, erklärt der Zukunftsforscher Matthias Horx. Denn Intelligenz ist mehr als logische Prozesse.
  • Ein "ewiger humaner Minderwertigkeitskomplex" lässt Menschen glauben, sie könnten maschinisiert werden
  • Auch die smarteste Software kann beispielsweise weder die vertrauenerweckende Persönlichkeit eines Fondsmanagers ersetzen noch den Ehrgeiz eines Politikers
  • Echte Menschen in Dienstleistungsberufen erleben derzeit eine Renaissance, in zehn Jahren wird es professionelle Tröster und Umarmer geben
Der Zukunftsforscher Matthias Horx glaubt nicht an eine Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine.
Der Zukunftsforscher Matthias Horx glaubt nicht an eine Konkurrenz zwischen Mensch und Maschine.
Foto: Matthias Horx

Von einem "ewigen humanen Minderwertigkeitskomplex" spricht der Zukunftsforscher Matthias Horx in der Automatisierungsdebatte. "Wir trauen uns im Grunde nichts zu, was nicht maschinisiert werden kann", erklärt er. "Dabei vergessen wir, was uns für immer von den Robotern unterscheiden wird: Schmerz, Sterblichkeit, Liebe, Kreativität und wahre Empathie."

In seinem "Zukunftsreport 2017" beleuchtet Horx die Diskussion aus einer Meta-Perspektive. Seine These: Roboter und smarte Maschinen haben die menschliche Arbeitskraft bisher noch nie ersetzt und werden es auch künftig nicht tun. Die Arbeit des Menschen wird sich aber stärker auf das Verlagern, was nur Menschen können: Komplexität bewältigen und Gefühle nutzen.

Roboter als "Angstfreunde"

Für viele Menschen seien Roboter "Angstfreunde", so Horx. Er belegt das mit einem kurzen Streifzug durch die Geschichte. Die "Venus von Milo", eine Statue der Liebesgöttin, ist eines der bekanntesten Beispiele für den menschlichen Wunsch nach Abbildern seiner Selbst. "Wir formen erst Puppen, dann bewegliche Puppen, dann autonome Gebilde, die sich bewegen können. Und immer denken - oder fühlen - wir: das lebt!", erklärt der Forscher. Der "Mensch gewordene Roboter" soll nun Antwort auf "das größte aller Rätsel" geben, nämlich: wer sind wir?

Horx folgt dem Science-Fiction-Autor Philip K. Dick, auf dessen Werken etwa der "Matrix"-Film basiert. Dicks Credo: "Anstatt das Verhalten von Maschinen zu studieren, um menschliches Verhalten zu verstehen, sollten wir lieber Menschen studieren, um das Maschinen-Verhalten zu begreifen."

Was nun die konkrete Angst vor Arbeitsplatzverlust angeht, plädiert Horx für eine Ausweitung des Blicks. Er hält viele bisherige Studien dazu für "unterkomplex" und kritisiert: "Die Tatsache, dass wir heute - am Ende zahlreicher technischer Rationalisierungswellen - mehr Erwerbsbeteiligung als jemals zuvor in der Geschichte haben, wird in der Roboter- und KI-Diskussion schlichtweg ignoriert." Das oft gezeichnete "Angstzukunftsbild" unterschlage, dass Länder mit hohem Automatisierungsgrad (wie Japan, die USA und Deutschland) eine geringe Arbeitslosigkeit aufweisen.

Automatisierung verändert die Arbeitswelt und die Wertschöpfung. Horx illustriert das anhand einiger Beispiele:

Börsenmakler: Zweifellos kann Software Mengen an Daten schneller auswerten als jeder Fondsmanager. Aber dessen Job ist mehr als mathematisches Forecasting: Er gewinnt das Vertrauen von Kunden. Laut Horx belegen Studien, dass Kunden eher auf die charismatische Erscheinung eines Fondsmanagers achten als auf seine Performance.

Pfleger: Horx kennt die Pflege-Roboter, die auf jeder Technikmesse "lustige Hostessen" in die Luft heben und von hier nach dort tragen. "Abgesehen davon, dass es noch Jahrzehnte dauern wird, bis ein Roboter tatsächlich einem Erwachsenen die Windeln wechseln kann: was ist eigentlich Pflegen?", kommentiert er. Und gibt sich die Antwort gleich selbst: menschliche Interaktion. Fazit: der humanoide, Kommunikation simulierende Roboter wird immer ein robuster Assistent zum Heben, Transportieren oder Pillen sortieren bleiben. Nicht ersetzen wird er Berührung und Beziehung.

Ärzte: "Wenn die Robo-Docs der Zukunft reihenweise "richtige" Diagnosen ausspucken würden - was wäre damit gewonnen?", fragt Horx. Er vermutet für diesen Fall eine "Epidemie an Scharlatanen und Wunderheilern". Denn erkrankte Menschen suchen Zuneigung, Heilung und Tröstung.

Manager und Politiker: Roboter können nicht über grundlegende Fragen entscheiden, ist Horx überzeugt. "Politische Entscheidungen haben mit tiefen Ambiguitäten und Komplexitätsabwägungen zu tun, die immer nur durch Werte und ideologische ´Biases´ entscheidbar sind." Mit anderen Worten: Es geht um Macht, und das ist keine Kategorie für Roboter. Dazu Horx: "Der Roboter-Diktator wäre ein Versager. Er wüsste gar nicht, aus welchem Wahn, aus welchem Zorn, aus welcher Kompensation und Kränkung her er seine Gegner und Feinde ins Gefängnis werfen sollte."

Das menschliche Gehirn ist kein organischer Computer

Ursache dessen ist für den Zukunftsforscher das, was den Menschen zum Menschen macht, "das, was uns im Nichtwissen und in dynamischer Komplexität navigieren lässt - die Intuition des Organismus, der überleben will und dafür Vertrauen, Instinkt, hochgradiges Vergessen benötigt." Horx bezieht sich dabei zum einen auf den Neurowissenschaftler António Damásio und seine Arbeit über den Zusammenhang von Denken und Fühlen. Und Fühlen kann kein Roboter. Zum anderen stützt er sich auf den Philosophen und Informatiker David Gelernter, der ein fundamentales Missverständnis beklagt: den Irrglauben nämlich, das Gehirn als organischen Computer und den Geist als seine Software betrachten zu können.

Fazit: Intelligenz ist nur durch das Menschliche definierbar. Wenn Maschinen anfangen, dem Menschen die Arbeit abzunehmen, die sie ihm abnehmen können, entstehen für den Menschen neue Berufsbilder. Schon in den vergangenen Jahren haben Menschen angefangen, etwa als Identity-Coach, Astrobiologe, Atemtrainer und Interkulturberater zu arbeiten. In zehn Jahren, schätzt Horx, wird es einen Markt beispielsweise für professionelle Tröster und Umarmer geben. Trauerritualisten kann man schon heute aufsuchen.

Die Dienstboten kommen zurück - menschliche

Der Zukunftsforscher beobachtet noch einen weiteren Trend: eine Renaissance der "Dienstboten-Kaste". Der Publizist Christoph Bartmann hat ein ganzes Buch über "Die Rückkehr der Diener" geschrieben, Untertitel: "Das neue Bürgertum und sein Personal". Kindermädchen, Hauslehrerinnen, Gourmetköche, ausgebildete Haushälter, offizielle Butler, Haushaltspaare, professionelle Wäscherinnen, Chauffeure, Gärtner und persönliche Assistenten sind wieder stärker gefragt, so Bartmann. Horx findet das in der Ära der Callcenter und automatisierten Dienstleistungen nicht ungewöhnlich.

Das Magazin Business Insider wusste im vorigen Herbst von einer ganz besonderen Dating-Agentur in den USA zu berichten. Nicht Algorithmen vermitteln dort Partner, sondern Menschen. Gründerin E. Jean Carroll erklärt: "Die Leute sind nicht immer ganz ehrlich, wenn sie sich online selbst beschreiben. Algorithmen funktionieren nicht. Ein Computer kann Menschen nicht zusammenbringen." Die Zeit kommentierte: "So weit ist es schon gekommen: Menschen nehmen Algorithmen wieder die Arbeitsplätze weg."

 

Meyer

Übrigens hat die ARD zum Thema KI/AI, Robotik, Industrie 4.0 Ende 2016 einen ziemlich guten Beitrag gesendet. Die beiden Schlußsätze: "Welche Rolle wird dabei überhaupt noch die Arbeit spielen? Bald wird nur noch ein Drittel der Bevölkerung von der Erwerbsarbeit leben."

Wer sich etwas "gruseln" will in Sachen Roboter im Alltagsleben, der sollte ab Minute 31:40 genau hinsehen.

http://www.ard.de/home/themenw...

Meyer

Wie tief Matthias Horx wirklich in der Thematik steckt, zeigt der Satz: "Seine These: Roboter und smarte Maschinen haben die menschliche Arbeitskraft bisher noch nie ersetzt und werden es auch künftig nicht tun."
Natürlich haben Maschinen schon immer menschliche Arbeitskraft ersetzt. Was Horx hoffentlich meint, ist, dass durch die technische Entwicklung immer wieder so viele neue Arbeitsfelder entstanden sind, dass sie den Verlust von Arbeitsplätzen durch die technische Entwicklung überkompensiert haben. Genau dieser Effekt wird aber von immer mehr Wissenschaftlern mittlerweile und im Zusammenhang mit der KI-, Robotik- und Automatisierungsentwicklung bestritten.

Ansonsten spreche ich Horx einfach das Wissen ab, dass er beurteilen kann, in welcher Weise KI, Automatisierung und Robotik auf die Arbeitsplatzentwicklung einwirken. Da gibt es andere, die sich auch im Fachgebiet wesentlich besser auskennen.

Es ist ja auffällig, dass Leute wie Horx ähnlich argumentieren wie auch viele Philosophen. Da werden menschliche Fähigkeiten wie Bewußtsein, Kreativität, Gefühlsempfinden als entscheidende Differenzierungen zu maschineller Intelligenz angeführt. Das mag - und ist zumindest heute - sicherlich richtig. Es ist aber völlig egal, ob eine Maschine ein Bewußtsein hat, wenn sie gleichzeitig in der Lage ist, zu töten. Und genau das können heute Systeme wie etwa Drohnen schon. Eine Drohne hat zwar kein Gewissen. Dem, der getötet wird, ist das völlig egal. Er ist tot. Und bezüglich solcherlei Entwicklungen stehen wir erst am Anfang.

Es stimmt übrigens auch nicht so absolut, dass Investmentsysteme auf Vertrauen bauen. Wie erklärt sonst Herr Horx den Hochfrequenzhandel, der nur noch zwischen Rechnern abläuft. Wie erklärt er die Fintech-Startups, die mit dem Argument maschineller "Intelligenz", die rasend schnell Firmen- und Aktienbewertungen durchführen, erste nicht unwesentliche Erfolge haben? Auch hier: Das ist erst der Anfang.

Menschen vertrauen Computern nicht? Es gibt ganz andere Erkenntnisse. Danach vertrauen Menschen gerade der computerisierten Analyse (zum Beispiel in der Verhaltensforschung). Warum? Weil Software eben keine menschlichen Züge, Interessensabwägungen, Voreingenommenheiten besitzen.

In Summe: Herr Horx irrt fundamental, wenn er glaubt, er könne die heutige technische Entwicklung vergleichen mit denen der 1., 2. und 3. industriellen Revolution. Er ist da beileibe nicht allein. Das macht seine Sache aber nicht besser.

Digitalworker

Ich halte die Mutmaßungen von Herrn Horx für etwas
fahrlässig. Es sei denn, er möchte eher als sowas wie ein Beschwichtiger
auftreten oder gesehen werden.

Sicher: wir werden uns was einfallen lassen müssen und zwar, wie wir mit
Kollege Computer umgehen werden.

Nicht umsonst tauchen immer häufiger Forderungen nach einem bedingungslosen
Grundeinkommen auf.

Und nicht umsonst arbeiten die Oxford Universität und Google an einem
Algorithmus oder Mechanismus, der verhindern soll, dass sich autonome Maschinen
gegen Menschen richten (die tun das bestimmt nicht, weil ihnen nichts Anderes
einfällt).

Klar, ein Schreckensszenario sollte man tunlichst nicht aufbauen.

Wenn sich aber etwas intensiver in diese Thematik einarbeitet wird man
feststellen, dass wir uns zurzeit noch in einer Art "präkambrischem
IT-Stadium" befinden - gemessen an dem, was da noch kommt. Deshalb finde
ich es, wie erwähnt, etwas unverantwortlich, was Herr Horx da von sich gibt.

Ich spreche viel mit vielen Experten über das Thema: die sehen das etwas anders,
auch ohne Panik zu verbreiten. Und dann dieser "geschwurbelte
Umarmer". Entschuldigung, aber was für ein Unsinn!

Neulich unterhielt ich mich mit Vivek Wadhwa (kann man mit einer Suchmaschine
finden) über das Thema Quantencomputing. Zurzeit gehen Szenarien davon aus,
dass die das Thema Kryptografierung ziemlich durcheinander schütteln werden.
Deren Programmierung ist schwierig, auch kommerziell verfügbare Maschinen
gibt´s noch nicht (aber, so Experten, in vier bis fünf Jahren). Wadhwa sagt,
das, wofür heutige Computer Millionen von Jahren zur Berechnung bräuchten,
schaffen Quantencomputer in Bruchteilen von Sekunden. Sie könnten ein
Stichwort, das in irgend einem Buch an irgend einer Stelle markiert wird -
genauso schnell finden - selbst wenn die alle Bücher der Welt dafür durchsuchen
müssten (und könnten).

Noch sind die Anwendungsszenarien für diese Maschinen abstrakt. Ich fragte
Wadhwa, was denn nach seiner Meinung passieren werde, wenn es
Anwendungsbereiche gäbe, so wie es sie heute für gewöhnliche Computer gibt. Er
meinte dann nur: "And then hell breaks lose."

Wir müssen uns damit auseinandersetzen - ob wir wollen oder nicht. Aber ich
würde mal nicht zu sehr beschwichtigen (so wie angeblich einige der Elite Unis,
mit denen die Bundesregierung zusammenarbeitet, die angeblich die Technikfolgen
auf den Arbeitsmarkt absichtlich runterspielen).

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