Verteilte Insellösungen

07.05.1976

Da plant man "Integrierte Datenverarbeitung", gar "Management-lnformationssysteme" - und darüber lächelt heute kaum noch einer. Denn die MlS-Euphorie liegt Jahre zurück. Hardware-Preisverfall und verbesserte DB-Software ermöglichen heute tatsächlich, integrierte Datenverarbeitung mit entsprechender Management-Report-Verdichtung auch wirtschaftlich zu lösen. Beispiele gibt es bereits genug.

Ziel ist die Einmal-Speicherung von Datenbeständen in leicht zugänglichen Datenbanken, damit viele Fachabteilungen mit den gleichen aktuellen und fehlerfreien Informationen operieren können. Das Konzept ist uralt - ein Wunschtraum seit langem -, langsam, aber stetig wird es Wirklichkeit.

Andererseits wird heute allüberall von "Verteilter Intelligenz" gesprochen - insbesondere während der Messetage auf den Ständen der Anbieter von Kleinsystemen und Terminal-Computern. Schlagworte: Jeder Fachabteilung ihr eigenes flexibles System, auf die Anforderungen am Arbeitsplatz optimal abgestimmt, blitzschnell ohne großen Programmieraufwand zu realisieren, unabhängig von der Trägheit der großen Zentralen.

DFÜ-fähig ist kein Argument

Auf den Einwand, hier wurden Insellösungen propagiert, die den Zentralen wichtige, auch für andere Fachabteilungen relevante Informationen vorenthalten, wird verlegen geantwortet, die Systeme seien aber DFÜ-fähig. Damit jedoch ist das Problem nicht aus der Welt geschafft.

Richtig ist sicherlich. daß es unsinnig wäre, Daten, die in der bei der operierenden Ebene anfallenden Form nur in den Filialen, Werken, Fachabteilungen benötigt werden, aufwendig - womöglich gar per DFÜ oder per Online-Lösung - sofort bei Entstehung zentralen Datenbanken einzuspielen. Andererseits ist sicherlich auch richtig, daß der Zentrale die Informationen der operierenden Ebene - sofern nicht anderseitig Zugriff auf die Detail-lnformationen gefordert wird - zumindest in aufaggregierter Form für Management-Auswertungen, etwa für Kostenrechnung oder Marktprognosen zur Verfügung gestellt werden müssen. Das Problem ist hierbei nicht die DFÜ-Fähigkeit der Subsysteme. Es kann auch Datenträger-Austausch sein, sofern die Informationen der Zentrale in dem Zeitraum zur Verfügung gestellt werden, der dem Verarbeitungsrhythmus der integrierten DV-Läufe entspricht. Bei täglichen Auswertungen in der Nachtschicht wird - abhängig vom Datenvolumen oder den Arbeitszeiten der Zentrale - DFÜ nach 22 Uhr mit billigen Wählleitungen genügen. Bei autonomen Subsystemen in Fachabteilungen der Hauptverwaltung reicht auch die rechtzeitige manuelle Übergabe eines Datenträgers.

Zunächst die zentrale Organisation

"Verteilte Intelligenz" ist somit nicht dadurch charakterisiert, daß hierarchische Online-Systeme realisiert werden. Vielmehr ist DFÜ-Tauglichkeit von Subsystemen keine Rechtfertigung für organisatorische Insellösungen wildgewordener oder nur ungeduldiger Fachabteilungs-Häuptlinge oder Niederlassungs-Fürsten. Es kommt vielmehr auf die zentrale Organisation an, die sicherzustellen hat, daß in der Unternehmung mit einheitlich aufeinander abgestimmten Schlüsseln, Datenstrukturen, Feldbezeichnungen gearbeitet wird, so daß verdichtete Daten aus den Subsystemen in das Konzept integrierter Datenverarbeitung der Zentrale passen und dort auch rechtzeitig zur Verfügung stehen. Ob das dann per Draht geschieht oder per reitendem Boten, ist letztlich unerheblich. Das organisatorische Gesamtkonzept integrierter DV muß stehen, bevor der zweite Schritt getan werden kann.