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Innovationen in Großunternehmen

Von den Startups lernen

01.04.2016
Plattformen und elastische Cloud-Infrastrukturen sollen es Unternehmen leichter machen, Geschäftsmodelle sowie Innovationen schneller in den Markt zu bringen. Carsten Linz, Business Development Officer und Leiter des CIO Center for Digital Leadership bei SAP, erklärt, wie Unternehmen schon jetzt von der SAP HANA Cloud Platform profitieren.

Herr Linz, Sie beschäftigen sich seit Ihrer Promotion damit, wie Durchbruchsinnovationen auch in Konzernstrukturen möglich sind und haben mehr als zwanzig innovative Geschäfte erfolgreich von Grund auf entwickelt. Was hat sich in den vergangenen 15 Jahren verändert?

Früher verließ man sich primär auf Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, die technische Produktinnovationen weitgehend eigenständig entwickeln sollten. Nun werden wir Zeugen einer Verschiebung von produktzentrischen zu plattformbasierten Innovationen. Der Erfolg von Plattformen steht und fällt mit der Anzahl derer, die bereit sind die Plattform nicht nur zu nutzen, sondern auf ihr auch Innovationen zu entwickeln - angefangen vom Crowdsourcing für neue T-Shirt-Designs in einem T-Shirt-Webshop bis hin zu komplementären Partnerapplikationen auf einer Software-Plattform. Ehemals proprietäre Entwicklungen werden so mehr und mehr durch offene Innovationsökosysteme aus Startups, Partnern, und etablierten Unternehmen ersetzt.

Carsten Linz, Business Development Officer und Leiter des CIO Center for Digital Leadership bei SAP.
Carsten Linz, Business Development Officer und Leiter des CIO Center for Digital Leadership bei SAP.
Foto: SAP SE

Was bedeutet das für die Lösungen?

Startups machen vor, wie Innovationen heute entstehen sollten und Großunternehmen ahmen diese Ansätze nach. Sie setzen auf Plattformen und elastische Cloud-Infrastrukturen und rücken hierdurch neue Anwendungsfälle, überlegene Geschäftsprozesse und neuartige Geschäftsmodelle in den Mittelpunkt ihrer Innovationsaktivitäten. Streng genommen starten sie nicht mehr bei Null sondern setzen zu 60 bis 70 Prozent auf einer bereits bewährten technischen Grundlage auf, die oft auch schon Geschäftslogiken bereitstellt. Zudem erlaubt ihnen dies, mit überschaubaren Kosten zu starten, neue Lösungen zu entwickeln und im Erfolgsfall - dank dieser "atmenden Strukturen" - ihr Geschäftsmodell in kurzer Zeit zu skalieren. Noch wichtiger ist, dass ich über die Plattform auch Ko-Innovatoren gewinnen kann. Die Strategie, die eigenen besten Kompetenzen Anderen mittels einer Plattform zugänglich zu machen, erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, ist jedoch durchaus erfolgsversprechend und nur konsequent. Auf dem Mobile World Congress 2016 in Barcelona habe ich die Partnerschaft mit der European Space Agency (ESA) unterzeichnet. Unser Ziel ist, die Möglichkeiten der SAP HANA Cloud Platform mit den Erdbeobachtungsinformationen etwa aus dem Copernicus-Programm zu verbinden und ein neues starkes digitales Ökosystem zu schaffen.

Können Sie Beispiele nennen, die zeigen, wie Plattformen eingesetzt werden können?

Das Prinzip lässt sich gut anhand unserer SAP HANA Cloud Platform erläutern. Um einen stabilen, digitalen Kern herum werden funktionale Erweiterungen und Integrationen in andere Lösungen ermöglicht. Unsere Kunden können sie nutzen, um wiederum ihren Kunden neue Services mit neuen Umsatzströmen anbieten zu können. So setzt der Technologiekonzern Siemens die offene Cloud-Plattform für Industrie 4.0 ein, um ihren Industriekunden individuelle Co-Innovationsprojekte auf Basis der "Siemens Cloud for Industry" ermöglichen zu können. Ähnlich macht es die Hamburger Hafenbehörde Hamburg Port Authority (HPA), die diversen externen Partnern wie Speditionen, Hafenbetrieben und Containerterminalbetreibern Services aus ihrer "smartPORT"-Plattform heraus nahtlose Logistikprozesse anbieten kann. Es entsteht eine zentrale Logistik-Plattform für den Hamburger Hafen, die sich jedoch auch zum Standard für andere Häfen entwickeln kann. Die Frage der Zukunft wird sein: Wer wird die führende Plattform für eine bestimmten Anwendungsbereich prägen können?

Setzt SAP seine Cloud-Plattform auch selbst ein?

Natürlich. SAP ist sogar der weltweit größte Kunde unserer SAP HANA Cloud Platform und es gibt Beispiele aus fast allen Fachbereichen: Brauche ich für eine Besprechung eine objektive Einschätzung von Kollegen, setze ich einen Quick Poll ein, eine Kurzumfrage, in die ich beliebig viele Kollegen einbinden kann und in kürzester Zeit Ergebnisse bekomme. Wer Interesse an neuen Herausforderungen bei SAP hat, stellt seine Anfrage über eine neue App ein und kann so für einen bestimmten Zeitraum seinen Job mit einem Mitarbeiter aus einem anderen Bereich tauschen Auch im Gesundheitswesen finden sich Anwendungsfälle. Um heraus zu finden, wo etwa das Dengue-Fieber voraussichtlich ausbrechen wird, verbindet das Startup Dipteron Daten von der European Space Agency (ESA) und entwickelt aus den Geo- und Wetterdaten eine Prognose, in welchen Regionen mit einer erhöhten Gefahr für das Dengue-Fieber zu rechnen ist. Diese Lösungen wurden übrigens in unseren offenen #innotakeoff genannten Innovationswettbewerben von Startups, Studenten- und SAP-Teams entwickelt.

Dieses Interview erschien auch im SAP News Center