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UPDATE: Bearingpoint: Weitere Top-Manager gehen

20.01.2006
Das deutsche Beratungshaus verliert die Hälfte seines Vorstands und zahlreiche Consultants.

Seit der zweiten Januarwoche ist Hendrik Ansink, nicht mehr Sprecher der Geschäftsführung der Bearingpoint GmbH in Frankfurt am Main. Auch Steffen Seeger, stellvertretender Geschäftsführer, sowie der Vertriebschef Beat Leimbacher haben unternehmensnahen Quellen zufolge ihren Hut genommen. In der Belegschaft wird über mögliche Gründe wie Beteiligungen der Manager an Firmen gemunkelt, die als Subunternehmen von Bearingpoint beauftragt wurden. Dies wurde allerdings von offizieller Seite weder bestätigt noch dementiert. Zu Gerüchten nehme man keine Stellung, sagte eine Pressesprecherin auf Anfrage der COMPUTERWOCHE. Auch die Demission der beiden Führungskräfte Seeger und Leimbacher wurde nicht bestätigt. Am heutigen Freitag nachmittag sollen die Mitarbeiter in einer internen Telefonkonferenz über die personellen Entwicklungen informiert werden.

Inzwischen bestätigte Bearingpoint die Demission Steffen Seegers. Er wird der Mitteilung zufolge das Unternehmen nach 21 Jahren aus persönlichen Gründen verlassen. Der neue Vorstand sieht demnach folgendermaßen aus:

- Sprecher der Geschäftsführung ist mit sofortiger Wirkung Peter Mockler, bislang als Vorstandsmitglied verantwortlich für den Geschäftsbereich Public Services/Infrastructure Services (PS/IS).

- Peter Schurau ist ab sofort stellvertretender Sprecher der Geschäftsführung und zuständig für Financial Services (FS). Auch er war schon zuvor Vorstandsmitglied. In das Führungsgremium aufgerückt sind

- Wilfried Erber, zuständig für Public Services/Infrastructure Services (PS/IS), sowie

- Hans-Werner Wurzel, zuständig für Commercial Services (CS). Er kam erst Ende vergangenen Jahres von CSC zu Bearingpoint.

Das bisherige Vorstandsmitglied Beat Leimbacher wird das Unternehmen zum 31. März 2006 verlassen. Brigitte Wallesch bekleidet künftig eine leitende Position auf europäischer oder globaler Ebene.

Unternehmensnahen Quellen zufolge verzeichnet Bearingpoint nicht nur auf Vorstandsebene eine hohe Fluktuation, sondern auch unter den Managing Directors (das sind die früheren KPMG-Partner) und den Beratern. Kolportiert wurde eine Rate von 25 Prozent, im Dezember 2005 soll sie sogar auf 35 Prozent hochgeschossen sein. Laut offizieller Darstellung bewegt sich die Abwanderung unter der hiesigen Belegschaft auf branchenüblichem Niveau, genaue Daten wurden allerdings nicht genannt. Marktbeobachtern zufolge beläuft sich die branchenweite Fluktuationsrate derzeit auf zehn bis 15 Prozent. Viele Mitarbeiter wechselten bereits zur ehemaligen Mutter- und Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Ihr Arbeitsweg hat sich kaum geändert: Die KMPG-Niederlassung in Frankfurt am Main liegt gleich um die Ecke.

Im gewissen Umfang ist die Abwanderung der Mitarbeiter erwünscht. Bereits im Jahr 2003 gab es eine große Entlassungswelle bei Bearingpoint-Deutschland, in deren Rahmen insgesamt 700 Stellen abgebaut werden sollten. Das Ziel wurde nicht unmittelbar erreicht, doch im Lauf der Jahre reduzierte sich die Belegschaft von rund 2800 Mitarbeiter im Jahr 2003 auf nun weniger als 2000. Ende vergangenen Jahres, nach zuvor einigen Höhen und Tiefen im Geschäftsverlauf, standen wieder Gespräche zwischen Führungskräften und Mitarbeitern über Aufhebungsverträge auf der Agenda. Mehr als 100 Mitarbeiter sollen das Angebot bislang angenommen haben.

Das schwankende Beratungsgeschäft und die anhaltenden Probleme der US-amerikanischen Muttergesellschaft, die bis heute keine testierten Finanzdaten für das Geschäftsjahr 2004 liefern kann und der ein Delisting von der New York Stock Exchange (Nyse) droht (inzwischen hat die US-amerikanische Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) dem Unternehmen einen Aufschub bis zum 31. März 2006 gewährt), haben auf die Stimmung der deutschen Belegschaft gedrückt. Dennoch nimmt die US-Zentrale die deutsche Dependance an die kurze Leine, was wiederum zur Verärgerung der hiesigen Berater beigtragen hat, die zu Zeiten unter dem KPMG-Consulting-Dach unabhängig arbeiten konnten. Ein Übriges tat wohl die oft dürftige und zum Teil widersprüchliche Informationspolitik des Unternehmens, insbesondere in der Zeit, als der langjährige CEO Randolph Blazer gehen musste.

Zudem zahlt Bearingpoint seinen Beratern seit Jahren keine Boni mehr. Zuletzt erhielten die deutschen Mitarbeiter eine Sonderzahlung in Höhe von 170 Euro. Allerdings nicht aufgrund des Geschäftserfolgs, sondern als Anerkennung für Mitarbeiter, die eine Erhebung von Forrester Research zufolge gute Arbeit geleistet hatten. Das Marktforschungshaus attestierte Bearingpoint im August vergangenen Jahres unter allen betrachteten Beratungsfirmen die besten Werte in der Kundenzufriedenheit. (jha)