Unix: zuwenig für schwarze Zahlen

09.03.1990

Die DV-Industrie steckt in einer Krise. "Die Branche hat keine leichte Zeit vor sich." Nüchterne Prognose eines Firmenchefs, der zwar zuerst für sein Haus spricht, der sich bei seiner Argumentation aber auch auf die Erfahrungen vieler Mitbewerber stützen kann: Horst Nasko, Vorstandssprecher der Nixdorf Computer AG, macht den erdrutschartigen Preisverfall für die schlechten Ergebnisse der DV-Anbieter verantwortlich (siehe Interview, Seite 11). Trotz höheren Mengenabsatzes habe man zuletzt den vorauskalkulierten Umsatz nicht erreicht - zuwenig für schwarze Zahlen.

Wenn Nasko beinahe beschwörend den Wunsch nach einer Konsolidierung der Anbieterseite äußert, dann mag er damit bei einigen Mitbewerbern offene Türen einrennen - bewirken wird er nichts. Da ist schon die IBM vor. Und auch den Anwendern kann es nur recht sein, wenn sie zumindest die Hardware weiterhin billiger einkaufen können. Ein anderes Argument, das man aus Naskos Worten auch heraushören kann, muß den Anwendern freilich zu denken geben. In der Erwartung, Big Blue Marktanteile abnehmen zu können, hatte sich Nixdorf für das scheinbar zukunftssichere Geschäft mit offenen Systemen interessiert. Nasko: "Im Jahr 1987 und Anfang 1988 war die Euphorie bezüglich der Einführung von Unix als Betriebssystem noch sehr groß."

Die späteren Verkaufszahlen entsprachen nicht der Begeisterung der Paderborner. Im Gegenteil: Mit dem proprietären System AS/400 gelang es der IBM wieder einmal, einen De-facto-Standard zu setzen - zu Lasten von Nixdorf. Heißt das - und darauf will Nasko offensichtlich hinaus -, die Anwender wollen keine offenen Systeme? Eine irritierende Frage. Angesichts dieser Lage (AS/400 ein Renner) wäre es wohl wirklich an der Zeit, Ursachenforschung zu betreiben. "Unix ist ein machtpolitisches Thema", konstatiert Klaus Messelhäußer, Präsident der deutschen Abteilung des Leasing-Verbandes "Eclat" (CW Nr. 9 vom 2. März 1990, Seite 5). Ziel der Open-Systems-Aktivitäten vorausdenkender Anwender sei es, Hersteller-Abhängigkeiten zu vermeiden, denn: "Wer das Rechenzentrum und die Anwendungen liefert, der hat die Firma." Starke Worte eines Mannes, der die Vertriebspraktiken der IBM kennt. Man müßte eigentlich einen an die 1370-Architektur gebundenen Anwender förmlich stöhnen hören: Hilfe, meine Firma wird von der IBM kontrolliert!

Nichts davon hat Nasko gespürt. Oder kennt der Nixdorf-Chef die ungeschriebenen Gesetze des DV-Marktes nicht? Mit den Nicht-IBM-Anbietern verhält es sich wie mit den Tante Emma-Läden: Steht einer kurz vor dem Ruin, hebt ein großes Jammern an, aber dazu kommt nur, weil die Kunden nicht mehr bei ihm kaufen. Abhängigkeit von der IBM scheint das geringere Übel zu sein.