Unicode sorgt für Einheitlichkeit

24.08.2006
Von Dieter Wagner 
Die Hansgrohe AG setzt auf ein Unicode-konformes SAP-Release, um die Globalisierung des Unternehmens voran zu treiben.

Bei der Hansgrohe AG nutzen rund 1100 Anwender SAP-Software in 14 Ländern und in neun Sprachen auf einem Mandanten mit weitestgehend harmonisierten Prozessen. Frank Semling, Leiter Geschäftsprozesse/IT, unterhält denn auch ein weitgehend ungetrübtes Verhältnis zum deutschen Softwareriesen. Doch in der R/3-Version 4.6c fehlten dem Unternehmen die Möglichkeiten, asiatische oder osteuropäische Sprachen auf der Installation zu nutzen. "Wir waren an einem Punkt angekommen, wo wir unsere internationale Expansion nicht mehr vernünftig unterstützen konnten", berichtet Semling. Also musste eine neue Lösung her.

Das Unternehmen

Die Hansgrohe AG (www. hansgrohe.com) mit Stammsitz in Schiltach/Schwarzwald blickt auf eine 105-jährige Geschichte zurück. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das familiengeführte Unternehmen mit seinen Marken Axor, Hansgrohe, Pharo und Pontos einen Umsatz von 476 Millionen Euro - also im Vergleich zum Vorjahr (428 Millionen Euro) ein Plus von elf Prozent. Weltweit beschäftigt die Hansgrohe Gruppe heute knapp 2900 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon zwei Drittel im Inland. Das Unternehmen produziert in fünf deutschen Werken, in Frankreich, in den Niederlanden, in den USA und in China. Es hat etwa zwei Dutzend Tochtergesellschaften und ist in mehr als 125 Ländern vertreten.

Unicode

Unicode ist ein internationaler Standard, der in Softwareanwendungen das Problem der Mehrsprachigkeit und damit der Beschränkungen im internationalen Datenaustausch lösen soll. Jedem sinntragenden Zeichen oder Textelement der bekannten Schriftkulturen und Zeichensysteme wird dabei ein digitaler Code zugewiesen. Gegenwärtig sind das mehr als 90000 unterschiedliche Zeichen. SAP will mit Hilfe des Unicode-Standards seine ERP-Systeme internationalisieren und besser mit den Internet-Techniken integrieren. Denn die meisten Web-Browser verfügen bereits über eine Unicode-Schrift. Der ISO-Standard 10646 verwendet quasi den Unicode-Zeichensatz; er wird dort als Universal Character Set (UCS) bezeichnet.

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Projektsteckbrief

Projektart: Umstellung des ERP-Systems und der Datenbank auf Unicode.

Branche: Produktion von Sanitärarmaturen.

Zeitrahmen: von Sommer 2005 bis Ostern 2006.

Stand heute: Konvertierung abgeschlossen.

Produkt: Mysap ERP 2005 von SAP.

Die einzige Möglichkeit

Bei der Bewertung unterschiedlicher Szenarien kristallisierte sich der Unicode-Standard (siehe Kasten "Unicode") als einzige Möglichkeit heraus, die überhaupt in Frage kam: Ein zusätzliches SAP-System hätte die hohe Prozessintegration bei Hansgrohe gestört, und mit dem Datenaustausch via MDMP (Multi Display Multi Processing) hätte das Unternehmen eine Lösung gewählt, die der Hersteller schon bald, sprich: ab Mysap ERP 2005, nicht mehr unterstützen wollte.

Doch auch die Unicode-Option war kein Zuckerschlecken. "Als wir das Projekt gestartet haben, war uns noch nicht klar, auf was wir uns da einlassen", erläutert Semling: "Es ging nicht nur um SAP, sondern um die gesamte IT-Landschaft: Software, Hardware und Infrastruktur." Das Gesamtprojekt gliederte sich schließlich in drei Phasen: Proof of Concept, Migration auf Unicode-fähiges SAP-Release, genauer gesagt: auf Mysap ERP 2004, und Konvertierung der Datenbank auf Unicode.

Proof of Concept ohne funktionale Tests

Basierend auf einer Kopie des Produktionssystems wurde im Sommer 2005 ein vereinfachter Release-Wechsel auf Mysap ERP 2004 vollzogen. Da es sich lediglich um einen Proof of Concept handelte, erfolgte die Migration auf rein technischer Basis, also ohne funktionale Tests. Anschließend wurde auch die Datenbank nach Unicode konvertiert. Damit konnte das Hansgrohe-Team schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt wertvolle Erkenntnisse über die benötigten Systemressourcen, die Konvertierungslaufzeiten und die von der Umstellung betroffenen Systeme machen. Semlings Resümee: "Natürlich stellte diese Phase einen gewissen Aufwand dar. Aber wir konnten innerhalb von zwei Wochen ein funktionierendes Unicode-System aufsetzen." Gleichzeitig erhielt er die Gewissheit, dass ein Wochenende für die Umstellung sicher nicht reichen würde. Und die damit gewonnene Testumgebung offenbarte sehr schnell, "dass wir im Grunde die gesamte Systemlandschaft upgraden mussten - egal ob Faxlösung, Archivierungssystem, SAP ITS oder Business Connector".

Migration auf Mysap ERP 2004

Auf der Grundlage dieses Proof of Concept war es möglich, einen detaillierten Projekt- und Zeitplan für die weiteren Phasen zu erstellen und die benötigten externen Ressourcen abzuschätzen. Zieldatum für die Unicode-Konvertierung war Ostern 2006. Die Mysap-Migration stand für Februar desselben Jahres an.

"Da Mysap ERP 2004 keine wesentlichen funktionalen Erweiterungen gegenüber R/3 4.6c hat, haben wir schon in dieser Phase mehrere Unicode-Aktivitäten mit ins Projekt gepackt", so Semling weiter. Das System wurde bereits als ein Unicode-System definiert, alle Programme mit Hilfe des SAP-Tools "Uccheck" auf Verträglichkeit mit dem Abap-Syntax-Check überprüft und gleich umgestellt. Darüber hinaus unterzog das Team einige Subsysteme, beispielsweise das Archivierungssystem, vorab einem Upgrade. "Es war uns wichtig, die Projektlast möglichst gleichmäßig über die Zeit zu verteilen", erläutert der Prozess- und IT-Chef: "Da unsere Key User keine neue Funktionalität erlernen oder testen mussten, konnten sie sich von Anfang an auf die Unicode-Tests konzentrieren."

Die Umstellung auf das Unicode-fähige Mysap-Release ging planmäßig am zweiten Wochenende im Februar vonstatten. Damit war die technische Basis gelegt, um die letzte Phase einzuläuten.

Unicode-Konvertierung - Vorsicht Schnittstellen!

Die notwendigen Softwarewerkzeuge für die Unicode-Konvertierung stellt SAP standardmäßig bereit. Hilfreich ist dabei der SAP Unicode Conversion Guide, nach dem sich der Anwender möglichst exakt richten sollte. "SAP umzustellen hat uns nie wirklich Kopfzerbrechen bereitet", fasst Semling seine diesbezüglichen Erfahrungen zusammen, "unser Augenmerk galt vielmehr den über 20 Schnittstellen zu den angebundenen Systemen."

SAP bietet die Möglichkeit, für jede Schnittstelle zu definieren, ob sie im Unicode-Format zu bedienen ist oder nicht. "Doch das hilft Ihnen natürlich nicht weiter, wenn Sie auch auf Chinesisch faxen möchten oder Unicode-Dokumente ins elektronische Archiv stellen müssen", warnt Semling: "Kritisch kann es werden, wenn Sie - wie wir - noch alte Lagerrechner betreiben, an die Sie Materialbeschreibungen übertragen wollen." Bei SAP gab es eigentlich nur ein einziges Problem, sagt Semling: Das, was vor der Konvertierung im Spool ist, kann nachher nicht mehr lesbar ausgedruckt werden. "Das muss man organisatorisch lösen", so der Hansgrohe-Manager.

Parallel zu den Subsystemen war auch das User-Frontend auf Unicode zu konvertieren. Neben der Anwenderschnittstelle SAP GUI musste in Windows oder auch im Acrobat Reader die entsprechende Sprachenunterstützung installiert werden.

Nicht zu unterschätzen ist allerdings der notwendige Testaufwand, damit das Gesamtsystem mit allen Komponenten am Ende wieder reibungslos funktioniert. "Wir haben das - dank unserer Key User - in mehr als 900 Testfällen sichergestellt", freut sich Semling.

Moderater Hardwarebedarf

Blieb noch die Hardware, die mehr oder weniger stark aufgestockt werden muss. "Für die Hansgrohe AG kann ich sagen, dass wir auf der Server-Seite lediglich beim RAM etwa 30 Prozent zugelegt haben", plaudert Semling aus dem Nähkästchen: "Unsere Prozessorleistung reichte aus, auch die Datenbank wuchs entgegen allen Vorhersagen nicht." Als Grund für diesen moderaten Erweiterungsbedarf führt der IT-Chef an, dass die Konvertierung auch eine Reorganisation der Datenbank mit sich brachte: "Das hat bei uns den Unicode-Mehrbedarf kompensiert."

Allerdings erwies es sich auch hier wieder als Problem, dass die Drucker nichts mit dem Unicode-Datenstrom aus SAP anfangen konnten. Zwar lassen sich nach wie vor alle bestehenden Dokumente in den "alten" Sprachen ausdrucken, sollen jedoch chinesische oder russische Schriftzeichen ausgegeben werden, wird für jeden Drucker ein Zusatzmodul notwendig. "Diese Nachrüstung machen wir arbeitsplatzbezogen ganz nach Bedarf", kündigt Semling an. SAP hat mit Lexmark und Hewlett-Packard derzeit nur zwei Druckerhersteller für Unicode zertifiziert.

Der erste Versuch musste sitzen

Nach drei Testläufen - Proof of Concept sowie Umstellung des Test- und des Qualitätssystems - waren die Hansgrohe-Spezialisten relativ sicher, dass die Konvertierung erfolgreich verlaufen würde. "Ein Rest an Nervosität blieb natürlich", erinnert sich Semling, "denn der erste Versuch an Ostern musste sitzen; die nächste Möglichkeit hätte es aufgrund der langen Umstellungszeit erst wieder zu Weihnachten gegeben."

Doch die Unicode-Konvertierung während der Osterfeiertage 2006 verlief glücklicherweise erfolgreich. Mit insgesamt 68 Stunden für die 1,2 TB große Datenbank konnte das Team die prognostizierte Laufzeit sogar unterschreiten. Semling ist zufrieden: "Wir haben all unsere Projektziele erreicht und können uns nun auf unseren weiteren internationalen Rollout nach Asien und Osteuropa konzentrieren." (qua)