Hype oder Hoffnung?

Unternehmen entdecken Virtual Reality für das Recruiting

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Im Wettlauf um talentierte Bewerber gewinnt Virtual Reality (VR) an Bedeutung. Erste Anwendungsbeispiele zeigen, dass es mehr werden könnte als nur ein Hype.

Auf einem Firmen-Event kam Timm Funke die Idee. Ein Kollege brachte seine Virtual-Reality-Brille mit und sofort bildete sich eine Traube aus technikbegeisterten Kollegen um ihn, die auch in die virtuelle Welt abtauchen wollten. Für Danebenstehende ähnelt die klobige Sehhilfe einer Alien-Maske, mit der sich die Person kichernd und oft etwas tapsig bewegt. Doch die Brillen ziehen gerade auf Messen Besucher magisch an.

Timm Funke, mindsquare: "Wir möchten unsere freundschaftliche Unternehmenskultur für die Bewerber sichtbar und erlebbar machen."
Timm Funke, mindsquare: "Wir möchten unsere freundschaftliche Unternehmenskultur für die Bewerber sichtbar und erlebbar machen."
Foto: mindsquare

Mit VR-Brillen um neue Mitarbeiter werben

Lange kursierten die klobigen VR-Brillen nur auf Gaming-Events, inzwischen entdecken sie immer mehr Firmen, um für sich als Arbeitgeber zu werben. Für Funke, Geschäftsführer der SAP-Beratung Mindsquare aus Bielefeld, war nach diesem Aha-Erlebnis klar, dass er VR für das Recruiting und die Werbung um neue Mitarbeiter einsetzen möchte. "Das hat mir gezeigt, dass genau unsere Zielgruppe getroffen wird."

Timon Vielhaber ist nicht ganz unschuldig an der Begeisterung für VR. Der 37-Jährige sieht sich selbst als spielbegeisterter Pionier und überzeugt Firmen von Virtual-Reality-Anwendungen für die Personalarbeit. Im April 2015 gründete Vielhaber die Firma World of VR, nachdem er auf der letzten CeBIT mit zwei VR-Filmen das Marktpotenzial für seriöse Anwendungsfelder testete und die Idee für tragfähig hielt. Inzwischen arbeiten 14 Mitarbeiter für das in Köln ansässige Startup. Der Jungunternehmer sieht darin jede Menge Potenzial. "Die Tourismusbranche interessiert sich ebenso für Virtual Reality wie Immobilienmakler oder Personalverantwortliche."

Bewerber können in App Rätsel lösen

Timm Funke setzt darauf, dass Informatiker besonders von der spielerischen Technik und den innovativen Videos angesprochen werden. Das noch junge Unternehmen Mindsquare beschäftigt 135 Mitarbeiter und möchte in diesem Jahr 40 neue Kollegen an Bord holen. Gerade als kleineres Beratungshaus braucht Funke viel Aufmerksamkeit, um Informatiker anzusprechen.

Ob Bewerbervideos oder eine Virtual-Reality-App, mit der man in den Arbeitsalltag eintauchen kann, die SAP-Beratung mindsquare lässt sich im Recruiting viel einfallen.
Ob Bewerbervideos oder eine Virtual-Reality-App, mit der man in den Arbeitsalltag eintauchen kann, die SAP-Beratung mindsquare lässt sich im Recruiting viel einfallen.
Foto: Mindsquare GmbH

Mindsquare dreht demnächst den ersten Film mit World of VR, und Timm Funke hat schon intensiv über das Drehbuch nachgedacht. "Wir möchten unsere freundschaftliche Unternehmenskultur für die Bewerber sichtbar und erlebbar machen", verrät er. Zwar sage das jede Firma von sich, doch Funke ist überzeugt, dass das in der VR-App auch spürbar wird. Die Dramaturgie der App folgt einem Videospiel: Während der Bewerber mit der Brille durch die Büroräume des Unternehmens navigiert, gibt es wie in einem Computerspiel Dinge zu entdecken und Rätsel zu lösen. "Bewerber sollen uns spielerisch kennenlernen und so mehr über uns erfahren."

Ansprechen möchte Funke vor allem Informatiker und IT-Absolventen auf Messen und Absolventenkongressen. Auf der Homepage des Unternehmens finden die Kandidaten anschließend viele Informationen zu den unterschiedlichen Karrierewegen. "Wir möchten Bewerbern immer wieder etwas Neues bieten und deshalb wollen wir Virtual Reality für das Recruiting ausprobieren", fasst Funke zusammen.

Spaß an der Arbeit soll im Film rüberkommen

Ähnlich denken auch andere Unternehmen, die in VR eine Chance sehen, mit innovativen Konzepten auf sich aufmerksam zu machen. "Wir möchten uns vom Wettbewerb abheben", sagt Andrea Uhrig, verantwortlich für das Recruiting bei der international tätigen Personalberatung SThree. "Viele Bewerber können sich nicht vorstellen, was ein Personalberater macht. Wir wollen mit der App zeigen, wie es sich anfühlt, für uns zu arbeiten", erläutert Uhrig. Die Personalerin tüftelte gemeinsam mit Kollegen an einem Drehbuch für die App, in der die Mitarbeiter in ihrer Arbeitsumgebung im Großraumbüro zu sehen sind. "Wir haben Spaß bei der Arbeit, das soll im Film rüberkommen", wünscht sie sich.

Andrea Uhrig, SThree: Wir wollen mit der App zeigen, wie es sich anfühlt, für uns zu arbeiten."
Andrea Uhrig, SThree: Wir wollen mit der App zeigen, wie es sich anfühlt, für uns zu arbeiten."
Foto: SThree

SThree ist Spezialist für Personalbeschaffung. Neben dem IT-Markt betreut das Unternehmen über die Geschäftszweige Computer Futures, Progressive, Huxley und Real Staffing Branchen wie Finanzdienstleistung, Gesundheitswesen und Engineering. In Deutschland arbeiten rund 600 Mitarbeiter für das Unternehmen. Uhrig sucht vor allem für den Vertrieb neue Kollegen. Mit einer authentischen VR-App will die Personalexpertin hierzulande mit noch mehr Bewerbern ins gespräch kommen.

Dank 360-Grad-Kamera bleibt nichts verborgen

Wenn Timon Vielhaber mit seinem Team und einem Set von sieben bis zu 14 sogenannter 360-Grad-Kameras anreist, ähnelt das wenig einem üblichen Videodreh. "Es gibt keine Person hinter der Kamera, alles ist sichtbar. Die Protagonisten können ihren Text nicht von einem Spickzettel oder Bildschirm ablesen, sondern sind oft allein in einem Raum", erklärt er seinen Kunden vorab.

Siegfried Bloch kennt die Tücken eines Drehtags, denn Vielhaber und sein Team filmten bereits bei Arvato Systems in Gütersloh. "Es ist wirklich alles sichtbar", beteuert Bloch und ergänzt: "Wir haben unsere Mitarbeiter darauf vorbereitet, dass sie oft allein mit der Kamera sind", so der Personalchef.

Das Unternehmen plant, die App bereits auf der CeBIT am Stand zu präsentieren. Bloch: "Wir möchten einen realistischen Eindruck von der späteren Arbeitswelt vermitteln und zeigen die Büros, den Campus aber auch unsere Kantine oder die Fitnessräume für die Mitarbeiter."

Mit VR in fremde Welten eintauchen

Doch lohnt sich der Aufwand? Würde ein Video nicht ausreichen? Timon Vielhaber ist davon überzeugt, dass VR ganz andere Qualitäten bietet. "Jeder taucht in eine besondere Welt ein, der Zugang über VR ist emotionaler als mit einem Video und das Erlebnis prägt sich viel intensiver ein", verspricht er.

Kosteten vor einigen Jahren VR-Brillen noch bis zu 50.000 Euro, gibt es heute bereits Exemplare für rund 300 Euro.
Kosteten vor einigen Jahren VR-Brillen noch bis zu 50.000 Euro, gibt es heute bereits Exemplare für rund 300 Euro.
Foto: Barone Firenze - shutterstock.com

Kosteten vor einigen Jahren VR-Brillen noch bis zu 50.000 Euro, gibt es heute bereits Exemplare für rund 300 Euro. "In den USA wurde eine Brille entwickelt, in die man ein Smartphone stecken kann. Über eine App kann jeder den VR-Film ansehen. Das schafft eine ganz andere Verbreitung", weiß Vielhaber, dessen Tochterunternehmen VRoggles diese Brillen aus Pappe produziert und vertreibt. Wobei die Pappvariante - bei einer großen Bestellung - mittlerweile sogar unter zehn Euro kosten kann.

Sein Unternehmen habe 1000 solcher VR-Brillen aus Pappe mit dem Firmen-Logo versehen. "Die verteilen wir auf der CeBIT", sagt Bloch von Arvato Systems. Das IT-Unternehmen mit seinen über 3000 Mitarbeitern weltweit sucht 2016 allein in Deutschland zwischen 150 und 200 IT-ler.

Siegfried Bloch, Arvato Systems: "Für uns ist Virtual Reality eine zukunftsweisende Technologie, die das Potenzial hat, Videos, Fotos oder Texte über uns als Arbeitgeber durch ein realistisches, im besten Sinne erlebbares Bild zu ergänzen."
Siegfried Bloch, Arvato Systems: "Für uns ist Virtual Reality eine zukunftsweisende Technologie, die das Potenzial hat, Videos, Fotos oder Texte über uns als Arbeitgeber durch ein realistisches, im besten Sinne erlebbares Bild zu ergänzen."
Foto: Arvato

Prognostiziert Bloch: "Für uns ist Virtual Reality eine zukunftsweisende Technologie, die das Potenzial hat, Videos, Fotos oder Texte über uns als Arbeitgeber durch ein realistisches, im besten Sinne erlebbares Bild zu ergänzen." Ansprechen möchte der Arvato-Mann nicht nur IT-Spezialisten und -Professionals. Vielmehr will er auch Schulabgänger begeistern. Bloch weiter: "Wir möchten vorne dabei sein. Für uns ist es ein guter Zeitpunkt, um mit der App auf unser Unternehmen und uns als Arbeitgeber aufmerksam zu machen." Ob Konzern, etabliertes Unternehmen oder junge Firma - allen ist es wichtig, mit der innovativen VR-Technologie im Wettlauf um die talentierten Bewerber schneller als die Konkurrenz zu sein und mit ungewöhnlichen Ideen und einer Portion Humor zu überzeugen.

Hier gehts zum Arvato-Video.
Hier gehts zum Arvato-Video.
Foto: Arvato
 

timelock

Bei aller Euphorie und allem Verständnis für die, die jetzt auf den 360er Zug aufspringen, nur ihre Leistung verkaufen wollen und keine professionelle Distanz zu der Technik besitzen: ich habe gerade mit an dem neuen Internetauftritt der Mediengruppe RTL Deutschland gearbeitet, für den sowohl 360 Grad Video wie auch herkömmliche Portraits realisiert worden sind. Und ich weiß, wie schwer es für Menschen ohne Kameraerfahrung ist, vor der Technik, dem Team, den beiwohnenden Kollegen und manchmal auch noch dem Vorgesetzten authentisch und entspannt rüberzukommen. Ich weiß, wie schwer es für die realen "Darsteller"ist, mit dem Erwartungsdruck zurechtzukommen und dabei auch noch die zugedachten Informationen zu transportieren und die Zuschauer für sich zu gewinne. Das gelingt ja sogar manchen professionellen Schauspielern nicht. Und den Mitarbeitern der Unternehmen setzt man jetzt mehräugige Kameras vor die Nase und möchte, dass alles ganz natürlich ist? Und wenn sie dabei auch noch sprechen, muss es ein One-Take werden, weil man eine 360er ja nicht schneiden kann. Und wollen Unternehmen wirklich zeigen, wie es bei ihnen in der Realität aussieht? Ich kann mich nicht erinnern, in den letzten 20 Jahren darum gebeten worden zu sein. Denn soooo interessant sind "normale" Arbeitsräume und Situationen nicht. Und bestand meine Leistung nicht gerade darin, mit meinen Filmen dass nicht sichtbare zu Tage zu fördern? Bitte nicht falsch verstehen, ich habe die 360 Grad Technik bei der Mediengruppe überhaupt ins Gespräch gebracht und ich finde neue visuelle Technologien extrem inspirierend für meine Arbeiten. Aber hier machen 360 Grad auch Sinn, da es darum geht, symbolhaft technologische Marktführerschaft bei der Produktion von Bewegtbildern zu transportieren. Und weil die Sphären auch durch herkömmliche Portraits ergänzt werden, die nicht eine Technologie, sondern die Menschen in den Mittelpunkt stellen. Meine Empfehlung für die Suche nach geeigneten Produktionsfirmen ist deshalb: können diese neben dem erforderlichen technischen VR oder 360 Grad Video Know-how auch irgendwelche "herkömmlichen" Referenzen vorweisen, in denen sie Menschen und deren Emotionen in den Mittelpunkt gestellt haben? Denn wenn sie das nicht auf dem "herkömmlichen" Weg können, warum sollten sie dies dann bei 360 Grad, bei der der technologische Aufwand und die Inszenierungsbühne noch größer sind?

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