Blockchain-Technologie

Vertrauen in Perfektion?

Thomas Steinborn ist Director Product Management bei Talend. Seit 2013 leitet er den Bereich Cloud-Dienste, Plattform Services, ESB, sowie Datenmapping und B2B-Protokolle. Er verfügt über 15 Jahre Erfahrung in den Bereichen Daten- und Anwendungsintegration. Zu seinen Kernthemen gehören Cloud, Big Data, Integration, Internet of Things und Machine Learning. Neue Ansätze motivieren ihn, innovative Produkte zu entwickeln.
Technologie hat das Potenzial für große Umwälzungen. Sie bringt die kollaborative Wirtschaft an den Start und sorgt dafür, dass Entscheider Unternehmensdaten wieder vertrauen.

Blockchain trat 2008 mit der digitalen Währung Bitcoin zum ersten Mal ins Rampenlicht, doch in diesem Jahr steht die Technologie buchstäblich auf dem Gipfel - nämlich im Hype Cycle von Gartner. Zwar haben viele Ökonomen und politische Akteure Interesse an einem Einsatz der Technologie geäußert - so wollen etwa die Regierungen von Honduras, Ghana und Georgien ihre Liegenschaften in einer Blockchain festschreiben und im Privatsektor haben verschiedene Finanzeinrichtungen erste Experimente durchgeführt, doch die konkrete praktische Anwendung ist noch nicht besonders stark verbreitet. Dies ist insofern erstaunlich, als der mit dieser Technologie verbundene Markt nach Prognosen von Gartner im Jahr 2022 ein Volumen von 10 Mrd. US-Dollar erreichen soll.

Service-Optimierung mit Blockchain

Das Umwälzungspotenzial von Blockchain ist in der Tat beispiellos. Da die Technologie die Notwendigkeit eines vertrauenswürdigen Vermittlers für eine direkte Beziehung zwischen zwei Gruppen beseitigt, die Sicherheit dieser Beziehung gewährleistet und zudem einen fälschungssicheren Datenverlauf generiert, könnte sie Dienste wie Uber entscheidend verbessern. Ein auf sogenannten "Smart Contracts" basierendes System würde einen direkten Kontakt zwischen Fahrern und Kunden ermöglichen und gleichzeitig eine sichere Bezahlung garantieren. Die derzeit von Vermittlern wie Blablacar, AirBnB, Drivy oder Uber dominierte, kollaborative Wirtschaft würde in eine zweite Phase eintreten, die den Wegfall der Vermittlerrolle bedeuten würde.

Die Blockchain-Technologie besitzt das Potenzial, die kollaborative Wirtschaft auf das nächste Level zu hieven.
Die Blockchain-Technologie besitzt das Potenzial, die kollaborative Wirtschaft auf das nächste Level zu hieven.
Foto: whiteMocca - shuttertsock.com

Manche Beobachter halten es nur noch für eine Frage der Zeit, bis dieser Fall eintritt. Big Data hat es in gerade einmal zehn Jahren geschafft, zur wesentlichen Triebfeder in Marketing, Logistik und sogar im Personalwesen zu werden. Zwischen der ersten E-Mail und dem Beginn des Online-Bankings lagen stattdessen drei Jahrzehnte. Predictive Analytics - noch vor kurzem nur eine verrückte Idee aus Hollywood - ist mittlerweile sehr real und hat sich sogar zu einem Eckpfeiler der Terrorismusbekämpfung entwickelt.

Blockchain sichert Nachvollziehbarkeit von Daten

Betrachten wir das Potential von Blockchain für Big Data. Eine der grundlegenden Fragen im Zusammenhang mit Big Data betrifft ihre Governance. Welche Daten sollen wir nutzen? Wo sollen wir sie speichern? Wie können wir einen gesetzeskonformen Umgang mit ihnen gewährleisten? Wer darf sie ändern? Das Fehlen von Pilotprojekten wird häufig mit dem Vorhandensein von Datensilos entschuldigt, die die Agilität von Unternehmen erheblich beeinträchtigen. Die Entstehung von Data Lakes hat allerdings dazu geführt, dass diese Silos zerfallen und somit endlich ein Zugriff in Echtzeit auf die für geschäftliche Nutzer, Partner und Kunden so wichtigen Daten möglich ist.

Blockchain könnte in ähnlicher Weise dazu führen, dass bestimmte Big-Data-spezifische Prozesse (z. B. Authentifizierung oder Nachverfolgung von Daten) sicher werden. Das Potenzial ist gigantisch: Das gilt in erster Linie für den Gesundheitsbereich, wo bei personenbezogenen Daten immer auch die Vertraulichkeitsfrage zu stellen ist - aber auch im Finanzsektor, wo die Ausgliederung von Vermittlern zwar bereits eingeleitet wurde, aber in erheblichem Maße mit Sicherheitsproblemen und gesetzlichen Anforderungen zu kämpfen hat. Interesse könnte auch bei der Versicherungswirtschaft vorhanden sein, wo Blockchain ein weiterer wesentlicher Impuls für die Entwicklung von Peer-to-Peer-Modellen werden und die Grundlage für automatisierte Versicherungsverträge bilden könnte.

Auch kleine und mittlere Unternehmen bleiben nicht außen vor: Eine Bücherei könnte hiermit Ausleihe und Leihgebühren verwalten, Startups könnten ihre Finanzierung im Blick behalten. Mit dem Aufkommen von Smart Citys wären Verbraucher in der Lage, Verbrauch und Verteilung des mit Solaranlagen erzeugten Stroms zu regeln.

Vertrauen aufbauen mit der Blockchain-Technologie

Auch jenseits der Welt der Wirtschaft könnte die Gesellschaft von dieser Technologie profitieren: Online-Wahlen könnten sicher durchgeführt werden und es ließe sich ein Vertrauensnetzwerk einrichten, das eine großflächige Direktbefragung von Bürgern - etwa im Rahmen eines Referendums - ermöglichen würde. Die Folge wäre eine Stärkung der demokratischen Teilhabe.

Vertrauen - Dieses Wort bedeutet auch "offenbaren". Nach Angaben von IDC weigern sich aufgrund fehlenden Vertrauens und mangelnder Governance etwa 30 Prozent der Entscheidungsträger, Unternehmensdaten zu nutzen. Mit Blockchain - einem "Vertrauenskatalysator" - wird die Datennutzung ganz erheblich verbessert. Künstliche Intelligenz, Industrie 4.0 und die kollaborative Wirtschaft könnten bahnbrechende Veränderungen in Ökonomie und Gesellschaft mit sich bringen. Und hier sind es die Unternehmen, die ihren Beitrag leisten müssen - durch Experimente und die Entwicklung neuer Anwendungsmöglichkeiten, die die Gesellschaft von morgen prägen werden. (fm)