Versuchsballon Software-Messe:

Tulln gegen alle

27.02.1981

WIEN (eks) -"Ist Tulln eine Messe wert", fragen sich Österreichs EDV-Anwender und -Hersteller. Als erste europäische Software-Fachmesse kündigen die Tullner Messe AG und der Diagramm-Herausgeber Herbert O. Munk die Softa 81 vom 8. bis 12. Mai an.

Einen langjährigen Wunsch, wie er selbst in der Einladung gesteht, erfüllte sich Munk mit der Softa. Er denkt sie sich als Ergänzung zur rein hardwareorientierten Ifabo und limitiert die Standflächen einheitlich mit 20 Quadratmetern. Damit will Munk "vermeiden, daß der Besucher durch Monsterangebote von Hardware verwirrt wird" (Originalzitat aus dem auch sonst grammatikalisch originellen Einladungsschreiben). Dies könnte die Ein-Mann-Software-Hüttchen erfreuen, ob SW-Großanbieter wie zum Beispiel Philips hier mitspielen, bleibt abzuwarten.

Munk ist Optimist und erwartet an die 100 Aussteller und etwa 3000 Besucher, davon 50 Prozent Fachleute. Die Tullner Messe, bisher mit Bodenständigerem wie Camping- und Hundeausstellungen befaßt, will nun also zwei Hallen, zusammen 5000 Quadratmeter, mit Software füllen.

Die Softa 81 soll die eine Woche später stattfindende Internationale Fachmesse für Büroorganisation ergänzen, auf der Munk SW-Hersteller und Rechenzentren vermißt.

Von der Begeisterung, welche die Veranstalter unter anderem bei Siemens, Univac und Honeywell verspürt haben wollen, wissen die Begeisterten nichts. Ganz im Gegenteil sucht man nach Gründen, wie dem allgemein als sympathisch-originelle Bereicherung der österreichischen EDV-Szene empfundenen Munk die Absage begreiflich gemacht werden könnte.

Einen Sieg aber trägt Tulln davon - die europäische Softwaremesse in Utrecht findet erst im Juni statt.

Informationen: Diagramm - Herbert Munk Ges. m.b.H., 1010 Wien, Doblhofgasse 7, Tel.: 42 25 74.

Tullner, Softladen

Gegen die häßlichen Riesen ziehen Don Munk und Sancho Softa ist Tullner Feld. *

Damit "sehr finanzkräftige Firmen andere nicht optisch erdrücken", kriegt auf der Softa jeder einheitlich zwanzig Quadratmeter. Bei potenten Software-Anbietern reicht das knapp für die Garderobe des Standpersonals. Die geplante Informations- und Beratungs-Tätigkeit findet dann auf den Gängen statt.

Hardware ist überhaupt pfui. Gerade eine kleine Maschine oder ein Terminal dürfen das Auge beleidigen. Das kann allerdings auch die Tugend der Not sein, denn allzu viele Hersteller würden eine Woche vor Österreichs wichtigster EDV-Messe ihren Maschinen ohnedies nicht den Weg über die sieben Berge zumuten. In die "kleine, verschlafene Stadt", wie Direktor Draxler von den Wiener Messe AG den neuen Mitbewerber hämisch klassifiziert. Wie man allerdings Software ohne Hardware vorfuhren soll, bleibt offen. Von "Hausandachten" mit Flip und Overhead, bei denen bereits die Programme von 1985 fehlerfrei funktionieren, habe ich die Nase voll. Da hätte es ein Großheuriger mit Prospektverteilung auch getan. Oder wie Dr. Janda von Nixdorf nachdenklich formulierte: "Ob man für einen Überblick gleich eine eigene Messe braucht?"

Neben den vermeintlichen Hardware-Riesen nimmt Munk auch die Ifabo aufs Korn. Sie soll zwar nicht konkurrenziert werden, aber "mit dieser Würschtelmesse ist eine Zusammenarbeit sinnlos".

Zweifellos ist die Ifabo verbesserungsfähig. Eine räumliche Erweiterung wäre fällig, und ein Kongreßteil, wie er sich bei Systems und Orgatechnik seit langem bewährt, täte ihr auch gut. Aber so groß ist Österreich nun wieder auch nicht, daß wir im selben Monat zwei weitgehend deckungsgleiche Veranstaltungen brauchen. Denn natürlich verkauft keiner mehr nackte Hardware auf der Ifabo, sondern wie überall geht es auch hier um vorführbare Lösungen, als Hardware und Software und Organisation.

Die Kosten für jede Messeteilnahme zahlen letztlich die Anwender. Tulln ist sicher ein schöner Platz für eine Tagung, aber dabei möge es bleiben. In diesem Sinn wünsche ich den Veranstaltern Aufgeschlossenheit für ein Überdenken der Konzeption - bis hin zur Konsequenz der Absage.

*Anmerkung: Tullner Feld ist ein geografischer Begriff.