Mitarbeiterbindung

Von den Ideen der Mitarbeiter profitieren

Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 18 Jahren. Langweilig? Nein, sie endeckt immer wieder neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und in ihrem eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisert.
Womit lassen sich Mitarbeiter begeistern? Für den Softwarehersteller Wilken lag die Antwort nah: Er nimmt die Ideen der Mitarbeiter ernst und setzt die besten davon um.

Betriebliches Vorschlagswesen. Schon der Name schreckt die meisten Mitarbeiter davon ab, nach neuen Ideen für ihr Unternehmen zu suchen. Statt Freiraum, Spontaneität und Kreativität gibt es vielerorts nur bürokratische Abläufe. Auch beim Ulmer Softwarehersteller Wilken musste ein Mitarbeiter, der eine Verbesserungsidee hatte, erst ein Formular ausfüllen und dieses bei einer "Kommission für das Verbesserungswesen" einreichen. "Meist hat er dann nie wieder was gehört", sagt Marketing-Leiter Wolfgang Grandjean. Besser könne man engagierte Mitarbeiter gar nicht demotivieren.

Wolfgang Grandjean, Wilken: Wer die Ideen der Mitarbeiter nicht ernst nimmt, demotiviert sie.
Wolfgang Grandjean, Wilken: Wer die Ideen der Mitarbeiter nicht ernst nimmt, demotiviert sie.

Damit Ideen verwirklicht werden, konzipierte Wilken im vergangenen Sommer eine neue Mitmach-Aktion unter dem Motto "Esprit": Jeder Mitarbeiter bekam einen Brief an die Privatadresse, große interne Plakate begleiteten die Aktion, und eine Betriebsversammlung leitete sie ein. Damit wollte die Geschäftsleitung zeigen, wie wichtig ihr die Ideen der Mitarbeiter sind. Zudem lobte sie eine Afrika-Safari als Preis für das Siegerteam aus, das das Unternehmen in neue Gefilde führt. Binnen drei Monaten reichten 16 Mitarbeiter ihre Vorschläge ein, wie Wilken mit neuen Produkten und Geschäftsmodellen in Zukunft mehr Gewinn erwirtschaften und in neue Märkte vordringen kann. Jede Idee wurde bewertet und dem Mitarbeiter eine entsprechende Rückmeldung gegeben. Acht Mitarbeiter durften ihre Idee vor der erweiterten Geschäftsleitung vorstellen. Vier kamen in die Endausscheidung.

Teams entwickeln Business-Plan

Die vier Finalisten mussten sich je zwei Mitstreiter aus anderen Abteilungen suchen und ein Team bilden. Ein wichtiger Schritt in den Augen von Wilken-Manager Grandjean: "Erstens muss man die anderen im Team überzeugen. Dabei wird die Idee nochmals auf Herz und Nieren geprüft. Zweitens brät niemand zu lange im eigenen Saft und gibt womöglich auf. Das Gehirnschmalz der anderen ist ein guter Dünger für neue Ideen." Während eines zweitägigen Workshops im Allgäu arbeiteten die Teams ihre Ideen aus und erstellten mit Hilfe eines externen Beraters vier Business-Pläne. Diese mussten so aufgebaut sein, dass sie auch der Beurteilung bei der Kreditvergabe einer Bank standgehalten hätten. Die Zusammenarbeit in der Gruppe unter Anleitung eines Coachs hat den Teams neue Perspektiven gegeben.

ERP für Behinderte

Ende Februar 2008 stellten die vier Teams ihre Pläne der erweiterten Geschäftsleitung vor: mit einem schriftlich eingereichten rund 30-seitigen Business-Plan und mit einer einstündigen Präsentation. Herzstück war eine detaillierte Maßnahmenplanung, wie die Projekte mit einem überprüfbaren Finanzplan der Investitionen und einer Break-even-Analyse umzusetzen sind. Den Hauptpreis einer einwöchigen Safari vergab die Jury nach langem Abwägen dem jüngsten Team. Die Softwareentwickler Stefan Witschel und Stefan Brühl sind ebenso wie die Marketing-Mitarbeiterin Carmen Ströhl erst 27 Jahre alt. Ihr Plan zeigt die Entwicklung einer sprachgesteuerten ERP-Software.

Acht Prozent der Bevölkerung in Deutschland, so die Analyse, haben ein Handicap, das ihnen den Zugang zu Computer und Internet erschwert. Blinde und Menschen mit starken motorischen Einschränkungen will Wilken jetzt in die Lage versetzen, ERP-Software selbstbestimmt und ohne fremde Hilfe zu nutzen. Dazu werden Elemente der Sprachsteuerung und Sprachinteraktion in die bestehende ERP-Software des Herstellers eingebunden. Damit können Bestandskunden und neue Kunden behinderte Menschen besser ins Arbeitsleben integrieren. Für die Unternehmen entfallen Abgaben an Integrationsämter. Der Staat fördert zudem Anstrengungen zur behindertengerechten Einrichtung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen. Die barrierefreie ERP-Software soll für Wilken ein Alleinstellungsmerkmal werden. Die Idee kam im Test bei Kunden aus dem Bereich Gesundheit und Soziales gut an. Wilken und die auf diese Branche spezialisierte Wilken Entire AG erwarten neue Einnahmen aus Lizenzen, Wartung und Schulungen.

Begeisterte Jury

Von allen Ideen war das Juryteam so begeistert, dass alle vier Mitarbeitervorschläge in die Tat umgesetzt werden sollen - so auch ein neues Seminarkonzept von Dietmar Loidold, ein Konzept von Holger Engels zum Einstieg ins Projektgeschäft mittels der Open Source Business Library und eine an die ERP-Lösung angebundene elektronische Rechnungsprüfung von René Scharf.

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