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Terror in den USA belastet IT-Sektor

14.09.2001

MÜNCHEN (COMPUTERWOCHE) - Nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center befürchten Experten, dass sich die Nachfrage in der IT-Branche weiter abschwächt. Ein Grund ist das andauernde Flugverbot in den USA. Normalerweise bestellen Großunternehmen ihre IT-Produkte am Ende eines Quartals. Sie können so von Preisnachlässen profitieren, weil Anbieter möglichst gute Umsatzzahlen vorweisen möchten und daher in dieser Phase besonders kompromissbereit sind. Jetzt sitzen aber viele Entscheider in irgendwelchen US-Städten fern der Heimat fest. So berichtet etwa Michael Erbschloe, Analyst bei dem Beratungshaus für IT-Investitionen Computer Economics, viele Firmen hätten ihre Budget-Meetings bereits verschoben. Als Folge daraus müssen die IT-Unternehmen ihre finanziellen Ziele für das laufende Quartal nach unten korrigieren. Analysten rechnen daher in den nächsten zwei Wochen mit

einer wahren Flut von Umsatzwarnungen. Laut Morgan Stanley schließen zum Beispiel Anbieter von Unternehmenssoftware wie Peoplesoft, SAP und Microsoft einen Großteil ihrer Geschäfte in den letzten zehn Tagen eines Quartals ab. Dasselbe gilt für Hardwarehersteller wie Sun Microsystems, IBM, HP und EMC. Lediglich Oracle ist aus dem Schneider, da das Finanzquartal des Datenbankexperten bereits am 31. August endete (Computerwoche online berichtete).

Für Intel ist der September der wichtigste Monat im Jahr, da PC-Hersteller jetzt ihre Einkäufe für das umsatzträchtige Weihnachtsquartal tätigen. Der Chiphersteller verbucht im Monat September normalerweise 50 Prozent der Jahresumsatzes. Außerdem verschickt Intel seine Mikroprozessoren per Luftfracht, dieser Transportweg ist jedoch seit Dienstag gesperrt.

Analysten vom taiwanischen Market Intelligence Center (MIC) rechnen sogar damit, dass das lukrative Weihnachtsgeschäft, die Topsaison für den PC-Markt, dieses Jahr ausbleibt. MIC senkt daher die Jahresprognose: Anstelle eines Wachstums von 1,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr sollen die Umsätze des Sektors um bis zu fünf Prozent zurückgehen. Noch dramatischer könnten die langfristigen Auswirkungen der Attacken auf den PC-Markt sein: Die auf über zehn Milliarden Dollar geschätzten Forderungen an Versicherungen werden nach Ansicht von MIC den US-Kapitalmarkt austrocknen und einen Rückgang der Hightech-Investitionen bewirken. Außerdem befürchten die Taiwaner, dass sich die Firmen nach der Katastrophe auf das Nötigste an IT-Ausstattung beschränken werden.

Computer Economics gewinnt der Katastrophe jedoch auch einen für die IT-Branche positiven Aspekt ab. Das US-Beratungshaus schätzt die Austauschkosten für zerstörtes IT-Inventar auf mindestens 15 Milliarden Dollar. John Gantz, International Data Corp. (IDC), beziffert die Summe dagegen auf lediglich 250 Millionen Dollar. Das sei ein winziger Betrag im Vergleich zu den 450 Milliarden Dollar, die jährlich weltweit für Hightech-Ausstattung ausgegeben werden. Gantz prognostiziert jetzt, dass die Einnahmen im Technologiesektor dieses Jahr ein maximales Wachstum von drei Prozent aufweisen. Bislang war man im schlechtesten Fall von einem Anstieg um fünf Prozent ausgegangen.

Berater Frank Dzubeck von Communications Network Architects, schätzt dagegen allein die IT-Kosten bei der New Yorker Telefongesellschaft Verizon Communications auf 200 bis 250 Millionen Dollar. Das Unternehmen selbst hat den Schadensumfang noch nicht kalkuliert. Außerdem erwartet zum Beispiel eine Analystin der Gartner Group, dass kleine Firmen jetzt ihre Ausgaben in Backup-Systeme erhöhen, um bei künftigen Katastrophen ein Fortlaufen des Geschäftsbetriebs sicherzustellen.