Bain-Studie

Viele Banken sind mit der Digitalisierung noch im Rückstand

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
Er sorgt außerdem ziemlich rund um die Uhr bei Twitter dafür, dass niemand Weltbewegendes verpasst, treibt sich auch sonst im Social Web herum (auch wieder bei Facebook) und bloggt auf teezeh.de. Apple-affin, bei Smartphones polymorph-pervers.
Während die IT führender Banken bereits auf die Herausforderungen des digitalen Zeitalters ausgerichtet ist, sind viele andere Finanzhäuser diesbezüglich noch deutlich im Rückstand.

Das zeigt die Studie "Neustart statt Altlast: Wie Banken ihre IT für die Zukunft rüsten" der internationalen Management-Beratung Bain & Company, für die weltweit IT-Verantwortliche von Kreditinstituten befragt wurden. Demnach befindet sich die Mehrzahl der Banken nach eigener Einschätzung seit vier Jahren in einer digitalen Transformation, um dem veränderten Kundenverhalten Rechnung zu tragen. Bain-Prognosen zufolge wird der Anteil digitaler Banktransaktionen bis 2020 auf bis zu 95 Prozent steigen.

Die Kunden erwarten einer Mitteilung von Bain zufolge zunehmend ein digitales, voll integriertes Kundenerlebnis - und das stets auf dem neuesten Stand der Technik. Mit diesem rasanten Wandel können bislang nur einige Vorreiter Schritt halten (siehe Abbildung 1). Zahlreiche IT-Manager hingegen kämpfen aufgrund knapper Budgets mit veralteten Systemen und Anwendungen (Abb. 2). Darüber hinaus erfordern die höhere Komplexität des operativen Geschäfts sowie die verschärfte Regulierung umfangreiche Anpassungen der bestehenden IT.

"Die Banken brauchen einen Neustart der IT, um die Kluft zwischen der Ist-Situation und den Erwartungen der Kunden im digitalen Zeitalter zu überwinden", erklärt Ingolf Zies, Partner bei Bain und Autor der Studie. "Die derzeitigen Ansätze, neue digitale Lösungen in bestehende Systeme zu integrieren, greifen oft zu kurz." Die IT sei das Herzstück einer digitalisierten Bank und damit ein strategisches Instrument, kein technisches Thema. Die Prioritäten eines Hauses müssten für die IT übersetzt und vor allem budgetiert werden. Nur so könne es gelingen, den Umbau voranzutreiben.

Digitale Vorreiter schaffen Abstimmung von Gesamtstrategie und IT-Prioritäten

Ein wichtiger Baustein bei der digitalen Transformation ist laut Bain der Abgleich der IT-Prioritäten mit der Gesamtstrategie einer Bank. Dies gelingt der Studie zufolge aber nur rund 40 Prozent der größeren Kreditinstitute vollständig und über Jahre hinweg konsistent. Die befragten Manager begründen Diskrepanzen vor allem mit fehlender Dialogkultur zwischen den Fachbereichen und der IT sowie dem mangelnden Verständnis der eigenen Mannschaft für die digitalen Prioritäten des Unternehmens (Abb. 3).

Auch bei der Umsetzung gibt es noch erhebliche Schwierigkeiten. Die Anwendung agiler Prinzipien werde in Zukunft erfolgskritisch sein, heißt es weiter. Gemeint ist damit die Abkehr von langen, starren Entwicklungszyklen hin zu einer wesentlich größeren Flexibilität bei der Vorbereitung und Markteinführung von Innovationen. Erst bei gut einem Viertel der Projekte kommen demnach diese Prinzipien zum Einsatz. Auf diese Weise verschenkten Banken viel Potenzial. "Agilität ist eine entscheidende Voraussetzung für den Erfolg im digitalen Zeitalter", betont Zies. "Denn hier zählen Schnelligkeit, Flexibilität und die Fähigkeit, neue Produkte und Dienste zügig zur Marktreife zu bringen."

Agilität setzt eine geschulte Belegschaft voraus - und auch hier hapert es nach Ansicht der Befragten. Im Durchschnitt benötigen 17 Prozent der Beschäftigten in der IT eine umfassende Weiterqualifizierung für das digitale Zeitalter. Ihr Wissen stammt häufig noch aus der Mainframe-Welt. Gleichzeitig suchen die Banken händeringend Experten für digitale Lösungen, allen voran App-Entwickler und Cloud-Spezialisten. Mindestens 50 Prozent der Server von Finanzhäusern sollten künftig aus Effizienzgründen in der Cloud laufen, rät Bain. Software-as-a-Service-Modelle dürften in Zukunft bis zu 50 Prozent der laufenden Tätigkeiten abdecken.

Bis zur Hälfte des IT-Budgets für Aufbau digitaler Dienste

Bisher binden regulatorische Themen und veraltete Systeme einen Großteil der Investitionsbudgets. Digitale Vorreiter konnten jedoch die notwendigen Investitionen für den Neustart der IT zum Teil durch Einsparungen an anderer Stelle finanzieren. So ließen sich die Kosten der bestehenden Systeme senken, schreibt Bain - bei führenden Banken um 20 bis 30 Prozent. Spielraum ergebe sich unter anderem auch durch die Einstellung wenig wertschaffender Projekte und die Fokussierung der IT auf die Digitalisierung.

Erfolgreiche Kreditinstitute stellen nach Einschätzung der Management-Beratung drei zentrale Themen in den Mittelpunkt: Sie stimmen die IT-Prioritäten umfassend mit ihrer Gesamtstrategie ab, setzen konsequent auf die agile Weiterentwicklung neuer Applikationen und Dienste und achten dabei auf ein für sie nachhaltig akzeptables Budget. "Schon heute sollten Banken bis zur Hälfte ihres IT-Budgets für digitale Projekte verwenden", empfiehlt Bain-Experte Zies. "Denn ohne eine digitale Transformation und ohne deren fundierte Einbindung in die Unternehmensstrategie verlieren sie den Anschluss an die Konkurrenz und geraten selbst gegenüber Branchenneulingen ins Hintertreffen."