Kritik von Gartner

Unternehmen setzen Business Intelligence planlos ein

Sascha Alexander ist Manager Marketing & Kommunikation bei der QUNIS GmbH, Neubeuern, die auf Beratung und Projekte in der Business Intelligence, Big Data und Advanced Analytics spezialisiert ist. Zuvor war der Autor als Director Communications bei den Marktforschungs- und Beratungsunternehmen BARC und PAC tätig. Als ehemaliger Redakteur der COMPUTERWOCHE sowie Gründer und Chefredakteur des Portals und Magazins für Finanzvorstände CFOWORLD verbindet ihn zudem eine lange gemeinsame Zeit mit IDG.
Seine Themenschwerpunkte sind: Business Intelligence, Data Warehousing, Datenmanagement, Big Data, Advanced Analytics und BI Organisation.
BI ist wichtiger denn je für Unternehmen. Doch viele Anwender sind von den Produkten für Reporting und Analyse überfordert und gehen das Thema zu zaghaft und ohne Strategie an. Die vielen Übernahmen im BI-Markt und neue Techniken erschweren die Orientierung, haben aber auch ihr Gutes.

Das Interesse an Software und Services für Business Intelligence wird 2008 weiter steigen. Dafür sprechen nicht nur die Wachstumsprognosen für den Gesamtmarkt, sondern auch die hohe Priorität, die Unternehmen BI geben. So stellten die Analysten von Gartner auf ihrem diesjährigen BI Summit in Amsterdam eine weltweite Umfrage unter IT-Managern vor, nach der wie bereits in den beiden Jahren zuvor BI die höchste Priorität unter den eingesetzten Techniken genießt. Und auch die Auguren profitieren von dieser Entwicklung: mit offiziell über 1000 Teilnehmern aus 39 Ländern konnte der Summit einen Besucherrekord verbuchen.

Kennzahlen, die der CEO nicht braucht


Von eitlem Sonnenschein kann dennoch keine Rede sein. Vielmehr gingen die Analysten wie schon in vergangenen Jahren mit den Anwendern ins Gericht. "Bei den meisten Unternehmen dienen BI-Lösungen nur dem Kennzahlen-Reporting, aber nicht als Grundlage für strategische Entscheidungen", beklagte Andreas Bitterer, Research Vice President bei Gartner. BI sei auch nach vielen Jahren der Nutzung immer noch zu sehr "bottom-up"-getrieben, was dazu führe, dass die Fragestellungen und Messgrößen oft nicht die sind, die Vorstände und Management interessierten. (siehe auch "Gartner: BI braucht einen Masterplan")

"Viele BI-Projekte sind ungesteuert (ohne Governance) oder nicht an den Unternehmensinteressen ausgerichtet." Dies zeigte auch eine kürzlich gemachte Umfrage unter Unternehmensvertretern zu den Zielen ihrer BI-Initiativen. Danach konnten 71 Prozent der Befragten ihre Motive nur allgemein mit dem Wunsch nach "schnelleren Entscheidungen" umschreiben. Ebenso diffus antworteten 45 Prozent (Mehrfachnennungen waren möglich), dass man aktuelle Daten benötige. Erst an dritter Stelle kam die Aussage, man wolle durch BI versuchen, die wirtschaftlichen Unternehmensziele und das laufende Geschäft aufeinander abstimmen. Doch gerade dies sollte die hohe Kunst von BI sein, so die Marktforscher. Vor allem sei es keine Strategie, BI nur als Mittel zum Kostensparen zu sehen.

Das Potenzial von BI-Software wird nicht genutzt

Gartner Research Vice President Andreas Bitter berichtet, dass BI-Tools für die meisten Anwender zu schwierig sind.
Gartner Research Vice President Andreas Bitter berichtet, dass BI-Tools für die meisten Anwender zu schwierig sind.

Die meisten derzeitigen BI-Initiativen bei Anwendern sind laut Gartner rein taktischer Natur oder haben "fokussierte Lösungen" zum Ziel. Sie sind abteilungsbezogen, entstehen aus einer Reihe von Einzelprojekten und werden von ausgewählten Nutzern bedient. Bei den fortgeschrittensten Initiativen finden sich Stabstellen zur Projektsteuerung und Formulierung von Unternehmensstandards, die Gartner seit einigen Jahren als Business Intelligence Competence Center (BICC) fordert.
Ingesamt fehle es aber fast allen Unternehmen an einer klaren Strategie und einem systematischen Vorgehen bei BI.

Dadurch gehe ein Großteil des Potenzials entsprechender Produkte für die Unternehmenssteuerung und zur Entwicklung von Wettbewerbsvorteilen verloren, so der Tenor auf der Veranstaltung. Die Produkte hätten sich laut der Analysten derart weiterentwickelt, dass sie eigentlich kein Grund mehr für gescheiterte BI-Projekte sein sollten. Dies gelte insbesondere für solche für ein Corporate Performance Management. Nachdem BI-Hersteller früher für ihre proprietären Produkte, oft nicht ausreichend integrierten Tools, kritisiert wurden, gebe es mittlerweile ein ganz anderes Problem: Sie sind funktional zu mächtig geworden und überfordern viele Anwender. "Für 80 Prozent der Benutzer ist BI zu schwierig. Sie wissen gar nicht, was sie mit solchen Produkten fragen sollen", sagte Gartner-Analyst Bitterer (siehe auch "Business Intelligence: Was Unternehmen wirklich brauchen").


Erschwert werden die Formulierung von BI-Strategien und die Produktauswahl durch die ständigen Übernahmen im lukrativen Markt. So hatte Gartner schon vor einigen Wochen prognostiziert, dass die vier enstandenen "Mega vendors" SAP, IBM, Oracle und Microsoft bis zum Jahr 2012 rund 70 Prozent des BI-Umsatzes für sich verbuchen könnten. Diese hatten im letzten Jahr durch die Übernahmen der führenden BI-Hersteller Hyperion (durch Oracle), Business Objects (durch SAP) und Cognos (durch IBM) sowie durch weitere Zukäufe und Eigenentwicklungen (beispielsweise der Perfomancepoint Server von Microsoft) ihre Marktposition schlagartig ausgedehnt.

BI-Stack statt BI-Plattform

Damit ändere sich auch die Stoßrichtung der Produktstrategie. Ging es bisher im BI-Lager vorrangig um einen Kampf um die beste BI-Plattform, also der Infrastruktur für den Aufbau und Betrieb von Reporting- und Analysenanwendungen, rücke nun der "BI-Stack" in den Mittelpunkt. Dieser umfasse sämtliche Komponenten, von der Datenbewirtschaftung, über die Analyse bis hin zum Frontend und analytischen Anwendungen und wird zugleich auf weitere Infrastruktur wie Datenbank, ERP-Software und Integrations-Server derselben Anbieter abgestellt. Die großen Hersteller werden versuchen, die Anwender im Sinne eines One-stop-shoppings enger an sich zu binden, resümieren die Analysten. Allerdings könnte bisher keiner diesen Anspruch voll erfüllen und müsse auch die Vorlieben und bestehenden Installationen bei Unternehmen berücksichtigen: "Keiner kann den Wettbewerb ausschließen", so Bitterer (siehe auch "2007: Business Intelligence und Performance Management finden zusammen").

Vorsicht vor Lockvogelangeboten

Anwender müssen künftig abwägen, wie eng ihre Beziehung zu diesen Giganten sein soll. Finanziell rechne es sich derzeit, alles von einem Anbieter zu beziehen, da dieser hierbei satte Rabatte von bis zu 50 Prozent einräumt, hieß es in Amsterdam. Doch nur auf den Preis zu schauen und "seine Seele zu verkaufen" kann andererseits riskant sein. So bestehe die Gefahr, mehr Lizenzen und Produkte als benötigt zu erwerben und dadurch "Shelfware" anzuhäufen (ein altes Problem im BI-Markt) und durch steigende Wartungspauschalen laufende Kosten zu haben. Ferner komme es zu einem Lock-in in die Produktwelt und ?zyklen der Anbieter, dem man kaum noch entkommen kann. Zudem muss laut Gartner davon ausgegangen werden, dass manche Anbieter zunächst mehr mit der Integration ihrer Produkte beschäftigt sein werden als sich um Innovationen zu kümmern. Grundsätzlich gilt zudem, dass die Produkte nicht den Erfolg mit BI sichern können. Eine klare BI-Strategie und Governance, die laufende Wartung von Systemen und Datenmodellen, die Verbesserung und Sicherung der Datenqualität, Schulungen und eine benutzerfreundliche Arbeitsumgebung sind vielmehr der Schlüssel dazu.

Diese Situation könnte eine Chance für die vielen verbliebenen BI-Spezialisten und Neueinsteiger in den Markt sein. So versuchen mittlerweile viele von ihnen durch Mechanismen wie Web-Services und Service-orientierte Architekturen ihre Produkte einfacher und gezielter in die IT-Landschaft der Kunden einzubinden. Mit bisherigen Techniken für Query und Reporting und Verfahren wie Online analytical processing (OLAP) allein sei aber nur noch schwer ein Wettbewerbsvorteil zu erzielen da die Mega-Vendors entsprechende Standardfunktionen und -produkte vorweisen können. BI-Spezialisten müssen vielmehr weitere Einsatzgebiete und Techniken für die Datenanalyse und ?aufbereitung aufzeigen, um gegen die Generalisten bestehen zu können.

Mit Innovationen punkten

Interessant sind laut Gartner beispielsweise Dashboards, Predictive Modelling, BI kombiniert mit Unternehmenssuche, interaktive Visualisierungstechniken, die Arbeitsspeicher-basierende Datenanalyse und BI-Appliances. Neu sei auch die Vermietung von BI-Software (Software as a Service), die neben etablierte Hersteller wie Business Objects und Cognos auch Neulinge wie LucidEra offerieren. Ferner könnten künftig spezielle Mittelstandsangebote, das OEM-Geschäft (Original Equipment Manufacturers) mit kleineren Herstellern von Unternehmenssoftware sowie von Value added Resellern entwickelte Branchenlösungen zusätzliche Absatzchancen für BI-Spezialisten eröffnen. Es gebe derzeit viele spannende Nischenanbieter, die Unternehmen evaluieren sollte. Konkret nannte Gartner den deutschen Anbieter Panoratio, sowie die Hersteller Fractal Edge, Seatab, Endeca, Oco, 1010Data, Greenplum, illuminate und Advizor Solutions. Allerdings sei es durchaus möglich, dass sich diese bei wachsendem Erfolg unter dem Dach eines neuen Besitzers wiederfinden könnten.

Kommen weitere Mega Vendors?

Ausgemacht sei auch nicht, dass es bei den vier Schwergewichten im BI-Markt bleibe, so Bitterer. Er könne sich durchaus vorstellen, dass durch Allianzen und Übernahmen unter den verbliebenen BI-Spezialisten neue Herausforderer entstehen. Ein Planspiel wäre für ihn etwa ein BI-Stack aus Teradata, Informatica und SAS Institute oder Hewlett-Packard, Informatica und Qliktech. Eine Open-Source-Alternative könnten Sun Microsystems, MySQL und Jaspersoft offerieren. Zudem könnte der BI-Markt weitere prominente Hersteller wie EMC, die Software AG, Adobe oder Cisco anlocken. "Stellen Sie sich vor, Apple, das wie kein anderer Hersteller das Thema Usability gelöst hat, würde einen BI-Client herausbringen, oder Google kostenlose Web-BI-Tools verbreiten."