Heißer Draht

Vor 80 Jahren wurde das Fernschreiben populär

15.10.2013
Schnell und sicher: Seit 80 Jahren gibt es Fernschreiben. Doch ihre große Zeit ist längst schon wieder vorbei - heute sind E-Mails, SMS und Twitter populärer.

Wer heute ein rasches "mfg" in die SMS tippt, mag sich auf der Höhe der Zeit fühlen. Tatsächlich hat die Abkürzung für "Mit freundlichen Grüßen" eine lange Tradition. Schon die Aufgeber von Fernschreiben nutzten mit dem Start dieser neuen Technologie vor 80 Jahren Kurzformen, um Kosten und Übertragungszeit zu sparen, sagt Lioba Nägele vom Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main.

Telex-Maschine von Siemens
Telex-Maschine von Siemens
Foto: Jens Ohlig via Twitter

Am 16. Oktober 1933 wurden Fernschreiben in Deutschland für jedermann möglich, der das nötige Geld dafür hatte. Die Deutsche Reichspost startete den "Öffentlichen Fernschreibdienst" mit Selbstwählbetrieb zwischen Hamburg und Berlin - kurz Telex. Nutzbar "für jeden, der es finanzieren konnte, so ein Gerät zu kaufen oder zu mieten", ergänzt Nägele.

Fernschreiben hießen damals auch Telegramm und - veraltet - Depesche: Solche Begriffe klingen in Zeiten von Twitter und E-Mail nach vergilbtem Papier, Kaltem Krieg und Langsamkeit. Viele kennen die schreibmaschinenähnlichen Apparate und die dazugehörige Technik mit Papierstreifen nur noch aus dem Museum. Doch dieser Rückblick kann täuschen. Jahrzehntelang galten Fernschreiben als extrem schnell, sicher und zuverlässig.

"Die Schnelligkeit und Verlässlichkeit standen im Vordergrund", sagt Nägele. Diese Fernschreib-Eigenschaften seien zum Beispiel wichtig für Termingeschäfte gewesen - bei Gerichten, in Unternehmen und Behörden. "Die Geräte hatten den Vorteil, dass sie immer im Dienst waren." Die 1950er, 60er und 70er Jahre seien die "große Zeit des Fernschreibverkehrs" gewesen.

Wer privat ein Fernschreiben verschickte, nannte es meist Telegramm, im geschäftlichen Verkehr Telex. Dieser Begriff meinte zugleich auch den Fernschreiber und das dazugehörige Netz. Bei der Deutschen Post dagegen heißt jedes Fernschreiben Telegramm, wie Sprecherin Anke Blenn erläutert.

Ein berühmtes Beispiel für eine Telexverbindung ist das "Rote Telefon". Dieser "heiße Draht" ging vor 50 Jahren, am 30. August 1963, zwischen Washington und Moskau an den Start, um dringende Probleme schnell lösen zu können. "Alles geschieht schriftlich, um Hörfehler zu vermeiden und den Austausch zu dokumentieren", sagte kürzlich der russische Militärexperte Pawel Felgenhauer im Rundfunk. Zum alten Eisen gehört die direkte Verbindung noch nicht.

Geschäftlich nutze allerdings kaum noch jemand das Fernschreiben, erklärt Nägele. Die Post bietet diesen Dienst noch an. Er gelte aber als Nischenprodukt, sagt Sprecherin Blenn. Manche Unternehmen etwa schickten Telegramme an verdiente Mitarbeiter. Abgerechnet wird dann nach der Wörterzahl.

Aus Indien kam Mitte Juli die Nachricht, dass nach 163 Jahren kein Telegramm mehr verschickt wird. Zuletzt konnten sich die Papierstreifen nicht mehr gegen Fax, E-Mail und SMS durchsetzen.

Doch so langsam kommt in Deutschland auch schon das Telefax aus der Mode. Längst kann Papier gescannt und als Dokument per E-Mail verschickt werden. Anfang 1979 startete laut Nägele der Fax-Dienst in Frankfurt am Main - mit einer Übertragungszeit von drei Minuten pro DIN-A4-Seite. "Das waren Zeiten, in denen man im Minutentakt dachte."

Heute funktioniert die schriftliche, elektronische Kommunikation meist blitzschnell. Sie ist praktisch, allerdings aktuell wegen der NSA-Spähaffäre belastet. So ganz pannenfrei lief es aber auch bei den als sicher gelobten Fernschreiben nicht.

So gilt ein Telex als eine der größten Polizeipannen der Nachkriegsgeschichte. Ein Polizist aus der Nähe von Köln hatte den richtigen Tipp für das Versteck gegeben, in dem die Rote Armee Fraktion (RAF) den später getöteten Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer gefangen hielt. Das Fernschreiben mit dem wichtigen Hinweis versandete 1977 jedoch irgendwo auf dem Dienstweg. (dpa/tc)