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Übernahme von Siebel durch Oracle bleibt vorerst ein Gerücht

02.05.2005

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Die Gerüchte, Oracle würde Siebel übernehmen, scheinen sich vorerst nicht zu erhärten. Ende vergangener Woche hatten US-Medien unter Berufung auf unternehmensnahe Kreise berichtet, Oracle stehe in Übernahmeverhandlungen mit Siebel. Als möglicher Preis wurde ein Betrag von rund fünf Milliarden Dollar kolportiert.

Spekulationen darüber, Oracle sei an Siebel interessiert, kursieren bereits seit längerem in der Branche. So kam beispielsweise im Rahmen des Kartellverfahrens, das Oracle um die Übernahme von Peoplesoft führen musste, ans Licht, dass Siebel aus Sicht des Datenbankspezialisten ebenfalls ein lohnendes Akquisitionsobjekt sein könnte. Beide Softwareanbieter lehnten es bislang ab, zu den Gerüchten Stellung zu beziehen.

Allerdings bestätigte Bert Hochfeld von der Hochfeld Independent Research Group, dass es substantiuelle Gespräche auf einem hohen Management-Niveau gegeben habe. Die Verhandlungen seien vorläufig.

An den Berichten sei nichts dran, meint dagegen Peter Coleman, Analyst von Think Equity Partners aus San Francisco. Hier würden alte Gerüchte wieder aufgewärmt. Coleman zufolge hätten beide Seiten zu unterschiedliche Vorstellungen. Während die Siebel-Teilhaber darauf pochten, ihre Anteile seien chronisch unterbewertet, würde Oracle-Chef Lawrence Ellison sicher keine hohe Prämie zahlen, um den Wettbewerber zu übernehmen.

Außerdem gebe es zahlreiche Alternativen, spekulieren andere Insider. Auch Microsoft oder IBM könnten möglicherweise Übernahmeabsichten gegenüber Siebel hegen. Außerdem sei ein Management-Buyout unter Führung des Firmengründers Tom Siebel denkbar. Ein Angebot Oracles dürfte jedenfalls kaum ohne Konflikte durchgehen. Zu guter letzt würden die Kartellbehörden eine mögliche Akquisition mit Argusaugen durchleuchten.

Unterdessen liegen bei Siebels Finanzverantwortlichen die Nerven blank. Für das erste Quartal 2005 wies der Spezialist für Customer-Relationship-Management- (CRM-)Software eine Fehlbetrag in Höhe von vier Millionen Dollar aus nach einem Gewinn von 31 Millionen Dollar im vergleichbaren Vorjahresquartal. Der Umsatz ging um 9,2 Prozent auf knapp 299 Millionen Dollar zurück. Die Lizenzeinnahmen brachen sogar um 41 Prozent auf 75 Millionen Dollar ein. Als während der Vorstellung der Quartalszahlen Siebels Chief Financial Officer (CFO) Kenneth Goldman von einem Investor auf den Bargeldbestand in Höhe von 2,2 Milliarden Dollar angesprochen wurde, warf dieser den Fragesteller kurzerhand aus der Telefonleitung. Er beantworte nicht ständig die gleiche Frage, blockte Goldman brüsk jeden Einwand ab. Man könne schließlich auch gerne in ein anderes Unternehmen investieren.

Herbert Denton, President von Providence Recovery Partners, warnt indes das Siebel-Management vor einer eigenen unüberlegten Akquisition. Dies würde die Barmittel reduzieren und den Softwareanbieter weniger attraktiv für eine Übernahme machen. Auch Denton spielte auf ein mögliches Zusammengehen mit Oracle an. Als Anteilseigner schielt er dabei auf die mögliche Prämie.

"Wir nehmen die Hinweise unserer Investoren mit allem Respekt zur Kenntnis und behandeln diese mit den nötigen Ernst", kommentierte der neue Siebel-Chef George Shaheen die Anspielungen. Der ehemalige Accenture-Manager, der erst vor kurzem den nur ein Jahr amtierenden Michael Lawrie ablöste, will in Kürze seine Strategie erläutern, wie der angeschlagene Softwarehersteller wieder auf die Beine kommen soll. Die ungeteilte Aufmerksamkeit der versammelten Investoren- und Analystengemeinde wird ihm dabei gewiss sein. (ba)