Neue Arbeits(platz)modelle sind gefordert

Unternehmensnetzwerke als Katalysator der Unternehmensorganisation

Axel Oppermann beschäftigt sich mit (fast) allem, was in die Bereiche Social Enterprise, Cloud Computing und Microsoft hineinfällt. Axel schreibt auf Computerwoche als Experte zu den Themen Enterprise Cloud, Digital Enterprise und dem IT-Lieferanten Microsoft. Als IT-Analyst berät er Anwender bei der Planung und Umsetzung ihrer IT-Strategien. Axel ist Geschäftsführer des Beratungs- und Analystenhaus Avispador aus Kassel.
Immer mehr Wissensarbeiter stoßen an ihre Grenzen. Dies liegt nicht nur an der eigenen Leistungsfähigkeit, sondern an der oftmals nicht mehr zeit- und bedarfsgerechten Arbeitswelt. Benötigt werden neue Arbeits(platz)modelle, um die Mitarbeiter zu motivieren und Wettbewerbsvorteile zu heben. Informationstechnologie ist dabei ein Erfolgsfaktor.

Ein Recht auf Arbeit gibt es in Deutschland nicht. Der Anspruch des Individuums gegen den Staat auf die Gewähr der puren Möglichkeit, sich den Lebensunterhalt durch den Einsatz seiner Arbeitskraft zu sichern, ist in unserem System nicht vorgesehen. Im Grundgesetz gibt es keine solche Regelung. Zwar gibt es in einigen Landesverfassungen einzelne Ausführungen hierzu. Diesen kommt jedoch nicht die Rolle unmittelbaren Rechts zu, sondern sie signalisieren nur die Richtung, in welcher der Staat tätig werden beziehungsweise die Gesellschaft sich entwickeln soll.

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Wird bedacht, dass es in Deutschland gegenwärtig nach Metrik der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO-Arbeitsmarktstatistik) über 2,3 Millionen Erwerbslose gibt und nach dem Berechnungsmodell der Bundesagentur für Arbeit drei Millionen Arbeitslose gezählt werden, ist das wahrscheinlich ein Versäumnis. Wird gleichzeitig bedacht, dass ein ungenutztes Arbeitskräftepotenzial in der stillen Reserve vorhanden ist und es in Deutschland über zwei Millionen Nichterwerbspersonen mit Wunsch nach Arbeit gibt, handelt es sich ganz bestimmt um ein Versäumnis.

Es zeigt sich aber auch immer mehr, dass die Erwerbstätigen in Deutschland nicht optimal eingesetzt werden. Nicht mehr zukunftsfähige Arbeitsmodelle, überholte oder fehlende gesetzliche Regelungen sorgen dafür, dass der Produktionsfaktor Mensch nicht produktiv und zukunftsfähig genutzt werden kann. Ganz davon zu schweigen, dass der Mensch - das Individuum - sich nicht wohlfühlt. Grundsätzlich definieren und identifizieren sich viele Menschen über ihre Arbeit.

Rolle, Bedeutung und Relevanz der Arbeit

Die Erwerbsarbeit stellt für den Menschen im Zeitalter der Wissens- und Resonanzgesellschaft eine nicht zu unterschätzende Quelle der Selbstidentifizierung dar. Sowohl die eigene als auch die fremde Anerkennung "unserer" Arbeit ist von enormer Relevanz für soziale Wahrnehmungsprozesse der Individuen. Doch immer öfter ist eine solche Identifikation bedingt durch die von den Arbeitsstrukturen beziehungsweise Arbeitsmodellen abweichende gesellschaftliche Entwicklung.

Durch mehrheitsgeteilte Vorstellungen von Bedeutung und Relevanz gewisser Berufsgruppen ist es dem Arbeitnehmer möglich, sich in bestimmte Muster der Anerkennung einzuordnen und sich somit auch selbst zu reflektieren und zu behaupten. Doch die Arbeitswelt ist von einem anhaltenden Wandel geprägt und dieser bedingt auch immer eine Anpassung an künftige Veränderungen und Visionen. Globalisierung und Technisierung tragen tagtäglich dazu bei, gewohnte Strukturen der Arbeitswelt zu modifizieren. Transformationen innerhalb der Bereiche der Arbeitswelt, der Gesellschaft und der Technik unterliegen wachsendem Interesse und bieten vielfältige Möglichkeiten, um den sich wandelnden Anforderungen gerecht zu werden und zu effizienteren Arbeitsweisen zu gelangen.

Dabei ist die Bedeutung der Arbeit für die Menschen seit jeher ein wechselseitiges Konstrukt. Grundlage einer funktionierenden Gesellschaft ist die menschliche Arbeit; zugleich ist diese Arbeit aber, wird sie über die bloße Bedürfnisbefriedigung hinaus - also Mehrwert erzielend - betrieben, von gesellschaftlicher Organisation abhängig. Durch die Entwicklungen der industriellen Revolution im 19. Jahrhundert hin zu einer Industriegesellschaft trat der Konsum der produzierten Güter stärker in den Vordergrund denn je. Im Zuge dessen verschwamm auch erstmalig die klassische Trennung von Privat- und Arbeitswelt; gegenwärtig sehen wir bei der unkontrollierten Vernetzung ähnliche Entwicklungen. Arbeiter wurden in Fabriknähe untergebracht und versorgt. Der (Fabrik-)Arbeiter wurde fortan stellenweise als bloßer Teil einer Maschine gesehen, als Produktionsfaktor, wie Taylor es zynisch formulierte. Eben jener Ökonom war es auch, der mit seinem Prinzip des Taylorismus die Rationalisierung der Arbeitskraft auf den Höhepunkt trieb.

Die Produktivität und die Effizienz der Arbeiter sollten durch die Splittung der Arbeitsschritte in kleinste Prozesse mit jeweils geringen Denkvorgängen erheblich gesteigert werden. Kritisiert wurden hauptsächlich die inhumane Gestaltung der Arbeit, der Verlust beruflicher Autonomie und die anhaltende Unterforderung der Arbeiter. Ausprägungen und eine Weiterentwicklung dieser Modelle und Denkmuster sind heute noch in vielen Unternehmen zu erkennen, die für die IT-Industrie assemblieren.

Bedingt durch steigende Bildungsbemühungen, den Wandel hin zum Dienstleistungssektor und die Informatisierung diverser Arbeitsabläufe, dienten in unseren Breiten solche Vorstellungen jedoch (überwiegend) bald aus.

Obgleich diese Entwicklungen nun fast ein Jahrhundert zurückliegen, erscheint der Bezug zur Idee des vernetzten Unternehmens, welche eben auch auf Arbeitsteilung, Produktivitäts- und Effizienzsteigerung abzielt, zunächst vermeintlich plausibel. Stellt das "Unternehmen als Netzwerk" also einen Rückschritt im Sinne des Taylorismus dar? Sind die gegenwärtigen Entwicklungen, mit all ihren vermeintlichen Vorteilen, bloß wieder ein Versuch, die menschliche Arbeitskraft möglichst effizient auszubeuten?