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Turbulente Zeiten für Business Intelligence

31.01.2007
Auf dem diesjährigen Business Intelligence Summit forderte Gartner die Anwender eindringlich auf, sich systematischer mit Lösungen zur Unternehmenssteuerung zu beschäftigen. Andernfalls drohe BI-Initiativen ein unrühmliches Ende.

Rund 750 Vertreter aus Industrie und Anwenderunternehmen folgten dem Ruf der Analysten zum alljährlichen BI-Gipfel nach London. Doch was sie dort zum Auftakt der Konferenz zu hören bekamen, waren vor allem mahnende Worte. So bestätigte zwar eine aktuelle Gartner-Umfrage unter CIOs, dass BI wie schon im Vorjahr auch 2007 die höchste Priorität unter den Technikthemen genießt. Bei der Umsetzung entsprechender Lösungen hapert es jedoch oft. "BI ist eine strategische Initiative und nicht nur ein Reporting-Projekt", erinnerte Andreas Bitterer, Vice President Research, die Anwesenden. Anwender müssten endlich verstehen, dass BI-Initiativen "nie enden".

Es gebe noch immer zu viele hausgemachte Hindernisse für eine systematische und erfolgreiche Einführung von BI-Lösungen, so Bitterer. Die Unternehmen unterhielten einen "Zoo an Tools" für Analyse und Reporting, die unnötige Kosten verursachen und Ressourcen binden. Üblich sei auch, aus rein firmenpolitischen Gründen Technik einzuführen oder wichtige Management-Informationen irgendwo in Spreadsheets abzulegen: "Excel kann keine Datenverwaltung ersetzen".

Gartners "BI-Papst" Andreas Bitterer bei seine Keynote.
Gartners "BI-Papst" Andreas Bitterer bei seine Keynote.
Foto: Andreas Bitterer

Es komme auch immer wieder vor, dass Unternehmen mit einer unzureichenden oder fehlerhaften Datenbasis arbeiten. Dieses Problem verstärke sich noch dadurch, dass oft nicht geregelt sei, wer eigentlich für die Daten verantwortlich sei. Die Praxis habe hier gezeigt, dass man diese Aufgabe nicht der IT überlassen dürfe, sondern für die Qualität und Relevanz der Quelldaten Verantwortliche - Gartner spricht von "Data Stewards" - in den Fachabteilungen und Unternehmensbereichen bestimmen müsse. "Wir erwarten, dass BI-Umgebungen in den kommenden Jahren immer komplexer werden und mehr Business-Fragen denn je beantworten helfen sollen. Daher muss jemand im Unternehmen für die Daten verantwortlich sein", appelliert Bitterer.

Und dabei ist Eile geboten, denn laut Gartner werden die Anforderungen an die BI-Systeme in den kommenden Jahren massiv ansteigen. Bitterer fasst sie mit den Schlagworten "Volume, Velocity, Variety and Validity" zusammen. Schon heute seoem Data Warehouses mit Datenvolumen im Terabyte-Bereich keine Seltenheit mehr. Immer mehr Detaildaten würden künftig in immer kürzeren Zeitabständen in den Systemen landen, vor allem durch den Einsatz von Transpondertechniken wie RFID: "Das Petabyte-Data-Warehouse ist im Anmarsch."

Es werde auch immer mehr interne und externe Anwendungen geben, deren Informationen einbezogen werden sollten. Dies könne zu einer verstärkten Dateninkonsistenz führen und mache die geforderte organisierte Datenverwaltung umso dringender. Gleichzeitig liefen Unternehmen Gefahr, in ihren BI-Systemen mit veralteten (und damit falschen) Daten zu arbeiten, was einen massiven Vertrauensverlust auf Seiten der Endbenutzer nach sich ziehe.

Aus diesem düsteren Szenario gibt es den Experten zufolge nur einen einzigen Ausweg: BI-Initiativen müssen von Anfang an besser organisiert werden. Im Rahmen einer "BI Governance" müssten die Anwender eindeutig regeln, wer im Unternehmen für die Datenqualität, das Datenmodell und die technische Infrastruktur zuständig sei, so Bitterer.

Als sinnvolles Steuerungsinstrument dafür habe sich der Aufbau eines "Business Intelligence Competence Centers" (BICC) erwiesen, wie ihn Gartner bereits seit einigen Jahren empfiehlt. Bei dessen Ausgestaltung gebe es aber keine eindeutige Regel. Ein BICC könne dem CIO oder dem COO unterstellt sein. Ebenso sei es denkbar, eine virtuelle Organisation zwischen Fachbereichen aufzubauen oder auch einen dezentralen Ansatz mit mehreren BICCs zu verfolgen. Wichtig sei nur, dass es im Team sowohl Spezialisten für die Softwarearchitektur, Datenintegration und -qualität sowie Kenner der Quellsysteme gebe als auch Vertreter der Fachbereiche. "Alle zusammen müssen eine BI-Strategie entwickeln", so Bitterer.

Überdies sollten Anwender bei ihren Projekten weitere Trends bei der Nutzung von BI-Lösungen sowie den unruhigen Markt für BI-Software im Auge behalten. An einer stärkeren Rationalisierung des Unternehmensportfolios an BI-Werkzeugen führe kein Weg vorbei. Gartner kritisiert die vollmundigen Versprechungen der Hersteller, die Kunden suggerierten, ein Produktwechsel sei kein Problem. In Wahrheit gebe es bis heute keine Funktionen, mit denen sich bestehende Projekte auf ein neues BI-System überführen ließen. Oft würden die Hersteller kein "Reverse Engineering" bestehender Berichte gestatten. "Ich dachte eigentlich, dass die Berichte den Kunden gehören?" wundert sich Bitterer. Daher sei der manuelle Aufwand bei der Migration erheblich.

Gartner geht mittlerweile davon aus, dass das seit langem propagierte Schlagwort "BI für die Massen" immer mehr Realität wird. Unternehmen müssen sich deswegen auf wachsende interne und externe Benutzergruppen einstellen, die noch dazu unterschiedlichste Anforderungen an die BI-Umgebung stellen. Man könne nur hoffen, dass Anwender ihre BI-Lösungen hinreichend skalierbar angelegt hätten. Des Weiteren prognostizieren die Marktforscher für die kommenden Jahre einen steigenden Bedarf an analytischen Anwendungen. Diese sollen insbesondere bei der Unternehmensplanung, beim Forecasting oder auch der Kundenanalyse helfen, exaktere Informationen über die weitere Geschäftentwicklung aus den Daten zu destillieren.

Spannend oder gar "dramatisch" könnte schließlich in den nächsten Jahren der Anbietermarkt für BI-Software entwickeln. Laut Gartner stehen sich vor allem die "Mega-Anbieter" SAP, Oracle und Microsoft und traditionelle BI-Spezialisten (Business Objects, Cognos, Hyperion, SAS Institute, Microstrategy, Actuate oder Information Builders) gegenüber. Die Auguren gehen aktuell davon aus, dass der BI-Markt in der Region EMEA (Europa, Afrika und Nahost) bis 2010 mit einer durchschnittlichen Rate von 9,7 Prozent wächst. Die höchsten Zuwachsraten erreichen aber nicht mehr die "Pure-Play"-Anbieter, sondern die genannten Softwareriesen, die ihr BI-Portfolio immer weiter ausbauen.

So besaßen zwar die BI-Spezialisten im letzten Jahr in der EMEA-Region einen Marktanteil von 64 Prozent, doch wuchsen ihre Umsätze im Schnitt nur noch um sieben Prozent. Microsoft, SAP und Oracle konnten sich erst 22 Prozent des Marktes sichern, legten dafür aber um durchschnittlich 54 Prozent zu. Dazu gesellten sich noch Neueinsteiger oder Anbieter mit innovativer Technik (Qlicktech, Applix, Spotfire, Arcplan oder Panorama), die 2005 einen Marktanteil von vier Prozent eroberten.

Viele Marktbeobachter bezweifeln jedoch, dass diese Marktkonstellation noch lange Bestand hat. Seit Monaten kursieren Gerüchte, es könne zur Übernahme eines der großen BI-Anbieter kommen. Als Käufer werden vor allem Oracle, IBM und SAP gehandelt, die sich so eine große Kundenbasis und vor allem erprobte Technik für Reporting sichern könnten. Daneben gibt es immer wieder Spekulationen, dass kleinere BI-Hersteller von der größeren Konkurrenz geschluckt werden könnten. Dies widerfuhr zuletzt beispielsweise Anbietern von Tools für Datenqualitäts-Management, Datenintegration oder Finanzanalysen. (as)