Weiterentwicklung gestoppt

Ungewisse Zukunft für SAP Business ByDesign

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SAP wird seine gehostete Mittelstandslösung "Business ByDesign" offenbar nicht mehr aktiv weiterentwickeln.

Das Blog "All Things Digital" schrieb am Samstag, SAP werde seine Entwicklungsressourcen von der KMU-Lösung Business ByDesign abziehen und die Applikationen stattdessen in seine Cloud-Plattform HANA verlagern. Das sei Teil einer größer angelegten Bemühung, alle SAP-Anwendungen auf HANA zu vereinen.

SAP-Zentrale in Walldorf
SAP-Zentrale in Walldorf
Foto: SAP / Stephan Daub

SAP widersprach damit einem Bericht, den die "Wirtschaftswoche" ebenfalls am Samstag ins Netz gestellt hatte. Darin wurde der Schritt eher als Todesurteil für Business ByDesign dargestellt und das Projekt damit als "größter Flop in der Unternehmensgeschichte". Die Entwicklung an Business ByDesign hatte 2003 mit enormem Aufwand begonnen; zwischenzeitlich arbeiteten bis zu 3000 Entwickler an der Software, die dann erst 2010 zwei Jahre später als geplant auf den Markt kam.

Die "Wiwo" beziffert die Entwicklungskosten mit geschätzten drei Milliarden Dollar. Nach drei Jahren am Markt nutzen aber erst 785 Kunden Business ByDesign; zuletzt brachte die Software SAP gerade einmal 23 Millionen Euro Jahresumsatz. Das Projekt sei "Opfer der schwerfälligen Konzernstrukturen“ geworden", urteilte der Chef des IT-Beratungshauses Strategy Partners, Helmuth Gümbel, gegenüber "Euro am Sonntag". "Die umfassenden Abstimmungsprozesse haben die Entwicklung erheblich verlängert und Innovationen im Keim erstickt", sagte der SAP-Experte, aus dessen Sicht dem größten europäischen Softwarehaus nun "ein großer Imageschaden" droht.

Der einstige SAP-Chef Henning Kagermann musste Verspätungen bei Business ByDesign einräumen.
Der einstige SAP-Chef Henning Kagermann musste Verspätungen bei Business ByDesign einräumen.

"Es wird weiter am Markt bleiben und unsere Partner werden auch weiter Add-ons dafür bauen", sagte SAP-Sprecher Jim Dever "All Things D" zu Business ByDesign. Die früher dafür abgestellten Entwicklungsressourcen würden aber jetzt auf HANA verlagert. Dever schickte dem Blog außerdem folgenden Stellungnahme:

"We are taking a significant and innovative step forward by putting all of our cloud offerings on the SAP HANA Platform. Moving forward, SAP HANA will be the single, unified platform that enables businesses of all sizes across all industries and lines of business to run their entire business in the cloud more efficiently and effectively than ever before. SAP Business ByDesign will become part of the SAP HANA Cloud, and will continue to be supported and actively promoted in its current functionality and scope through our extensive partner ecosystem. Optimizing SAP’s cloud portfolio on our HANA platform means a dramatic price-performance improvement with all the benefits of simplicity in the cloud for all our customers. And SAP’s BYD customers have a clear roadmap to our future HANA powered tightly integrated Suite of business applications in the cloud."

Zumindest in den USA dürfte SAPs Rückzieher als Sieg für "Larry Ellisons andere Firma" Netsuite gewertet werden, die ebenfalls eine ERP-Software für kleinere Unternehmen aus der Cloud anbietet (zuletzt aber auch Ambitionen in Richtung größerer Firmen entwickelte). Deren Chef Zach Nelson hat bereits angekündigt, Business-ByDesign-Kunden jetzt aggressiv abwerben zu wollen.

"SAP hat schon vor rund zwei Jahren aufgehört, in Business ByDesign zu investieren", schrieb der Netsuite-CEO an "All Things D". "Es ist eine Schande, dass sie es weiter an Kunden verkauft haben. Netsuite wird nächste Woche ein Migrationsprogramm für die Kunden auflegen, die jetzt auf dem Trockenen sitzen."

In jedem Fall sieht es danach aus, als zahlten sich die Investitionen in Cloud und HANA noch nicht so aus, wie es der Konzern erhofft hatte. Früher in diesem Jahr zogen unerwartet niedrige Cloud-Umsätze die Quartalszahlen herunter; überdies wurde dem Konzern vorgeworfen, er habe seine HANA-Erlöse künstlich aufgebläht.

Im Management der Walldorfer ging es auch ziemlich rund - erst verließ der frühere Successfactors-CEO und Cloud-Chef Lars Dalgaard SAP in Richtung Andreessen Horowitz, dann kündigte Co-CEO Jim Hagemann Snabe seinen Rückzug für Mitte kommenden Jahres an. Eine zentrale Verantwortung fällt nun dem neuen SAP-CIO Björn Goerke zu, der gleichzeitig zum Leiter der SAP HANA Enterprise Cloud-Organisation ernannt wurde.