Leidtragende sind wieder einmal die Anwender

Unterschiedliche Ansichten über OS/2 entzweien Microsoft und IBM

09.08.1991

MÜNCHEN (jm) - Das Rätselraten um Microsofts Pläne für DOS, Windows und OS/2 geht weiter: Im vorläufig letzten Kapitel beschreibt Microsoft das langsame Ende von OS/2. Man wolle Version 3.0 über Bord werfen; bisherige OS/2-Anwender könnten auf den New-Technology-Kernel (NT) und Windows migrieren, die in einem Produkt aufgehen sollen.

Die Kehrtwende des PC-Betriebssystem-Primus hatte sich schon früher angedeutet. Microsofts Senior Vice-President für Systemsoftware, Steve Balmer, sorgte mit Äußerungen für Unruhe, die New Technology firmiere im internen Microsoft-Sprachgebrauch ab sofort unter "Windows New Technology".

Bemerkenswert war vor allem, daß er für dieses "neue" Produkt nicht nur bereits einen Auslieferungstermin nannte - nächstes Jahr - , sondern auch feststellte, Windows NT werde ohne volle OS/2-Unterstützung bleiben. Microsoft wolle das OS/2-API aus dem 32-Bit-NT-Kernel ausgliedern, dieser werde denn auch nur DOS und Windows bedienen.

OS/2, Version 3.0, charakterisierte Balmer in einem Gespräch als Vertragsarbeit für IBM. Er ließ es sich in diesem Zusammenhang nicht nehmen, auf die mangelnde Kooperationsbereitschaft von Big Blue hinzuweisen .

Nach Ansicht von Marktkennern widersprach sich Balmer allerdings mit der Aussage, Microsoft habe NT immer schon als eigenständige Einheit, losgelöst von OS/2, Version 3.0, positioniert. Noch im Januar 1991 hatte die Gates-Company nämlich gemeldet, daß Version 3.0 auf dem NT Kernel aufbaue und sowohl DOS als auch Windows 3.0 unterstützen werde; ferner bediene sie die 32-Bit-Version der DOS-Erweiterung, Windows-32, den OS/2-Presentation-Manager (PM) sowie Posix-Applikationen.

Auch die ACE-Mitglieder warben anläßlich der Gründung der Industriegruppierung mit weitestgehender Unterstützung aller möglichen Applikationen unter der Betriebssystem-Plattform OS/2 3.0 und deren NT-Technologie. Sie müssen sich jetzt düpiert vorkommen.

Opfer von Microsofts-Produktpolitik wären einmal mehr auch Software-Entwickler, die für 3000 Dollar OS/2 Entwicklerpakete gekauft haben und nun nicht wissen, welchen Zielbahnhof der Betriebssystemzug anlaufen wird.

Microsofts OS/2-Strategie dürfte überdies zu erheblichen Verunsicherungen bei Großanwendern führen, die Investitionsentscheidungen für zukünftige Betriebssystem-Plattformen zu treffen haben.