VW Bank verringert ihr Kreditrisiko

Karin Quack arbeitet als freie Autorin und Editorial Consultant vor allem zu IT-strategische und Innovations-Themen. Zuvor war sie viele Jahre lang in leitender redaktioneller Position bei der COMPUTERWOCHE tätig.
Mit Hilfe einer regelbasierenden Software evaluiert der Finanzdienstleister die Risikofaktoren für Kredite an Unternehmenskunden.

Spätestens seit dem Inkrafttreten der Basel-II-Vorschriften wissen die Banken: Riskante Kredite sind teuer - sogar dann, wenn es gar nicht zu Komplikationen kommt. Denn die Höhe des vorzuhaltenden Eigenkapitals steigt mit der - theoretischen - Gefahr, dass der Kunde nicht in der Lage ist, seine Verpflichtungen zu erfüllen. Umso wichtiger wird die Risikobewertung.

Je exakter eine Bank ihre Kreditrisiken abschätzen kann, desto mehr Freiheiten gewährt ihr die Bankenaufsicht im Hinblick auf das vorzuhaltende Eigenkapital. Institute, die statt des Kreditrisiko-Standardansatzes den Internal Rating-based Approach (IRB-Ansatz) verwenden, können ihre Risiken genauer messen. Auf diese Weise sind sie in der Lage, die knappe Ressource Eigenkapital effizienter einzusetzen (siehe auch Kasten "Was besagt Basel II?").

Was besagt Basel II?

Unter dem Stichwort "Basel II" sind alle Vorschriften für eine neue Aufsichtsarchitektur zusammengefasst, die der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht in den vergangenen Jahren vorgeschlagen hat. Diese Regeln sind seit dem 1. Januar 2007 in den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union auf alle Kreditinstitute und Finanzdienstleiter anzuwenden, so wollen es die EU-Richtlinien. In deutsches Gesetz fanden sie Eingang über das Kreditwesengesetz, die "Mindestanforderungen an das Risiko-Management" (MaRisk) und die Solvabilitätsverordnung (SolvV). Ziel von Basel II ist es, das Messen und das Management von Bankenrisiken zu verbessern. Nach Basel II sind sowohl erwartete Verluste - mit "Wertberichtigungen" - als auch unerwartete Verluste mit Eigenmitteln abzudecken. Es gibt drei Methoden, um das Kreditrisiko zu bewerten: angefangen vom Kreditrisiko-Standardansatz über den IRB-Basisansatz bis zum fortgeschrittenen IRB-Ansatz.

Von der Stange gab es nichts

Die Volkswagen Bank GmbH (VW Bank) zielte darauf ab, zunächst den IRB-Basisansatz umzusetzen und durch die Bankenaufsicht zertifizieren zu lassen. Besonderes Augenmerk legte sie dabei auf die Verträge mit Händlern und Flottenkunden. Die machen zwar nicht die Masse der Kontrakte aus, aber sie repräsentieren ein großes Geschäftsvolumen. Um die Ausfallrisiken in diesen beiden Geschäftsbereichen zu bewerten, wurden intern zwei Rating-Modelle entwickelt und in Form einer regelbasierenden Anwendung umgesetzt. Der Startschuss für das Projekt "Carat" (Corporate Assessment and Ratingmodel Administration Tool") fiel 2006.

Selbstverständlich habe die Bank auch vorher schon ein Rating-Verfahren benutzt, so Florian Graßhoff, Mitarbeiter im Risiko-Management der Bank. Es basiere auf dem Microsoft-Datenbanksystem Access und habe seinen Dienst bislang zufrieden stellend verrichtet. Aber dieses Tool erfüllt die Anforderungen von IRB vor allem in zwei Punkten nicht: Versionierung und Revisionssicherheit fehlen und wären, so der Risiko-Management-Experte, auch nur mit hohem Aufwand zu realisieren gewesen.

Darüber hinaus beabsichtigte die VW Bank, an ihr Rating-System auch operative Anwendungen anzubinden, beispielsweise den "Zentralen Geschäftspartner" (ZGP) der SAP, der die Kundenstammdaten enthält. Das wäre mit dem Microsoft-basierenden Tool ebenfalls nicht ohne weiteres gegangen.

Deshalb entschied sich die Bank, ein neues System zu entwickeln. "Von der Stange gibt es da nichts", erläutert Graßhoff. "Schließlich ist das Rating ein Bereich, in dem die Banken sich tatsächlich vom Wettbewerb unterscheiden."

Unterstützen ließ sich das Projektteam von der Innovations Softwaretechnologie GmbH, Immenstadt. Deren Softwarewerkzeug "Visual Rules" setzte sich in einem mehrstufigen Auswahlverfahren gegen ein rundes Dutzend anderer Anbieter durch. Wie Graßhoff erläutert, waren die folgenden Kriterien von Bedeutung:

  • Web-Fähigkeit,

  • Mehrsprachigkeit,

  • Mehrmandantenfähigkeit,

  • zentrale Datenhaltung,

  • Standardschnittstellen zur Anbindung operativer Systeme,

  • SAP-Zertifizierung des Partners.

Visual Rules bietet zunächst eine Regelmaschine, die verschiedene Rating-Modelle für unterschiedliche Kundengruppen abbilden kann. Ein Administrations-Tool unterstützt die Fachexperten der VW-Bank dabei, die notwendigen Regelmodelle selbst zu erstellen - "relativ einfach dank Drag and Drop", freut sich Graßhoff: "Das macht uns in diesem Punkt unabhängig von der IT-Abteilung." Änderungen am Modell würden automatisch bis in die Frontend-Masken nachgezogen.

Die neue Rating-Software basiert auf einer Oracle-Datenbank. Die für die Risikobeurteilung notwendigen Bilanz- und Unternehmensdaten werden aus unterschiedlichen operativen Systemen, darunter diversen SAP-Anwendungen, via XI-Schnittstellen (SAP Exchange Integration) angeliefert. Gegenüber einer manuellen Dateneingabe sparen die VW-Bank-Analysten auf diese Weise nicht nur Zeit, sondern sie verringern auch das Risiko von Fehleingaben.

Die Ein- und Ausgabeinformationen für jeden Rating-Vorgang werden anschließend in einem SAP-BW-Warehouse mit ihrer gesamten Historie gespeichert. So ist es auch möglich, Auswertungen über alle wichtigen Rating-Details, beispielsweise eine Übersicht der vergebenen Rating-Klassen, zu erstellen.

Was Graßhoff an dem Innovations-Tool besonders überzeugte, war das Rollenkonzept, also die Möglichkeit zur automatischen Vergabe von Berechtigungen. Gemeinsam mit dem Softwareanbieter erarbeitete die VW Bank ein Workflow-Management-System, das den Analysten die Arbeit erleichtern soll: Sie erhalten vom System ihren persönlichen Arbeitsvorrat, in dem sie ihre Ratings verwalten können. Nach der Prüfung setzt das System den Rating-Status von "Entwurf" auf "Bestätigt". Dann ist das Rating nicht mehr veränderbar. Für komplexere Vorgänge mit gestaffelten Übergängen existiert ebenfalls ein vordefinierter Workflow.

Höchstens zwölf Monate gültig

Jedes Rating ist maximal ein Jahr lang gültig. Das System erinnert den jeweils zuständigen Analysten vier Wochen vor Ablauf der zwölf Monate selbständig an die Neuberechnung. Tritt ein "Ausfallgrund" ein, meldet also beispielsweise der Kunde Insolvenz an, erstellt das Carat-System automatisch ein neues Rating.

Das eigentliche Implementierungsprojekt dauerte von Mitte 2006 (Produktauswahl) bis Herbst 2007 (deutscher Rollout mit allen Schnittstellen). Über die Kosten möchte Graßhoff nicht sprechen. Immerhin verrät er, dass das Projektteam aus vier eigenen Mitarbeitern - genauer gesagt: drei Mitarbeiterinnen und dem Projektleiter - bestanden habe. Hinzu kamen zwei bis vier Innovations-Mitarbeiter, die von März bis Juli 2007 ständig vor Ort waren.

"Das Projekt wurde unter großen Anstrengungen schließlich in time and in budget zu Ende gebracht", berichtet Graßhoff. Die Einführung in Großbritannien sollte am 1. Januar 2008 erfolgen und die deutsche Niederlassung unbedingt schon vorher auf das System umsteigen. "Der Zeitrahmen war doch recht knapp", erinnert sich der Risiko-Management-Experte.

Als "Best Practice" würde der Projektleiter im Nachhinein vor allem zwei Leistungen seines Teams herausstellen: Da wäre zum einen die gemeinsame Fixierung der Anforderungen mit den Fachbereichsvertretern und zum anderen das rechtzeitige Ausräumen von Missverständnissen durch intensive Gespräche mit dem Software- und Serviceunternehmen Innovations.

Nach dem planmäßigen Go-live in Deutschland und Großbritannien sollen nun sukzessive Spanien, Frankreich, Italien, Belgien sowie 14 weitere Landesgesellschaften folgen. Insgesamt ist das System für rund 200 Nutzer ausgelegt. Die Basel-II-Prüfung steht der VW Bank im Laufe dieses Jahres ins Haus. Auch dank Carat sieht Graßhoff ihr optimistisch entgegen.

Best Practices

  • Die VW Bank entschied sich, statt des Kreditrisiko-Standardansatzes den IRB-Basisansatz umzusetzen.

  • Die Umsetzung des fortgeschrittenen IRB-Ansatzes ist geplant, aber noch nicht terminiert.

  • Mit dem Projekt verbunden war eine weitgehende Umgestaltung der Bankstrukturen.

  • Ein mehrstufiges Auswahlverfahren förderte unter einem Dutzend Kandidaten das am besten geeignete Produkt zutage.

  • Die Anforderungen wurden gemeinsam mit den Fachbereichsvertretern fixiert.

  • VW Bank und der Softwarepartner Innovations standen im ständigen intensiven Informationsaustausch.

Projektsteckbrief

  • Projektart: Implementierung eines Risiko-Management-Systems für die Kreditvergabe.

  • Branche: Finanzdienstleister.

  • Umfang: für 200 Analysten in 20 Landesgesellschaften.

  • Produkte: Visual Rules von Innovations, Oracle-Datenbank, SAP Business Warehouse (BW).

  • Dienstleister: Innovations Softwaretechnologie GmbH, Immenstadt.

  • Ziel: Zertifizierung des IRB-Ansatzes nach Basel II und dadurch optimierter Einsatz des Eigenkapitals.

  • Zeitrahmen: Produktauswahl Mitte 2006, operative Einführung im November 2007.

  • Stand heute: eingeführt in Deutschland und Großbritannien.

  • Nächste Schritte: Rollout in Frankreich, Spanien, Italien und Belgien.