VMware Workstation 5 setzt Maßstäbe

Eric Tierling, Master in Information Systems Security Management (Professional), blickt auf über 25 Jahre Erfahrung im IT-Bereich zurück. Neben Hunderten an Fachbeiträgen hat er über 50 Bücher veröffentlicht. Er ist Spezialist für Themen rund um die Informationssicherheit sowie einer der bekanntesten Experten Deutschland für Windows Server und Microsoft-basierte Infrastrukturen.
Das bei Entwicklern beliebte Tool zur Virtualisierung von Testumgebungen gestattet es, mehrere Systemzustände von Gast-PCs zu speichern.

Noch vor wenigen Jahren stellte das Testen von Programmen eine ressourcenintensive Angelegenheit dar, die einen teuren und voluminösen Testmaschinen-Park erforderte. Virtuelle PC-Lösungen vor allem von VMware, aber auch von Connectix beziehungsweise Microsoft haben entscheidend dazu beigetragen, das Bild zu ändern: Heute reicht bereits ein einzelner physikalischer Host-Computer, der virtuelle Gast-PCs komplett in Fenstern emuliert. Pionier auf diesem Gebiet ist die Firma VMware. Mit "Workstation 5" bringt der kalifornische Hersteller die mittlerweile fünfte Generation des Produkts auf den Markt.

Flexible Schnappschüsse

Bei Workstation 5 hat VMware mit einem der größten Mängel der Vorgängerversion aufgeräumt: Das Fünfer-Release gestattet es endlich, mehr als nur einen einzigen Systemzustand von virtuellen Gast-PCs als Snapshot-Abbild zu speichern. Sodann bedarf es nur weniger Mausklicks, um zu einer früheren Konfiguration zurückzukehren, selbst wenn zwischenzeitlich bereits weitere Systemzustand-Snapshots erstellt worden sind.

Schnappschüsse eines virtuellen Gastes lassen sich aber nicht nur hintereinander erstellen. Ebenfalls denkbar ist es, sich einen bestimmten Systemzustand aus der Snapshot-Kette herauszupicken, um davon einen weiteren Schnappschuss zu kreieren - oder von dort aus einen eigenständigen Systemzustands-Strang des virtuellen Computers aufzubauen. Mit dieser Multi-Snapshot-Technik erleichtert Workstation 5 die Speicherung von Systemzuständen ganz erheblich und bietet ein überaus hohes Maß an Flexibilität für die gezielte Reaktivierung unterschiedlicher Konfigurationen eines virtuellen PCs. Praktisch ist der Snapshot-Manager: Dank seiner Hilfe bleibt auch bei komplexen Schnappschuss-Konstellationen der Überblick erhalten.

Klonen virtueller PCs

Parallel dazu hat VMware seiner Workstation 5 eine Klon-Funktion für virtuelle Gäste spendiert, um diese bequem duplizieren zu können. Rasch macht sich dies im täglichen Einsatz bezahlt: Anstatt einen weiteren virtuel-len Gast komplett neu installieren zu müssen, ist dieser nun binnen Sekunden dupliziert - ohne dazu Dateien per Hand manuell zu kopieren oder die VMware-Konfigurationsdateien des neuen Gast-PCs per Hand anzupassen.

Wie bei der Erstellung eines neuen virtuellen PCs geleitet ein dienstbarer Assistent den Anwender durch den Vorgang des Klonens, sodass die VMware-Konfigurationsdatei des geklonten Gast-PCs automatisch mit den richtigen Einträgen versehen wird. Ferner kann Workstation 5 Klone über besagten Snapshot-Manager anlegen und für die Kopie auf einen beliebigen Snapshot-Systemzustand zurückgreifen. Denkbar ist zudem, die von einem Klon verwendete Basiskonfiguration eines virtuellen PCs als Vorlage im Netzwerk abzulegen. Somit können mehrere Anwender auf der Festplatte ihres Computers im Handumdrehen Klone dieses Gastes erstellen und mit diesen eigenständig arbeiten.

Weniger Speicher nötig

Jeder virtuelle Gast belegt Speicher auf der Host-Festplatte. Allein die herkömmliche Installation einer aktuellen Windows-Version (ohne zusätzliche Extras) in einen virtuellen Gast schlägt auf dem Host mit rund 1,5 GB Speicherplatz zu Buche. Um diesen Festplattenhunger zu verringern, hat sich VMware etwas Pfiffiges einfallen lassen: Alternativ zur vollständigen Gastkopie kann der Anwender bei Workstation 5 eine "Linked-Clone"-Verbindung erzeugen, die dauerhaft als Ausgangszustand den ursprünglichen virtuellen PC verwendet. Somit braucht sich VMware nur die demgegenüber durchgeführten Änderungen zu merken, was den Speicherplatzbedarf für den Gastklon auf der Festplatte wirksam reduziert.

Virtuelles Teamworking

Weiteres Novum ist das Teamworking virtueller PCs. Hierüber können mehrere virtuelle Gäste zu einem Team zusammengefasst werden, um Operationen wie etwa das Starten auf diese Gruppe als Ganzes anzuwenden. Darüber hinaus wartet die Teamfunktion mit weiteren Optionen auf: Die Definition von Startsequenz und Verzögerung erlaubt es, die im Team enthaltenen virtuellen PCs in einer festen Reihenfolge zu aktivieren und dabei Wartepausen einzubauen, die das vollständige Hochfahren einzelner Gäste gewährleisten sollen.

Zudem dürfen Teammitglieder nicht nur über die von VMware Workstation 5 ohnehin bereitgestellten Netzwerksegmente kommunizieren. Teamintern können die virtuellen PCs obendrein über zusätzliche, ebenfalls nur virtuell vorhandene LANs miteinander in Kontakt treten. Für jeden dieser Team-Netzwerkadapter lassen sich Bandbreite und Paketverlustrate separat einstellen, um beispielsweise die Geschwindigkeit von Remote-Clients beim ISDN-Fernzugriff nachzubilden.

Das Team-Handling weist allerdings noch Schwächen auf. Prinzipiell wird ein Team wie ein einzelner virtueller PC betrachtet, doch ist VMware die Integration in die Oberfläche und das Bedienkonzept des Workstation-Programms nur teilweise geglückt. So fehlt eine Option, von allen Teammitgliedern auf einmal ein Snapshot-Zustandsabbild zu erstellen. Automatisch wechseln die Icons in der Symbolleiste ihre Bedeutung, sobald ein Team ausgewählt ist. Das macht es schwierig, zwischen einzelnen Gast-PCs und Teams klar zu unterscheiden.

Außerdem bezieht sich jede Aktion (aktivieren, ausschalten, in den Suspend-Schlaf versetzen oder neu starten) immer auf das Team als Ganzes - was zwar prinzipiell eine gute Idee, doch leider gewöhnungsbedürftig ist. Denn um einen Vorgang gezielt auf einen bestimmten Teamgast anzuwenden, muss dieses virtuelle PC-Teammitglied zuvor erst umständlich etwa im Detailfenster ausgewählt werden.

Überdies sollte für die Arbeit mit Teams eine hohe Bildschirmauflösung auf dem Host-Computer eingestellt sein. Denn zwischen Symbolleiste und Gast-Fenster blendet das Programm für alle im Team enthaltenen virtuellen PCs automatisch eine Minidarstellung ihrer Bildschirminhalte ein, was Platz kostet. Unter Umständen sind dann die in der Statuszeile des VMware-Programmfensters zu findenden Symbole, über die sich die dem virtuellen Gast zur Verfügung stehenden Geräte schnell in Betrieb nehmen, deaktivieren oder rekonfigurieren lassen, nicht mehr sichtbar. Da es keine Option zum Abschalten der Anzeige dieser Miniaturbildschirme gibt und sich diese nur bis zu einer gewissen Mindesthöhe verkleinern lassen, bleibt als Notbehelf nur die Verkleinerung der im VMware-Programmfenster abgebildeten Gast-PC-Fenster.

Die Kehrseite der Medaille

So nützlich mehrfache Snapshot-Systemzustände, das Klonen von Gast-PCs sowie die Zusammenstellung von Gästen zu Teams sind: Alle diese Features stehen nur für virtuelle PCs bereit, die mit Workstation 5 erstellt oder darauf aktualisiert worden sind. Damit aber geht der Verlust der Abwärtskompatibilität einher - und zwar nicht nur zu früheren Workstation-Versionen, sondern auch mit anderen Produkten von VMware. Mit anderen Worten: Unter Workstation 5 angelegte virtuelle PCs sind unter Workstation 4.5.2, ACE 1.0, GSX Server 3.1 und ESX Server 2.5.1 nicht lauffähig. Gäste, die von einem dieser Produkte stammen, kann Workstation 5 zwar aktualisieren und weiterverwenden, der Weg zurück bleibt diesen virtuellen PCs aber verwehrt.

Wer virtuelle Gäste also auf Hosts mit unterschiedlichen VMware-Umgebungen nutzen möchte, muss quasi auf die Highlights von Workstation 5 verzichten. Besserung ist erst in Sicht, wenn der Hersteller überarbeitete Versionen seiner anderen Produkte auf den Markt bringt, die dann das neue Gast-PC-Format von Workstation 5 beherrschen.

Plattform-Freiheiten

Nachgelegt hat VMware bei den unterstützten Betriebssystem-Plattformen. So versteht sich Workstation 5 nun auf das Zusammenspiel mit Gästen wie Red Hat Enterprise Linux 4 oder Novell Linux Desktop 9, während für Sun Solaris 9/10 ein experimenteller Support besteht. Im Test bereiteten dem Probanden auch die aktuelle Longhorn-Alpha Build 5048, die Microsoft Ende April an die Teilnehmer der Konferenz WinHEC 2005 ausgegeben hat, sowie die offiziell gar nicht unterstützten Linux-Distributionen Kanotix und Ubunto keinerlei Probleme.

Genauso gewachsen ist die Liste in Frage kommender Host-Betriebssysteme. Zu den Neuzugängen gehören unter anderem Windows Server 2003 mit Service-Pack 1 und Suse Linux Enterprise Server 9. Eine Besonderheit von Workstation 5 ist die 64-Bit-Unterstützung für den Host-Computer - falls dessen Prozessor die AMD64- oder EM64T-Erweiterung kennt (wie beim AMD Athlon 64 und Opteron sowie dem Intel Pentium ab Modellreihe 600 und neueren Xeon-Ausführungen).

Hatte VMware beim Vierer-Vorgänger die Unterstützung für 64-Bit-Hosts noch mit dem Status "experimentell" gekennzeichnet, ist dieses Merkmal jetzt dem Versuchsstadium entwachsen. Beim Test auf dem mit Windows Server 2003, Enterprise x64 Edition, ausgestattetem 64-Bit-Host funktionierte Workstation 5 tadellos. Generell keine Unterstützung sieht der Hersteller für Computer vor, in denen der 64-Bit-Itanium-Prozessor werkelt.

Zwar langfristig auf der Agenda der kalifornischen Entwickler, aber derzeit noch nicht implementiert, ist die Einsatzfähigkeit von 64-Bit-Betriebssystemen nicht nur auf dem Host, sondern auch in den virtuellen PCs. Den Wunsch von Anwendern, das Look-and-Feel der 64-Bit-Edition etwa von Windows XP Professional oder Suse 9 in einem Gast-PC unter die Lupe zu nehmen, muss VMware Workstation also schuldig bleiben.

Weitere Praxiseindrücke

Zu den erfreulichen Eindrücken zählt die Geschwindigkeit, mit der Workstation 5 einen virtuellen PC in den Suspend-Schlaf versetzt. Der Trick ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Das Abspeichern des RAM-Inhalts findet im Hintergrund statt, was der Anwender im Vordergrund gar nicht merkt. Für Vorführungszwecke geeignet ist "Capture Movie": Hierüber lassen sich die Aktivitäten eines Gastes in einem Videofilm festhalten, den das VMware-Programm als AVI-Datei in einer von drei Qualitätsstufen auf Festplatte speichert.

Durch die Unterstützung für isochrone USB-Übertragungen steht der Verwendbarkeit von entsprechender USB-Hardware wie beispielsweise Webcams, Mikrofonen und Lautsprechern in virtuellen Gästen jetzt nichts mehr im Wege. Allerdings scheint diese USB-Optimierung an anderer Stelle zu Schwierigkeiten zu führen: Sporadisch wollten virtuelle PCs im Testverlauf USB-Sticks und WLAN-Adapter nicht erkennen, obgleich diese an den Host-Computer korrekt angeschlossen waren und dort fehlerfrei arbeiteten. Während in einigen Fällen ein Neustart des betroffenen Gast- PCs ausreichte, musste vereinzelt das komplette Workstation-5-Programm (einschließlich aller aktiven Gäste) beendet und neu geladen werden, um den Fehler zu beheben. Ferner wollte in einigen Fällen die Uhr in virtuellen PCs nach dem Aufwachen des Host-Computers aus dem Ruhezustand-Tiefschlaf nicht mehr richtig weiterlaufen. Merkwürdig dabei: Mit früheren Versionen des Workstation-Produkts traten diese Probleme nicht auf.

Positiv macht sich die umfangreiche Dokumentation bemerkbar, die sich über 490 PDF-Seiten erstreckt. Dort ist auch zu lesen, wie sich die 3D-Unterstützung in Gast-PCs (wichtig etwa für DirectX 9) in Betrieb nehmen lässt, obgleich diese erst experimentellen Status besitzt. Begrüßen dürften viele Anwender den Schritt von VMware, die Dokumentation in Englisch und auf Deutsch anzubieten. Das Programm selbst jedoch ist nach wie vor nur mit englischer Oberfläche zu haben. (ls)