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Mobile und Video

Verizon kauft AOL für 4,4 Milliarden Dollar

Thomas Cloer war viele Jahre lang verantwortlich für die Nachrichten auf computerwoche.de.
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Der US-Telekommunikationskonzern Verizon übernimmt das Online-Urgestein AOL für 4,4 Milliarden Dollar in bar.

Mit dem Deal will Verizon laut "Wall Street Journal" seine Wachstumsambitionen bei mobilem Video und Werbung ausweiten. Der Kaufpreis, den Verizon komplett in bar bezahlt, entspricht einem Aufgeld von 23 Prozent auf den durchschnittlichen Kurs der vergangenen drei Monate. Die Aktie vor AOL stieg im vorbörslichen US-Handel nach Bekanntwerden der Übernahmepläne um 18 Prozent, das Verizon-Papier gab leicht nach um 1,6 Prozent.

Verizon Zentrale in New York City
Verizon Zentrale in New York City
Foto: Verizon

AOL war mit Dialup-Online-Zugängen (mehr als zwei Millionen US-Amerikaner zahlen dafür noch heute!) und einem proprietären Online-Service groß geworden. So groß, dass es auf dem Höhepunkt der ersten "Internet-Blase" den traditionellen Medienkonzern Time Warner übernehmen konnte. Zuvor hatte es sich Ende der 1990er Jahre schon CompuServe, Netscape und Mirabilis ("ICQ") einverleibt. Ende 2009 trennte sich Time Warner dann wieder von AOL. Nach einer Übergangsphase mit Content-Farm-Aktivitäten übernahm AOL 2010 das renommierte Tech-Blog "TechCrunch" und 2011 die Online-Tageszeitung "Huffington Post"; bereits seit 2005 gehört das Blog-Netzwerk von "Engadget" dazu.

Für Verizon besonders interessant dürften Technologien von AOL für den Verkauf von Online-Werbung und die Bereitstellung von hochwertigem Video via Internet sein. Der Carrier hatte bereits angekündigt, im Sommer einen Videodienst speziell für mobile Endgeräte zu starten. Dieser soll kostenlose, werbefinanzierte sowie zahlungspflichtige Inhalte kombinieren und keine Konkurrenz zum traditionellen Fernsehen werden. "Das wird nichts damit zu tun haben, was Sie zuhause machen", hatte Finanzchefin Fran Shammo Ende April in einem Interview erklärt. "Millennials konsumieren auf neuartige Weisen, die man im Fernsehen nicht sieht."

Über seinen Service "FiOS" - in etwa vergleichbar mit dem "Entertain" der Deutschen Telekom - hat Verizon schon gute Beziehungen zu allerlei Medienlieferanten. Im Bereich Mobile Video existiert bereits eine Partnerschaft mit der NFL, die einige Football-Spiele auf Mobiltelefone streamt. Vor gut einem Jahr hatte Verizon Intels praktisch fertigen Internet-Fernsehdienst OnCue erworben und dafür dem Vernehmen nach um die 200 Millionen Dollar hingeblättert.

AOL hat sich in den vergangenen Jahren erfolgreich als Anbieter im Bereich digitale Medien und Marketiung neu aufgestellt. Im vergangenen Jahr setzte das Unternehmen rund 2,5 Milliarden Dollar um, ein Plus von neun Prozent gegenüber 2013, und wies einen Gewinn von 126 Millionen Dollar aus. Für sein erstes Quartal hatte AOL vor wenigen Tagen ein deutliches Ertragsplus gemeldet.

Tim Armstrong bei TechCrunch Disrupt Europe (Berlin 2013)
Tim Armstrong bei TechCrunch Disrupt Europe (Berlin 2013)

Verizon möchte die Übernahme, der die Kartellbehörden noch zustimmen müssen, im Sommer abschließen. Die AOL-Geschäfte soll wie gehabt der frühere Google-Manager Tim Armstrong leiten. Der AOL-CEO sieht durch die Kombination bereits "das vermutlich größte Mobile- und Video-Business in den USA" entstehen.