Urknall

19.09.1980

Evolution gleich Hardware-Verträglichkeit gleich Sicherung von Sofware-lnvestitionen: Derartige Gleichungen wurden von den großen Computer-Herstellern im abgelaufenen Jahrzehnt immer wider aufgestellt um dem Anwender die Furcht vor einem Totalausverkauf seines mühsam erworbenen DV-Know-hows zu nehmen. Einem Ausverkauf des Anwenderwissens käme es in der TA gleich, wenn die Hersteller den vertrauten Pfad der Kompatibilität verlassen und von Grund auf neue Hardware- und Software-Architekturen entwickeln würden.

Aber gehen diese Rechnungen noch auf? Oder ist nicht vielmehr - angesichts des enormen Anwendungsstaus, von dem selbst IBM spricht - Evolution mit Stillstand ja mit Rückschritt gleichzusetzen? Wir meinen, eine Hardware- und Software-Revolution ist unausweichlich - was zu beweisen wäre.

An Software-, Führungs- und Ausbildungsthemen sind die CW-Leser am stärksten interessiert - so das Ergebnis einer Empfänger-Struktur-Analayse, die der Bonner Markt- und Mediaforscher Heiz Eckart für die COMPUTERWOCHE durchgeführt hat.

Den Begriffen "Software", "Führung" und "Ausbildung" ist eines gemeinsam: Sie lassen sich mit dem Wort "Krise" koppeln. Das ergibt dann die "Software-Krise", die "Führungs-Krise", die "Ausbildungs-Krise". Und damit wären wir bei einer Bestandsaufnahme. Die zentralen Fragen sind doch heute: Bringt es etwas, den ohnehin überforderten Anwender weiterhin zu schlauchen? Hat es überhaupt Sinn, an dem "Fleckerlteppich" Software so lange herumzuflicken, bis es keine Einstichpunkte für weitere Ausbesserungen mehr gibt? Sollen wir darauf warten, daß die schöne, schnelle Hardware an ihrer eigenen System-Software erstickt, so daß gar nichts mehr geht? Es gibt eine Reihe guter Gründe für die Annahme, daß sich die Systeme die 1982 bis 1984 kommen, essentiell von den heutigen Rechnern unterscheiden werden. Sie sind einfacher zu verstehen, zu programmieren, zu betreiben und zu warten.

Erste Ansätze zeigt der Datenbankcomputer System /38, den IBM ursprünglich in den "freien Raum" hinein konzipiert hat. Durch die Ankündigung von Software-Schnittstellen, die die Abwärtskompatibilität zum System/3 herstellen hat der Marktführer das Datenbank-Konzept dieser Firmware-Maschine leider nachträglich verwässert. Voraussetzung für den Einsatz der neuen Systeme ist, daß die alten liquidiert werden. Das geschieht, indem das Gesetz der Verträglichkeit abgeschafft wird, das bisher die Ankündigungspolitik der Hersteller bestimmte.

Wohin hat denn diese Kompatibilitätsdoktrin geführt? Das Fachpersonal beim Anwender ist durch Wartung, Pflege und Anpassung vorhandener Programme gebunden. Der Berg des Unerledigten wächst. Froh sind auch die Hersteller mit den Ergebnissen ihrer Altbausanierungen nicht geworden, obwohl sie das nicht offen aussprechen (DOS-Moduln, wollt ihr ewig leben?). Hier hilft nur ein "Urknall", der tabula rasa macht. Mit anderen Worten: Die neuen Systeme werden mit den heutigen nicht verträglich sein. Bleibt für die Hersteller die Frage: Wie sag ich's meinem Kinde - sprich: dem Anwender? Wie können die Benutzer dazu gebracht werden, wieder bei Null anzufangen und Programme in höherentwickelten, universellen Sprachen zu schreiben? Denn die neuen Systeme werden so konstruiert sein, daß sie nur noch die neue Software verstehen. Das werden die Anwender nicht gerne hören. Sie durch Informationen so einzustellen, daß ihnen bei dem zu erwartenden "Urknall" nicht die Trommelfelle platzen' versteht die COMPUTERWOCHE als eine Herausforderung.