Anwender nach IBM-Announcement: Kein PC, nur weil es schick ist

Trotz /2 bleiben User auf Terminal-Teppich

24.04.1987

MÜNCHEN (CW) - Auch nach dem Announcement des neuen IBM-Systems /2 werden die wenigsten Anwender den Marketing-Vorstellungen der IBM, jedem Sachbearbeiter seinen eigenen Computer, folgen. Dies ergab eine CW-Umfrage bei Großanwendern. Für viele Tätigkeiten sind dumme Terminals ausreichend, ein PC als intelligentes Terminal muß es nicht immer sein. Ausschlaggebend ist weniger der Preis als vielmehr die Anwendung.

Ohne lange zu zögern, hatte die britische Lloyds-Bank als eines der ersten Unternehmen 4000 Stück des Modells 30 der /2 bestellt. Der Auftrag mit einem Schätzwert von 13 Millionen Dollar ist laut Lloyds Teil eines Konzeptes, das die Beschaffung von rund 20 000 Workstations vorsieht, die innerhalb der nächsten drei Jahre in Betrieb genommen werden sollen. Die Geräte sind gedacht für das Projekt "Branch Information Technology" (BIT), das im Oktober vergangenen Jahres begann und dessen Ziel es ist, über eine schnellere Informationsabwicklung den Kundenservice zu verbessern. Nach Auskunft eines Unternehmenssprechers denkt Lloyds derzeit über die Frage nach, ob die nächsten 14 000 Systeme intelligente oder dumme Terminals sein sollen. Die Bank hat bereits 2000 Arbeitsplätze mit Endgeräten ausgestattet.

Ob dummes Terminal oder PC als intelligentes Endgerät in der Fachabteilung - dies wollte CW von bundesdeutschen Großanwendern wissen. Grundsätzliches Fazit: Die Systemplaner treffen die Auswahl individuell nach den Anforderungen des Arbeitsplatzes. Dabei spielen Kriterien wie Preis und Wartung häufig nur eine untergeordnete Rolle.

Geteilter Meinung sind die DV-Manager dagegen, wenn es um die Frage geht, wieviel Zugriff man dem Endanwender auf Unternehmensdaten gewähren soll. Während die Degussa AG in dieser Hinsicht eher freizügig ist und den meisten Sachbearbeitern mehr Rechnerleistung in Form von PCs und den Zugriff auf vorhandene Mikrosoftware gewährt, ist bei der Datenverarbeitungs-Service Oberhausen GmbH eine PC-Schwemme unerwünscht.

"In einem großen Konzern muß man schon allein aufgrund der Austauschbarkeit der Daten eine PC-Schwemme tunlichst unterdrücken", warnt Dieter Hoss, zuständig für die zentrale Abwicklung des Einkaufs von DV-Equipment bei der DVO. Die Tochter der Deutschen Babcock setzt PCs als 3270-Terminals in erster Linie für grafische Darstellungen oder kleine Datenbankanwendungen ein. Auch werden Überlegungen angestellt, Mikros für die Entwicklung von Großrechnerprogrammen zu verwenden, mit denen momentan noch der Host belastet ist. Mit Sicherheit, so Hoss, werde man auch die Systeme /2-50 und größer in die DV-Strategie aufnehmen. Hauptsächlich kämen diese Systeme für technische Applikationen in Frage.

Dummes Terminal behält Daseinsberechtigung

Zu viele Fehlerquellen bergen PCs nach Ansicht eines DV-Managers einer großen Fluggesellschaft in sich. Wenn keine Intelligenz am Arbeitsplatz benötigt werde, sei auch nicht einzusehen, weshalb man die Risiken beispielsweise mit Plattenlaufwerken in Kauf nehmen solle. Hinzu komme, daß im Werkstättenbereich etwa ein Terminal nur eine kurze Lebensdauer habe und somit die Frage der Beschaffung auch eine Frage des Standortes sei.

Die Ansicht, daß es nicht unbedingt ein PC sein muß, teilt Eugen Gröller, Leiter des Rechenzentrums bei der DAS in München. Auch hier spielt bei der Anschaffung nicht der Preis, sondern die Anwendung die ausschlaggebende Rolle. Inzwischen gebe es auch Terminals mit ausreichendem lokalen Speicher und damit sei die Anschaffung von Mikrocomputern nicht zwingend notwendig.

Auf den Punkt bringt es Siegmund Braun, der DV-Manager der Chase-Bank in Frankfurt: "Das dumme Terminal hatte bisher und wird auch weiterhin seine Daseinsberechtigung haben." Selbst wenn ein geclonter PC ebensoviel koste wie ein dummes Terminal, sei er schwieriger zu handhaben und könne leichter kaputtgehen. Die Frankfurter Bank spielt mit dem Gedanken, Terminals einzusetzen, die modular aufrüstbar sind. Wenn dann bei einem Benutzer das Bedürfnis nach weiteren Funktionen erwache, könne sein Gerät ausgebaut werden. Allerdings werde dies auf qualifizierte Anwender beschränkt sein und gelte zum Beispiel nicht für Online-Datenerfassungsterminals.

Bei einigen Großunternehmen ist dagegen ganz klar der Trend in Richtung PCs als intelligente Terminals erkennbar. "Diese bieten dem Benutzer mehr Rechnerleistung und man kann mehr damit anfangen als mit der Hard- und Software des Großrechners", erklärt Georg Daub, Leiter der Abteilung Anwenderservice bei Degussa, Frankfurt, diese Entscheidung. Zwar sei es an manchen Stellen immer noch sinnvoller, ein Terminal zu benutzen, doch wo möglich, werde ein PC eingesetzt. Um 127 Prozent wuchs im vergangenen Jahr der PC-Einsatz in dem Unternehmen. In diesem Jahr will Degussa eine ähnlich hohe Rate erreichen - mit den neuen IBM-Systemen /2.

Für höherwertige Arbeitsplätze wird die Deutsche Texaco AG, Hamburg, künftig nur noch intelligente Terminals, sprich PCs, einkaufen. Direktor Jürgen Kaack, zuständig für die Abteilung Texaco Europe Computer and Information Systems: "Aus Kostengesichtspunkten rechnet es sich kaum noch, etwas anderes anzuschaffen." Als weitere Gründe gibt Kaack Zukunftsflexibilität und die Erhaltung der einmal geleisteten Investitionen an. PCs und Terminals werden seiner Meinung nach zu Gebrauchsgegenständen, von denen man immer ein paar in Reserve hat. Dafür schließt Texaco auch keine Wartungsverträge mehr ab, sondern tauscht die Geräte im Bedarfsfall aus. "Das Marketing-Argument der 36-Monate-Garantie auf Terminals fällt damit in sich zusammen", meint Kaack.

Grundsätzlich auf den Arbeitsplatz kommt es bei der Wolff Walsrode AG in Niedersachsen an, wenn der Einkauf von Terminals ansteht. Die Erfahrung zeige, so Wolfgang Wendt, Leiter Systemprogrammierung und Benutzerservice, daß mehr Intelligenz auch mehr Geld koste. Aber je höher die Qualifikation des Arbeitsplatzes, desto wahrscheinlicher werde dort ein intelligentes Terminal eingesetzt.

Gerade wo der "Informationshandel" in einem Unternehmen eine erhebliche Rolle spielt, wie dies im Versandhandel der Fall ist, wird die Auswahl von Terminals nach der Anwendung ausgerichtet. Ein bayerisches Versandhaus, das ungenannt bleiben möchte, betrachtet den PC zunehmend als intelligente Workstation, mit dem planerische und analytische Tätigkeiten erledigt werden. Bislang sei man überwiegend mit dummen Terminals ausgestattet gewesen, so berichtet der zuständige DV-Fachmann, doch wachse man jetzt in eine Welt hinein, die intelligente Workstations notwendig mache.

Kein Dogma wollen die Verantwortlichen bei der Reinhard Mohn GmbH, Bertelsmann Datenverarbeitung, aus diesem Thema machen. "Es muß nicht immer ein PC sein", konstatiert Josef Pecher, Leiter Zentrale Aufgaben, nur weil es schick oder zukunftssicher ist." Die Auswahl richtet sich für ihn ebenso wie für viele andere vor allem nach Aufgabenstellung und Einsatzgebiet und nicht so sehr nach den Kosten, sollte aber in jedem Fall eingebettet sein in eine klare Unternehmensstrategie für Terminals und PCs. Für stark rechenintensive und planerische Arbeiten eines Sachbearbeiters kämen die intelligenten, für repetitive über Host-Dialog abzuwickelnde Anwendungen dumme Terminals in Frage. Bei der Verbreitung der Intelligenz am Arbeitsplatz gäbe es viele Aspekte zu berücksichtigen, unter anderem auch das Problem des Datenschutzes und der Datensicherung. Sensitive Unternehmensdaten müßten aufgabenbezogen verfügbar gemacht werden.

Das Szenario ist nicht einfacher geworden

Da die Entwicklung auf dem PC-Markt auch weiterhin stürmisch verlaufe, sollten derartige Investitionsentscheidungen relativ kurzfristig am aktuellen Handlungsbedarf ausgerichtet werden, denn heute installierte dumme Terminals seien in aller Regel technisch noch voll funktionsfähig. Auch sei es möglicherweise wenig sinnvoll, sich jetzt schon einen 386-PC anzuschaffen, für den es noch nicht das entsprechende Betriebssystem und die nötige Anwendungssoftware gäbe. Das System /2 werde man auch unter diesem Gesichtspunkt sorgfältig evaluieren. "Das Szenario - das richtige Terminal am rechten Platz einzusetzen - ist sicherlich nicht einfacher geworden", bekennt Pecher, "aber das hält die Branche ja jung."