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Wann ist ein Telefongespräch ein Telefongespräch?

28.11.2003

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit der Regulierung der Internet-Telefonie beschäftigen sich Bundesbehörden in den USA ab kommender Woche. Dabei knüpfen Befürchtungen, durch die schnell wachsenden Dienste könnte sich der Markt für die 300 Milliarden Dollar schwere Telekommunikationsbranche dramatisch ändern, an die Debatte an, ob das Internet auch in Zukunft frei von staatlichen Regelmechanismen bleiben soll.

Angesichts des Angebots von Telefon-Flatrates, die zu monatlichen Grundgebühren ab 35 Dollar kostenlose Inlandsgespräche in beliebiger Menge ermöglichen, und Minutenpreise für Interkontinentalgespräche, die bei einem Sechstel der Gebühren traditioneller Telefongesellschaften liegen, sehen Konzerne wie Bell South und SBC Communications ihre Felle davonschwimmen. Sie kritisieren vor allem, dass sie sich im Gegensatz zu VoIP-Anbietern (Voice over IP) harten Regularien unterwerfen müssen. Dazu zähle zum Beispiel die kostenlose Bereitstellung von Notrufnummern, die in allen US-Bundesstaaten unter der Kurzwahl 911 erreichbar sind.

Doch nicht nur die Mitbewerber fordern Klärung, berichtet das "Wall Street Journal". Demnach befürchten etliche Bundesstaaten Steuerausfälle durch zurückgehende Gebühreneinnahmen der Telefonkonzerne. Außerdem müssen sich die VoIP-Anbieter nicht an nationalen Stiftungen beteiligen, die Mittel zur Subventionierung von Telefondiensten in wenig besiedelten Gegenden bereitstellen.

Die für die Regulierung zuständige FCC (Federal Communications Commission) will jedoch die Bedingungen des Telefoniemarktes nicht auf die neue Technologie übertragen. VoIP-Anbieter seien keine Telefonkonzerne im traditionellen Sinn und sollten auch nicht so behandelt werden, sagte der Vorsitzende der Behörde, Michael Powell. Daraus sei nicht zu schließen, dass keine Regulierung notwendig sei. Die seit 1919 für Telekommunikationskonzerne geltenden Regeln auf den VoIP-Markt zu stülpen, wäre jedoch ein historischer Fehler.

Diese Einstellung stößt auf Unverständnis der Konzerne. Wenn gleiche Dienste zur Verfügung gestellt werden, sollten unabhängig von der verwendeten Technologie gleiche Regeln gelten, sagte Eric Schwartz, Assistant Vice President bei Bell South in Atlanta.

Einer der am schnellsten wachsenden VoIP-Anbieter in den USA ist Vonage. Er hat eigenen Angaben zufolge im vergangenen Jahr 70.000 Kunden gewonnen und stellt monatlich 10.000 neue Anschlüsse bereit. Der Dienst vermittelt über IP-Telefone geführte Anrufe auch an herkömmliche Anschlüsse. Auch die VoIP-Software "Skype" erfreut sich großer Beliebtheit. Bereits drei Millionen Nutzer haben die kostenlose Anwendung aus dem Netz geladen, die in mehreren Sprachversionen, darunter auch in Deutsch, zu haben ist. Sie stellt eine Art Peer-to-Peer-Netz zur Verfügung, über das Nutzer gebührenfrei kommunizieren können. Voraussetzung ist ein Windows-PC mit Internet-Anschluss.

Die Forderungen nach Regulierung seitens der Telefonkonzerne hält Vonage-Geschäftsführer Jeffrey Citron für überzogen. In den USA verzeichneten alle VoIP-Dienste zusammen rund 100.000 Kunden - wenig im Vergleich zu 300 Millionen herkömmlichen Anschlüssen, so Citron. Er fordert, die Marktentwicklung weitere fünf Jahre abzuwarten.

Die Frage nach neuen Regularien im Telefoniemarkt könnte sich schon bald auch hierzulande stellen. So hat zum Beispiel Vonage angekündigt, nach Europa zu expandieren. Das Startup-Unternehmen konnte sich Anfang der Woche 35 Millionen Dollar beschaffen. Leadinvestor war die Risikokapitalgesellschaft New Enterprise Associates (Computerwoche online berichtete). (lex)