Ray Kurzweil

"Uns steht eine phantastische Zukunft bevor"

Simon Hülsbömer
Simon verantwortet redaktionell leitend die Themenbereiche IT-Sicherheit, Risiko-Management, Compliance und Datenschutz. Er hat aber auch Trends wie Big Data, Analytics und Cloud Computing sowie IT-Projekte in den Fachabteilungen im Blick. Außerdem betreut der studierte Media Producer den täglichen Früh-Newsletter und ab und an die iPad-Ausgaben der COMPUTERWOCHE. Aufgaben als Online-News-Aushelfer, in der Traffic- und Keyword-Analyse, dem Content Management sowie die inoffizielle Funktion "redaktioneller Fußballexperte" runden sein Profil ab.
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Der amerikanische IT-Visionär Raymond "Ray" Kurzweil sieht im CW-Interview Mensch und IT in den kommenden Jahrzehnten zu einer Einheit verschmelzen.

CW: 2002 haben Sie 20.000 Dollar darauf gewettet, dass bis zum Jahr 2029 Computer mindestens genauso intelligent sein werden wie Menschen. Was macht Sie da so zuversichtlich?

Ray Kurzweil war anlässlich des 4. Dresdner Zukunftsforums der T-Systems Multimedia Solutions in Deutschland.
Ray Kurzweil war anlässlich des 4. Dresdner Zukunftsforums der T-Systems Multimedia Solutions in Deutschland.

KURZWEIL: Wenn Sie sich die vergangenen Jahrzehnte anschauen, läuft alles darauf hinaus, dass ich die Wette gewinne. Schon heute gibt es Hunderte Anwendungsbereiche, in denen Maschinen das erledigen, was früher ausschließlich aus der menschlichen Intelligenz heraus bewerkstelligt werden konnte. Wenn Sie telefonieren, eine E-Mail verschicken, Produkte in Massen fertigen, mit dem Flugzeug starten und landen oder ein diagnostisches Blutbild erstellen - in allen Fällen machen Computer mittlerweile einen Job, der früher einmal dem Menschen vorbehalten war. Und das besser und kostengünstiger. Diese klaren Grenzen zwischen Menschen und Maschine weichen umso mehr auf, je mehr wir verstehen, wie menschliche Intelligenz funktioniert. Diese Entwicklung schreitet exponentiell voran: Die Genauigkeit von Gehirnscans verdoppelt sich jährlich. Heute können wir bereits in lebende menschliche Gehirne sehen und aktive Zellverbindungen ausfindig machen. Wir beobachten, wie diese Verbindungen wachsen, wie unser Gehirn Gedanken kreiert und diese Gedanken wiederum das Gehirn beeinflussen. Die Beobachtungen setzen wir in Simulationen und realistische Modelle des Gehirns um, die den Ursprung unserer Fähigkeiten und Talente, der visuellen und auditiven Sinne lebensecht darstellen können.

CW: Es wird aber eine extreme Rechenpower vonnöten sein, um das menschliche Hirn realitätsgenau simulieren zu können.

KURZWEIL: Ich habe in meinem Buch "Singularity is near" schon 2006 aus einer sehr konservativen Sichtweise heraus analysiert, welche Hard- und Software nötig ist, um das menschliche Gehirn in seiner Gesamtheit simulieren zu können. Der derzeit schnellste Supercomputer IBM Sequoia, der Anfang 2011 ans Netz gehen soll, wird in den frühen 2020er Jahren gerade einmal noch 1000 Dollar kosten. Auch dank Cloud-Computing-Technologie, mit der mehrere von diesen Rechnern zusammengeschaltet werden, werden wir bis 2029 ausreichend kostengünstige Rechenleistung haben, so dass die Hardware kein Problem mehr darstellen sollte. Der eigentliche Punkt ist die Software. Viele meiner Kritiker behaupten, ich unterschätzte die Komplexität des menschlichen Hirns. Aber nach 50 Jahren Arbeit in diesem Bereich sage ich, dass meine Kritiker die Leistungsfähigkeit zukünftiger Tools unterschätzen. Sie ignorieren das exponentielle Wachstum der IT-Leistung. Dadurch unterscheiden sich meine Vorhersagen so stark von ihren. Als ich in den 1980er Jahren die Ausbreitung des World Wide Web für Mitte der Neunziger vorhergesagt habe - ich habe es zwar nicht WWW genannt, aber seine Folgen gut beschrieben -, haben mich viele für verrückt gehalten. Exponentielles Wachstum funktioniert aber nun einmal so: Die erste Hälfte eines Zeitraums geschieht fast gar nichts - Sie schaffen gerade einmal ein Prozent Ihrer Ziele. Da sich der Fortschritt aber mit jedem Schritt verdoppelt, sind Sie damit genau im Zeitplan.

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