Kooperation mit Google, Facebook und Co.

Udacity will Bildung sexy machen

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Google, Facebook und Cloudera sind nur drei von mehreren Unternehmen, die mit der virtuellen Bildungsplattform Udacity kooperieren. Deren Versprechen: Kurse, die auf den Bedarf der Wirtschaft abgestimmt sind und das Recruiting erleichtern.
Wie Nicolas Dittberner von der Lernplattform Udacity beobachtet, wollen deutsche Absolventen die Experten aus dem Silicon Valley im O-Ton hören.
Wie Nicolas Dittberner von der Lernplattform Udacity beobachtet, wollen deutsche Absolventen die Experten aus dem Silicon Valley im O-Ton hören.
Foto: Udacity

Orangefarbene Klamotten umflattern dünne Körper, die Make-Up-Mienen sind cooler als bei Schaufensterpuppen und die hohe, weiße Halle erinnert an irgendwas zwischen alter Fabrik und neuem Mode-Mekka. "Stylight" heißt einer dieser Orte, an denen München wie Berlin aussieht. Doch an diesem Abend Ende Juni mischen sich junge Männer in Jeans und T-Shirts, auf denen das "World of Warcraft"-Logo prangt oder ein Pinguin, unter die Hipster. Die Firmen Udacity und Stack Overflow bitten zum Tekkie-Netzwerken.

Nicolas Dittberner ist Country Manager DACH bei Udacity. 2012 entstand die webbasierte Bildungsplattform in Mountain View, Kalifornien. Jedem, vom Studenten bis zum langjährigen Experten, bietet sie rund 100 kostenfreie Kurse etwa im Programmieren an. Wer etwas Handfesteres will - ein Zertifikat - absolviert kostenpflichtige Nanodegrees. Die sind beispielsweise als Data Analyst, iOS Developer oder Tech Entrepreneur zu haben.

"Wir vermitteln nicht nur Lehre, sondern platzieren unsere Absolventen auch auf dem Arbeitsmarkt", sagt Dittberner. Udacity kooperiert zum Beispiel mit Google und Facebook, Cloudera und Salesforce, Twitter und AT&T. Ziel der Plattform: die Skills vermitteln, die Unternehmen brauchen. "70 Prozent unserer Kurse sind Projekt-bezogen", sagt Dittberner. Im Schnitt sind Absolventen nach sechs bis neun Monaten mit einem Degree durch. Jeder teilt sich die Zeit nach den eigenen Wünschen und Möglichkeiten ein.

Durch die Zusammenarbeit mit den Unternehmen und die praxisbezogenen Inhalte "werden uns die Absolventen aus den Händen gerissen", so Dittberner. Wer sich dennoch auf dem Arbeitsmarkt schwertut, bekommt Nachhilfe in Punkten wie Lebenslauf und Bewerbung.

Der junge Manager kann auch pathetisch. "Wir demokratisieren Wissen", erläutert er Udacitys Vision. Der Firmenname leitet sich aus "audacious" für 'frech, wagemutig' und "university" ab. Typisch deutsches Gemecker ("Ihr seid doch nur der Handlanger der Wirtschaft") lässt ihn schmunzeln. "In keiner Weise wollen wir die klassische Universitätsausbildung ersetzen", stellt er klar.

Ein bisschen Silicon-Valley-Gefühl

Heute ist Udacity außer in Mountain View auch in San Francisco und Sao Paolo, London, Shanghai, Peking (Beijing) und Berlin vertreten. Im November 2015 stieg Bertelsmann als einer der Investoren ein. "Deutschland hat ein hohes Bildungsniveau", lobt Dittberner, "und der IT-Sektor ist sehr dynamisch." Mit englischen Lerninhalten haben die deutschen Nutzer überhaupt keine Probleme, so Dittberners Erfahrung. Ganz im Gegenteil: "Die wollen die Experten im O-Ton hören." Ein bisschen Silicon-Valley-Gefühl. Glaubt man Dittberner, sind manche Professoren, die über Udacity lehren, schon richtige Pop-Stars geworden. Unter Informatikern ist Bildung eben sexy.

Fast ein Popstar ist auch Joel Spolsky, die Hauptattraktion des Abends. Der Blogger und Co-Founder von Stack Overflow wird sich später den Fragen der ins "Stylight" gepilgerten Community stellen. Vorher aber nimmt er sich Zeit für ein Gespräch mit uns.

Stack Overflow startete 2008 als Plattform, über die sich Anwender mit unterschiedlichstem Wissensstand austauschen können. Meist geht es um JavaScript, Java, C# und PHP. Die Antwortgeber werden von den Nutzern bewertet. "Gut für ihre Reputation", sagt Spolsky. Nützlich bei Gehaltsverhandlungen oder Jobsuche.

Vergesst die Zeugnisse!

Spolsky ist selbst Software-Ingenieur und kann Personalern erklären, wie IT-ler ticken. Seine Lieblings-Referenz ist Alan Coopers Zitat: "I didn't give you the wrong answer; you asked the wrong question!" Sein Tipp an Unternehmen, die Informatiker einstellen, ist handfest: Nicht zu viel auf Zeugnisse gucken - lieber den Kandidaten im realen Zusammenhang des Unternehmens ein paar Zeilen Code schreiben lassen.

Whitepaper: Social Networks einführen in 5 Schritten

Whitepaper: Social Networks einführen in 5 Schritten - Foto: Sergej Khakimullin/ShutterstockIn fünf Schritten erhalten Sie einen Überblick über die wichtigsten Bereiche, an die Sie bei der Einführung eines sozialen Netzwerks im Unternehmen denken sollten. Auch erfahren Sie, wie Sie Management und Kollegen einbinden, Hindernisse überwinden und die Vorteile für alle erlebbar machen können.

Der aus New Mexico stammende Informatiker ist Jahrgang 1965, hat in den 1990er-Jahren bei Microsoft gearbeitet und kann den Jugendwahn manchen HR-Entscheiders nicht nachvollziehen. "Zum Beispiel jetzt bei meinem Flug nach München", erzählt er, "ich hatte beim Einchecken am Self-Service-Terminal alles richtig eingegeben. Und kam trotzdem nicht weiter. Ich wartete und wartete, nichts tat sich." Er wurde so sauer, dass er fast auf das Display eingeschlagen hätte.

"Das hat bestimmt ein junger Mensch programmiert"

Des Rätsels Lösung war einfach: Der Computer arbeitete extrem langsam. Nach einer gefühlten Ewigkeit durfte Spolsky passieren. Was ihn stutzig machte: kein Clock-Symbol oder Ladebalken irgendeiner Art informierte ihn darüber, dass der Vorgang bearbeitet wird. Spolsky: "Das hat bestimmt ein junger Mensch programmiert. Ein Älterer hätte gewusst, dass der Nutzer vor dem Display irgendeine Reaktion sehen will."

Der 51-Jährige spricht allerdings nicht von "Alter", sondern von Eleganz. Ihre Lebenserfahrung lasse nicht mehr ganz junge Programmierer elegantere Lösungen entwickeln, sagt Spolsky gern. Eben diese aus Erfahrung gespeiste Eleganz ließ ihn auch nach New York City ziehen, wo er heute lebt. Informatiker sollten nicht unter sich bleiben, sondern mit möglichst vielen verschiedenen Menschen aus Business und Kultur zu tun haben, findet er. Wobei er zugibt, dass ihm das Silicon Valley manchmal fehlt.

Notfalls kann er ja einen Kurs bei Udacity machen.