Einzelmaßnahmen am System bewirken in der Regel nichts Besonderes:

Tuning ist keine Nebenbeschäftigung

02.07.1982

BAD NAUHEIM - In vielen Rechenzentren wird in fast zur Regel gewordenen Zusatzschichten an Wochenenden, Feiertagen und in den Nächten gearbeitet. Die DV-Abteilung versucht. einen permanenten Rückstau von Produktionsarbeit zu erledigen. Damit sind nicht nur die unmittelbar betroffenen Mitarbeiter des Operating unzufrieden. Die RZ-Leitung hat in Diesem Bereich erhöhte Personalkosten zu vertreten. Ein Hardwareausbau wird in den meisten Fällen als die einzige, schnell und wirksam greifende Lösung gesehen. Klaus Fagenzer* erläutert, welche erstaunlichen Auswirkungen Tuningmaßnahmen haben können.

Ein Unternehmen stand vor dem vertraglich dokumentierten Zwang, weitere Arbeitslast von Tochterfirmen in das eigene RZ übernehmen zu müssen. Die kurzfristige Auswechselung der Hardware wäre auf Grund lang laufender Leasingverträge für die bestehende Installation unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten kaum vertretbar gewesen. Eine Aufstockung der Hardware schied unter technischen Gesichtspunkten aus.

Unter diesen Nebenbedingungen begann der Anwender, die bestehende Maschinenbelegung auf ihre Effektivität hin zu prüfen. Nach einer einmonatigen Analyse des Ist-Zustandes wurden die Vorgehensweise und das Ziel der ersten Tuningphase definiert: Die über den ganzen Tag verteilten und in der Nacht konzentrierten Batch-Arbeiten sollten komplett in der Nacht durchgefahren werden.

Vollkommen unangemessen

Daß dieses Ziel erreichbar war, wurde aus folgender Kennzahl geschlossen: Die gesamte produktive Laufzeit eines Arbeitstages machte etwa 40 Prozent der zur Verfügung stehenden 5 x 14 Nachtstunden aus, also rund 28 Stunden. In der bestehenden RZ-Organisation mußte dafür aber gut die doppelte bis dreifache Zeit aufgewendet werden. Durch die Verdrängung der Batch-Arbeiten in die Nacht wurden die vorher in der Spitze tagsüber gemessenen Werte (95 Prozent CPU, sieben Pages pro Sekunde, 35 Prozent Kanal) auf 60 Prozent CPU, vier Pages pro Sekunde, 20 Prozent Kanal gesenkt.

Obwohl im Online-Bereich in EDV-technischer Sicht keine einzige Tuningmaßnahme durchgeführt wurde, waren damit bereits befriedigende Antwortzeiten gegeben. Die exakte Einhaltung des Batch-Zeitrahmens sorgte gleichzeitig für eine pünktliche und verläßliche Verfügbarkeit der Online-Anwendungen am Arbeitsplatz in der Fachabteilung, so daß die Phase 2 "Online-Tuning" nicht mehr in Auftrag gegeben wurde.

Dies zeigt, daß die in Spitzenzeiten gemessenen Auslastdaten zur Beurteilung der Rechnerbelastung über einen größeren Zeitraum hinweg vollkommen unangemessen sind, wenn zeitliche Verschiebungen der Arbeitslasten möglich sind.

Als zweites wurde klar, daß es nicht eine einzige Maßnahme gab die für sich allein genommen durchschlagenden Erfolg gebracht hätte. Erst die Durchführung eines ganzen Bündels von Einzelmaßnahmen brachte zusammen erstaunliche Effekte. So konnte in einem Anwendungsbereich ein zwölf Stunden laufender Job-Stream, bei gleichzeitiger Erhöhung des Multiprogramming, bis auf eine Laufzeit von drei Stunden zusammengedrückt werden.

Um solche Ergebnisse zu erreichen, ist ein systematisches Vorgehen erforderlich. Die Beschaffung eines Accounting-Systems ist eine unabdingbare Voraussetzung, um die Abläufe im RZ festzuhalten und in übersichtlichen Reports auswertbar zu machen. Die tägliche Analyse der Berichte ermöglicht die exakte Aufnahme des Zustands, gibt Anhaltspunkte für wirksame Maßnahmen und zeigt später unmittelbar den Erfolg oder Fehlschlag durchgeführter Maßnahmen.

Die Untersuchung der obenerwähnten krassen Diskrepanz zwischen produktiver Zeit und aufzuwendender Zeit, die keine Seltenheit ist, verspricht die ergiebigsten Anhaltspunkte. Die Beseitigung dieser unproduktiven Overhead-Zeiten von 200 bis 300 Prozent ist teilweise durch einfache Maßnahmen erreichbar:

Abbrüche reduzieren

Durch Abbrüche verursachte Wiederholungsläufe nehmen Zeiten in Anspruch, die in keinem Verhältnis zur Ursache stehen. Anfällige Programme sollten daher unbedingt durch die Programmierung überarbeitet werden. Bis zur Stabilisierung der Programme können oft durch kurze zusätzliche Sicherungen Stunden von Arbeit gerettet werden.

Operating-Fehler reduzieren

Durch Operating-Fehler werden ebenfalls oft aufwendige Wiederholungsläufe fällig; die Arbeit eines ganzen Tages kann entwertet werden. Sorgfältige Vorbereitung der Arbeiten durch die AV und klare Arbeitsanweisungen, auch Restartanweisungen für den Abbruch-Fall, sind erforderlich. Kompliziert voneinander abhängige Anwendungen sind zu entflechten. Dies erleichtert in jedem Fall die Entscheidung in der Ausnahmesituation und trägt so zur Vermeidung von Fehlern und höherer Nutzung vorhandener Kapazitäten bei.

Verzahnung der Anwendungen reduzieren

Die Verzahnung von Anwendungen ist nicht nur häufig die Ursache für AV- und Operating-Fehler, sondern sie verhindert auch die Ausnutzung der Multiprogrammierungseigenschaften der meisten neuen Betriebssysteme. Die nachträgliche Entflechtung von bestehenden abhängigen Anwendungsblöcken ist dabei oft ohne Reprogrammierung durch Umstellung von Abläufen und Einführung von Zwischendateien, also durch rein RZ- und AV-technische Maßnahmen, möglich.

Erhöhter Einsatz des Multiprogramming verringert unter Beachtung des nächsten Punktes die unproduktiven Stillstandszeiten.

Dateibelegung optimieren

Schon ein Programm allein kann sich durch konkurrierenden Zugriff auf zwei Dateien auf dem gleichen Laufwerk selbst behindern. Um so mehr ist bei der Planung des Job-Mix darauf zu achten, daß parallel laufende Programme sich nicht durch konkurrierende Zugriffe auf das gleiche Laufwerk behindern.

Eine systematische Planung der Plattenbelegung unter Beachtung der im Regelfall parallel laufenden Jobs sowie der häufig in Programmen gleichzeitig angesprochenen Dateien ist notwendig und verringert die Zugriffszeiten.

Utilities überprüfen

Bei einem entsprechenden Aufkommen von Save-/Restore- oder Sort-Zeiten kann die Anschaffung schnellerer Fremdsoftware erhebliche Zeiten einsparen.

Reorganisationen regelmäßig durchführen

Vor allen Dingen bei höherentwickelten Zugriffsmethoden und dem Einsatz von Datenbanksystemen ist die regelmäßige Kontrolle der Parameter und deren Anpassung an geänderte Dateigrößen und Anwendungen erforderlich. Die periodische Reorganisation von Datenbeständen muß selbstverständlicher Bestandteil der normalen Produktionsarbeit werden. Laufzeitschwankungen von bis zu 300 Prozent der gleichen DB-Anwendung innerhalb eines Monats je nach Stand der Reorganisation sind keine Seltenheit.

Unnötige Schnörkel beseitigen.

In oft uralten Job-Streams werden überflüssige Saves und Schnörkel in den Abläufen angetroffen, die aus Einführungsplänen oder Notabläufen vergangener Ausnahmesituationen stammen. Die periodische Durchforschung der Produktionsstreams lohnt sich immer.

Dazu gehört auch, sich ins Produktionsprogramm eingeschlichene Testhilfen zu entfernen.

Bei Beachtung obengenannter Punkte kann die Arbeitslast an sich deutlich gesenkt werden; der erhebliche Effekt liegt aber in der wirksam werdenden Erhöhung des Verhältnisses von produktiver zu verfügbarer Zeit. Ein Verhältnis von 60 bis 70 Prozent ist erreichbar.

Das Tuning einer Anwendung ist keine Nebenbeschäftigung für den Systemprogrammierer. Das raffinierte Drehen an Stellschrauben im System ist nur eine Maßnahme, die wie die übrigen für sich genommen kein Wunder bewirkt.

Höhere Kapazität neutralisiert

Das Tuning einer Anwendung erfordert die intensive Beobachtung des lebenden Systems und die Durchführung einer Vielzahl von ineinandergreifenden Einzelmaßnahmen in den Bereichen RZ, AV, Systemprogrammierung und Anwendungsprogrammierung.

Diese Aufgabe sollte ein Verantwortlicher full time übernehmen.

Diese Arbeiten kosten Geld, aber die verblüffenden Erfolge, die erzielt werden können, zeigen eine echte Alternative zum bedenkenlosen Hardwareausbau. Zumal bei Hardwareaufstockungen oder gar dem Beistellen einer zweiten Anlage neben den reinen Hardwarekosten Aufwendungen für zusätzliche Betriebssoftware und auch die Anpassung bestehender Anwendungssysteme an neue Betriebssystemumgebungen fällig werden können.

Um eine Hardwareaufstockung kommt man nicht herum, wenn alle Tuningmaßnahmen ausgereizt sind. Nie etwas für Tuning tun, heißt aller Erfahrung nach, jede Vermehrung von Rechnerkapazität durch unverhältnismäßig schnell nachwachsende Verarbeitungszeiten wieder zu neutralisieren.

*Klaus Fagenzer, Heyde & Brandt Unternehmensberatung, Bad Nauheim.