Qualifizierungsprogramm für Geisteswissenschaftler

Trotz Kant und Kafka in die Wirtschaft

Ingrid Weidner arbeitet als freie Journalistin ín München.
Der Schlüssel zum beruflichen Erfolg hängt für angehende Akademiker immer mehr von Zusatzqualifikationen und Praxiserfahrungen ab. "Mit Kant und Kafka in die Wirtschaft" hilft in erster Linie Geistes- und Sozialwissenschaftler mit einem Praxisprogramm auf die Sprünge.

Viele Magisterstudenten beschäftigt immer wieder die Frage, welche Jobchancen sie nach dem Studium erwarten. So ging es auch Wolfgang Oppacher und Katalin Papp, die Germanistik und Literaturwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München studieren. Das Praxisprogramm von "Student und Arbeitsmarkt" kam den beiden sehr gelegen.

Im Oktober 1998 starteten sie mit den theoretischen Pflichtkursen. Im mehrtägigen Training stellten sie beispielsweise eine Bewerbungsmappe zusammen und lernten, wie und wo sie sich für das Praktikum im Frühjahr 1999 bewerben können. Während der Theoriephase entscheiden sich die Studierenden zwischen den Schwerpunkten: DV-Anwendung, Personalentwicklung, Personalwesen, Marketing, Logistik, technische Redaktion und elektronisches Publizieren sowie Auslandsgeschäft. Eines dieser Fächer vertiefen sie während des laufenden Semesters und schließen es mit einem achtwöchigen Praktikum ab.

Oppacher und Papp entschieden sich für DV-Anwendungen. Einmal pro Woche lernten sie in der Sabel Akademie neue Anwendungsmethoden. Der Kurs ist in einzelne Projektbereiche aufgegliedert. Im März und April 1999 bildete das Praktikum den Abschluss des Programms für die beiden. Jetzt hieß es, die gelernten Inhalte im Arbeitsalltag umzusetzen. Passende Praktikumsplätze mussten sich die Studenten selbst suchen, allerdings wurden sie dabei von Annette Classen, einer Mitarbeiterin von "Student und Arbeitsmarkt", unterstützt. Sie achtet auch darauf, dass die Firmen die Studenten nicht als billige Aushilfskräfte einsetzen.

Für den Literaturstudenten Oppacher hat sich das zweimonatige Praktikum bei Faktor M, Management Systeme in München, gelohnt. "Ich konnte dort DV-Anwendungen entwickeln und bei laufenden Projekten der Unternehmensberatung mitarbeiten." Auch nach dem Praktikum jobbte er dort. "Student und Arbeitsmarkt hat mich von der Einstellung weggebracht, dass ich mein Studium hauptsächlich für mich und abseits der gegenwärtigen gesellschaftlichen Anforderungen gewählt habe." Inzwischen überlegt er, nach seiner Magisterarbeit im DV-Umfeld den ersten Job zu suchen. Für Katalin Papp waren der Kurs und das Praktikum zwar interessant, Vorteile bei der Jobsuche gab es bisher noch nicht für sie. "Trotzdem bin ich froh, dass ich mitgemacht habe, denn ich bin selbstbewusster geworden".

Das Qualifizierungsprogramm für Geistes- und Sozialwissenschaftler existiert mittlerweile seit 15 Jahren. 1985 gründeten Vertreter der LMU mit dem Arbeitsamt München und der Vereinigung der Arbeitgeberverbände den gemeinnützigen Verein "Student und Arbeitsmarkt". Finanziert wird der Verein von den Gründern, der IHK München, dem Bayerischen Staatsministerium für Arbeit und den Teilnehmern. Damals war klar, dass Studierende der "brotlosen Künste" ohne Zusatzqualifikationen größere Schwierigkeiten haben, außerhalb der Universität und dem Staatsdienst einen Arbeitsplatz zu finden. Die Idee war einfach, aber effektiv: DV, Betriebswirtschaftskenntnisse und Bewerbungstraining erleichtern den Einstieg in der freien Wirtschaft. Ein Praktikum hilft, erste Kontakte knüpfen.

Das Praxisprogramm war von Anfang an als zusätzliches Angebot konzipiert, das weder die geisteswissenschaftlichen Studiengänge abwertete noch überzogene Forderungen an die Wirtschaft stellte. Vielmehr sollten sich beide Seiten in der Praxis besser kennen lernen und gegenseitige Vorurteile abbauen. Pro Semester durchlaufen circa 200 Studenten das Programm, Tendenz steigend. Die Studenten zahlen eine Gebühr von 240 Mark plus 40 Mark Kaution, die einbehalten wird, falls jemand das Programm unentschuldigt abbricht. Für das kommende Sommersemester sind Bewerbungen bis Januar 2001 an Student und Arbeitsmarkt zu richten.

Ähnliche Modelle gehören inzwischen an vielen Hochschulen zum Standardprogramm. Harro Honolka, Geschäftsführer von "Student und Arbeitsmarkt", sieht den großen Vorteil darin, dass er mit seinem Angebot schneller auf veränderte Arbeitsmarktanforderungen reagieren kann als die Universität mit neuen Studiengängen. "Übereilte neue Fachschöpfungen wie den Kulturwirt halte ich für verfehlt", sagt der Wissenschaftler.

Nach seiner Erfahrung bietet das offene deutsche Universitätssystem auch Vorteile gegenüber anderen europäischen Nachbarn wie Frankreich und England. Dort ist die akademische Ausbildung viel stärker an das Schulsystem angepasst. Die international tätigen Firmen wissen dies mittlerweile zu schätzen, so Honolka, denn im europäischen Vergleich schneiden die deutschen Studenten trotz ihres höheren Einstiegsalters gut ab. Der Grund: Sie haben an der Universität viel intensiver gelernt, selbständig und wissenschaftlich zu arbeiten.

Momentan denken Honolka und seine Kollegen über eine engere Zusammenarbeit mit osteuropäischen Hochschulen und weitere Praktikumsmöglichkeiten im Ausland nach. "Viele europäische Austauschprogramme wie "Leonardo" können deutsche Studenten nicht mehr in Anspruch nehmen, da Auslandspraktika nicht zum Pflichtprogramm des Studiums gehören." Diese Benachteiligung möchte "Student und Arbeitsmarkt" mit internationalen Kooperationen und Programmen teilweise auffangen. In Italien, Frankreich und England können die Studierenden Praktika absolvieren. Dafür sind allerdings sehr gute Sprachkenntnisse und etwas Kleingeld nötig, denn meist wird keine Vergütung bezahlt.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln hat das Programm evaluiert und den Erfolg bestätigt. Neben einer umfassenden Allgemeinbildung und mehr interkulturellem Verständnis verfügen die Geisteswissenschaftler im Durchschnitt über die besseren kommunikativen Fertigkeiten. Für viele ist das Praktikum auch eine Chance, den künftigen Arbeitgeber kennen zu lernen. Inzwischen nehmen an dem Programm auch immer mehr Naturwissenschaftler teil.

"Die Wirtschaft honoriert unser Engagement, denn die Studenten mit Zusatzqualifikationen erhalten ein höheres Einstiegsgehalt und haben bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt", so Honolka.