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Vignette-Projekt gerät Bild.de zum Debakel

05.11.2001
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MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Mit Hilfe des Content-Management-Systems vom US-Hersteller Vignette wollte "Bild.de" ein Redaktionssystem aufbauen. Doch das Projekt geriet für den Axel Springer Verlag zur Millionenfalle. Ein Abbruch ist wahrscheinlich.

Offiziell will man in der Zentrale des Axel Springer Verlags am liebsten gar nichts zu dem Thema sagen. "Es ist richtig, dass es Probleme gibt", räumte CIO Thomas Tribius ein. Ein in der Branche kolportierter Bruch mit Vignette habe aber nicht stattgefunden. Entgegen anders lautenden Berichten entwickle der Verlag auch kein eigenes Alternativsystem.

   Mathias Döpfner, designierter Vorstandschef des Axel Springer Verlags, ist sauer: Die Entwicklung des Redaktionssystems von Bild.de erweist sich als Fass ohne Boden.  
   Mathias Döpfner, designierter Vorstandschef des Axel Springer Verlags, ist sauer: Die Entwicklung des Redaktionssystems von Bild.de erweist sich als Fass ohne Boden.  

Trotz intensiver Bemühungen erwies sich die Plattform des texanischen Softwarehauses offenbar als ungeeignet für die Anforderungen der Berliner "Bild.de"-Redaktion. Schwierigkeiten bereitete es schon, die Nachrichten auf der Website mehr als einmal pro Tag zu aktualisieren. Das Einstellen von Bildern oder gar Filmsequenzen, wie ursprünglich geplant, sei mit einem aberwitzigen Aufwand verbunden, heißt es aus unternehmensnahen Quellen. Immer wieder bastelte die Projektmannschaft an Verbesserungen, doch es traten stets neue Fehler auf. Schließlich riss "Bild.de"-Geschäftsführer Peter Würtenberger der Geduldsfaden. "Leider hat das Unternehmen Vignette das Produkt bisher noch nicht in einer für uns befriedigenden Weise fertig stellen können", zitiert ihn das Springer-Blatt "Die Welt".

Ärgerlich für den designierten Springer-Vorstandschef Mathias Döpfner dürften nicht nur die bis dato aufgelaufenen Kosten sein - Würtenberger spricht von einem "hohen einstelligen Millionenbetrag". "Bild.de" gilt als das Prestigeobjekt des Verlagsgiganten, jede weitere Verzögerung bedeutet einen Imageverlust.

In der deutschen Vignette-Niederlassung versucht man, die Angelegenheit zu relativieren. Zwar sei das Projekt "für beide Seiten nicht so gelaufen wie gewünscht", sagt Jens-Peter Heymann, Marketing-Leiter bei Vignette Deutschland. Die Zusammenarbeit werde aber fortgesetzt. Den schwarzen Peter will er sich nicht zuschieben lassen: "Es gab auch von Kundenseite Versäumnisse." Die häufigen Wechsel in der Projektleitung bei "Bild.de" hätten die Dinge nicht einfacher gemacht. Ein Vorhaben in dieser Größenordnung gerate dadurch schon mal ins Stocken. "Wenn es hart auf hart kommt, kann es auch Prozesse geben", so Heymann. Er gehe aber davon aus, dass man innerhalb der nächsten Wochen eine einvernehmliche Lösung finde.

Eine besonders unglückliche Figur bei "Bild.de" machte Roland Tetzlaff, bis vor kurzem Leiter des Springer-internen Dienstleisters Net.Services. Nach Informationen des Branchendienstes "Kressreport" sollte er die Organisation zum "Pixelpark des Springer-Verlags" ausbauen. Tetzlaff, der vorher Geschäftsführer des mittlerweile insolventen Web-Dienstleisters March First war, hatte einige seiner Ex-Mitarbeiter zu Bild.de geholt. Sie sollten das Redaktionssystem zum Laufen bringen. Weil die Erfolge ausblieben, wurde die March-First-Fraktion von den Springer-Kollegen heftig kritisiert. Nach Angaben einer "Bild.de"-Sprecherin hat Tetzlaff das Unternehmen inzwischen "auf eigenen Wunsch" verlassen.

Personelle Konsequenzen

Ungewiss ist nach dem Vignette-Debakel auch die Zukunft von "Bild.de"-Chefredakteur Udo Röbel und seinem Stellvertreter Uwe Dulias. Letzterer werde innerhalb des Axel Springer Verlags künftig "andere Aufgaben wahrnehmen", lautet die offizielle Sprachregelung. Röbel, zuletzt Inhaltechef der neuen Bild-T-Online AG, verlässt laut dem Informationsdienst "Der Kontakter" das Unternehmen.

Dass das Vignette-System grundsätzlich auch für nachrichtenorientierte Websites geeignet ist, beweist das Beispiel "Spiegel.de". Der Online-Ableger des Hamburger Nachrichtenmagazins setzt für sein Redaktionssystem ebenfalls die Content-Management-Software der Texaner ein. Zwar müsse man für die Einführung einschließlich aller Vorarbeiten und eigenentwickelter Anwendungen "mehrere Mannjahre" veranschlagen, berichtet ein Technikverantwortlicher. Doch anders als das Springer-Vorhaben konnte das Projekt zumindest nach außen hin geräuschlos abgeschlossen werden. Auch der US-amerikanische IT-Nachrichtendienst Cnet verwendet die Content-Management-Software.

Gleichwohl ist die Einführung des Vignette-Systems alles andere als trivial. Wegen des hohen Anpassungs- und Integrationsaufwands sind Projektlaufzeiten von sechs bis zwölf Monaten üblich. In der Branche wird das Produkt deshalb gelegentlich mit SAPs Monolith R/3 verglichen. Nicht alle Großkunden Vignettes, darunter hierzulande auch Daimler-Chrysler, Volkswagen oder das ZDF, nehmen dies in Kauf. So kippte der Versicherungskonzern Allianz Anfang dieses Jahres ein Internet-Service-Projekt auf Basis von "Vignette V" nach rund sieben Monaten. Dem Berliner Dienstleister Pixelpark war es nicht gelungen, das rund zehn Millionen Mark teure Projekt zeitgerecht abzuschließen.