Tu nix mit Unix!

04.05.1984

Wer hätte das gedacht: Das Betriebssystem Unix, der ganze Stolz des Telefongiganten und IBM-Neurivalen AT&T, hat sich nicht nur bislang nicht durchsetzen können, es hat sogar, was Unterstützung durch gängige Mikrocomputer betrifft, geringfügig an Boden verloren (Siehe Grafik Seite 2).

Für Kenner der Betriebssystem-Welt kommt diese Entwicklung freilich nicht ganz unerwartet. Daß Unix zum Schlagwort Nummer eins avancierte, zeigt Software-Praktikern allenfalls, wie schiecht viele Computerhersteller einschlägige Trends beurteilen können (Tu was! Tu nix!)

Man hätte gewarnt sein müssen: Im kommerziellen Bereich fand der Unix-Durchbruch de facto nicht statt - und nicht wenige Experten meinen, daß er mangels Akzeptanz bei den Software-Entwicklern nie stattfinden werde. Dieses Argument konnte in der Tat noch niemand widerlegen. Unix ist nun einmal, in Verbindung mit der Programmiersprache C, kein Betriebssystem, mit dem jeder so ohne weiteres zurechtkommt.

Doch selbst einem "einfachen" Unix wäre nicht automatisch Tür und Tor geöffnet. Für die Begründung dieser These muß weiter ausgeholt werden: Vor der Zeit der Minis und Mikros war die IBM allgegenwärtig. So klaubte sich der Rechnergigant in den sechziger Jahren, als die Mainframes das Feld beherrschten, einen Marktanteil von mehr als 60 Prozent zusammen. Damals wurde die 360/370-Architektur entwickelt, und es entstanden Betriebssysteme, die diese Architektur unterstützten.

Es wurden aber auch die ersten Anwendungen unter 360/370-Betriebssystemen geschrieben. Was nun das für unsere Betrachtung Relevante ist: Viele dieser Anwendungen leben heute noch - wie auch IBMs Alt-Betriebssysteme quietschfidel sind. Darin liegt das Kapital der IBM. Und das erklärt auch, warum sich Unix schwertut. Was zu beweisen wäre.

Als sich in den Siebzigern, der Zeit der Minicomputer, Digital Equipment eine dicke Scheibe aus dem Marktkuchen heraussäbelte, geschah dies auf einem Terrain, an dem IBM als Jumbo-König nicht interessiert war: im technisch-wissenschaftlichen Bereich. Hier konnte auch Unix gedeihen. Doch mit der Wissenschaftsabstinenz der IBM ist es bekanntlich vorbei.

Trotzdem: Dies allein gäbe keinen Grund ab, für Unix schwarzzusehen. Der Teufel steckt in einem anderen Detail. Nachdem die IBM mit ihrem "PC" als Stand-alone-System in Amerika erfolgreich war, versucht sie nun, den Mikro in die 360/370-Welt einzubinden. Das Motto heißt "lntegrierte Informationssysteme", ein typisches "Büro"-Thema (Stichwort "Office Automation").

Ihren sichtbarsten Ausdruck finden die IBM-Aktivitäten auf dem Gebiet der Bürokommunikation in den vielen Softwareprodukten für die Mikro-Mainframe-Verbindung. Das Problem von heute ist, die Kleinen mit den Großen reden zu lassen. Das funktioniert nämlich nur - und damit schließt sich die Argumentationskette - , wenn das Mainframe-Betriebssystem mitspielt. Dieses aber heißt bei IBM MVS oder VM. Das bedeutet: Ein Unix-System, das mit einer IBM-Anwendung arbeiten will, muß in jedem Fall erst durch die MVS-/VM-Dekompressionskammer. Die Anwender fragen sich nun, welchen Unix-Maßstab Big Blue anlegen wird. Solange dies nicht beantwortet ist, so das Fazit, geht im Büro nix mit Unix.

In einer etwas anderen Form ist diese Kolumne bereits in dem CW-lnformationsdienst "software markt" vom 18. April 1984 erschienen.