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Thema des Tages

Unklare Details machen Angebote von Free-PCs zur Augenwischerei

28.10.1999
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MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - PC geschenkt, Internet abonniert - so und ähnlich werben Anbieter sogenannter Free-PC-Systeme um Kunden. Auch in Deutschland kommt das Geschäft mit den angeblichen Schnäppchen langsam in Schwung. CW-Redakteur Jan-Bernd Meyer zeigt auf, daß sich beim genauerem Hinsehen so mancher gute Deal als Taschenspielertrick herausstellt.

Der PC-Anbieter Archtec Computerhandels mbH kooperiert beispielsweise mit den Internet-Service-Providern Mannesmann Arcor und Gigabell aus Frankfurt/Main. Archtec will einen PC zum eher symbolischen Preis von einer Mark an den Käufer bringen. Das Unternehmen wird insgesamt 15 000 Rechner mit Intel-Celeron-Prozessor (400 MHz Taktrate), 64 MB Arbeitsspeicher, 8,4 GB großer Festplatte, Disketten- und CD-ROM-Laufwerk und 56-K-Modem über die Massenvertreiber Pro Markt, Kaufhof, Interfunk, Expert, Sigma Bürowelt, Globus sowie weitere Handelsunternehmen anbieten.

Was nicht allen Kunden gefallen dürfte: Als Betriebssystem wird Linux eingesetzt, als Anwendungsprogramme installierte das Unternehmen aus Niederaichbach nahe Landshut "Staroffice 5.0".

Ferner muß der Kunde dafür einen sogenannten Preselection-Internet-Kombivertrag abschließen. Dieser beinhaltet eine monatliche Ratenzahlung von 29,90 Mark über drei Jahre sowie einen Obulus für die Internet-Nutzung. Insgesamt kostet der PC somit 1076,40. Allerdings sind hierin die Kosten für einen Monitor noch nicht enthalten. Wie hoch diese jeweils sein werden, wollte das Unternehmen, das als IPC Archtec AG im Februar 2000 seinen Börsengang an den Neuen Markt plant, der COMPUTERWOCHE nicht sagen. Erste Details würden auf einer Pressekonferenz am 29. Oktober bekanntgegeben.

Auch AOL Europe , das Joint-venture zwischen America Online Inc. und der Bertelsmann AG, verhandelt nach einer Meldung des "Wall Street Journal" mit der Fujitsu Siemens Computers BV über ein alimentiertes Computersystem. Danach würden deutsche PC-Käufer ein Multimedia-System zu einem nicht definierten Preis erhalten, wenn sie sich für drei Jahre an AOL als Internet-Service-Provider (ISP) binden und darüber hinaus 50 Mark pro Monat zahlen.

Augenwischerei ist, was PC-Primus Compaq in Deutschland gemeinsam mit der Ibexnet AG als sogenannten Fair-PC auf den Markt bringen will. Ab Ende Oktober können Interessierte entweder über die Ibexnet-Homepage oder deren 01 80-Telefonnummer (01 80-500 60 04) unter zwei "Presario"-Modellen von Compaq wählen. Diese sind mit einer Pentium-III-CPU (500 MHz Taktrate) oder einem Intel-Celeron-Chip (500 MHz), einem 48fach-CD-ROM-Laufwerk, einem 56-K-Modem, Windows 98, Word/Works sowie der Encarta-Enzyklopädie von Microsoft ausgestattet. Unterschiedlich groß sind die Festplatten (10/15 GB), der Arbeitsspeicher (64/128 MB), sowie die Grafikkarte (16 oder 32 MB Grafikspeicher).

Zusätzlich gewähren Compaq/Ibexnet einen kostenfreien Internet-Zugang über MCI Worldcom/Uunet. Die Verbindungskosten belaufen sich auf 5,9 Pfennig pro Minute rund um die Uhr. Die Mietkosten lassen sich zudem reduzieren, wenn der Kunde Werbung von noch nicht näher bezeichneten Geschäftspartnern über sich ergehen ließen.

Für das kleinere Modell legt sich der Käufer auf eine monatliche Mietzahlung von 50 Mark für den PC und weiteren 12 Mark für einen Monitor fest. Dies für satte vier Jahre. Erst nach zwei Jahren kann ein Kunde ohne weitere Kosten ein neues Gerät ordern. Tut er dies allerdings, verlängert sich die Mietdauer um weitere vier Jahre (ab Lieferung des Neugeräts). Der PC-Käufer ist bei diesem Deal an Compaq als Hardware-Lieferanten gebunden. Für den PC zahlt er an reinen Hardwarekosten fast 3000 Mark - und damit erheblich mehr, als er für ähnlich konfigurierte Systeme heute auf den Tisch legen müßte.

Ein attraktives Angebot mit Fußangeln bietet auch Karstadt . Deren Internet-PC, ein "Euroline"-Minitower von Fujitsu, mit geringfügig minderer Ausstattung als Compaqs kleinerer Fair-PC kostet 799 Mark. Nirgendwo ist allerdings zu lesen, daß das Angebot ohne den Preis für einen Monitor gilt. Zudem legt sich der Käufer auf einen 24monatigen Vertrag mit Internet-Service- und Telekom-Provider Talkline fest. Von diesem bezieht er den Internet-Zugang über "Talknet 1000" für 34,90 Mark pro Monat. Enthalten sind in diesem Preis 16,66 Stunden Verbindung im Internet pro Monat. Außerdem muß man seinen Telefon-Festnetzanschluß ebenfalls über Talkline und deren "Easyline-C24"-Tarif abwickeln und zusätzlich 15 Mark pro Monat an Gebühren zahlen. Summa summarum berappt der Kunde eines vorgeblich billigen Internet-PCs von Karstadt also auch mindestens rund 2600 Mark und muß sich dafür an einen ISP und Telekom-Anbieter binden.

Fazit: Free- oder Fair-PCs stellen bei weitem nicht die im Namen vorgegaukelte günstige Offerte dar. Zudem binden sie den Käufer auf Jahre an einen ISP und Telekom-Anbieter.