IDC-Analyse

Telekom verkennt T-Systems

19.03.2008
Die Marktforscher von IDC rüffeln die Deutsche Telekom: Der Carrier nutze die Möglichkeiten von T-Systems nicht.

Nach einem Jahr Suche konnte T-Systems Anfang März mit dem US-amerikanischen Offshore-Spezialisten Cognizant endlich einen Partner präsentieren. Doch die Analysten von IDC beurteilen den Nutzen der Kooperation für den Telekom-Konzern skeptisch. "Eine wesentliche Herausforderung für Telcos besteht in der stetig wachsenden Rolle von IT und Software im TK-Geschäft. Carrier ohne ausgeprägtes IT-Know-how sind nicht wettbewerbsfähig", warnen die Analysten. Die Kooperation erwecke jedoch nicht den Anschein einer durchdachten Strategie. Einsparungen stehen ganz oben auf der Wunschliste von T-Systems und Telekom.

Das sei unverständlich, zumal der Carrier über sämtliche Anlagen für eine fundierte, nachhaltige und zukunftsfähige Geschäftsstrategie verfüge. "Die Deutsche Telekom betreibt eine hochwertige Netzinfrastruktur und ein ausgeprägtes Next Generation Network", loben die Analysten. Damit sei der Weg in eine IP-basierende Welt bereitet, in der Applikationen, Services und Lösungen verschmelzen. Um dieses Geschäft erfolgreich zu betreiben, müssen Telcos das interne IT-Wissen bündeln. Derartig aufgestellte TK-Anbieter gibt es kaum. T-Systems - und damit auch die Deutsche Telekom - hätten sich in diesem Markt früh und klar positionieren können. Zumindest der Konzern hat das versäumt.

Die aktuellen Konzernziele sind laut IDC dagegen zu sehr auf den Mobilfunkmarkt ausgerichtet. Handynetz-Betreiber im Ausland zu übernehmen bringe zwar kurzzeitigen Erfolg, habe aber nichts mit einer langfristig erfolgreichen Strategie zu tun. Zudem sei das auf drei Säulen (Mobilfunk, Festnetz, Geschäftskunden) ruhende Geschäft der Telekom überholt und entspreche nicht den Bedürfnissen der Kunden. Weit beunruhigender ist, dass der Konzern keine guten Ideen für die Zukunft hat und wenige Innovationen den Weg ins Portfolio finden. Die meisten Services, Produkte und Tarife, die in Bonn im vergangenen Jahr kreiert wurden, können Kunden in gleicher oder ähnlicher Form auch beim Wettbewerber bekommen.

Vor diesem Hintergrund haben die Analysten sich über eine Partnerschaft auf Augenhöhe zwischen Cognizant und T-Systems gewundert: Die Telekom-Tochter ist deutlich größer, rechnet IDC vor. Obwohl T-Systems keine Alternative habe und sicher besser mit als ohne Offshore-Partner fahre, scheint es den Marktexperten, als ob Cognizant in den Verhandlungen das bessere Los gezogen habe. Als bedenklich erachtet IDC zudem, dass keine Kontrollmechanismen etwa mit Blick auf die finanziellen Ziele und das angestrebte Synergiepotenzial veröffentlicht wurden. Last, but not least warnt IDC vor unterschiedlichen Unternehmenskulturen. Wie diese miteinander harmonieren, wird sich in den ersten Projekten zeigen. Spätestens dann wird die Frage zu klären sein: "Wer ist der Boss?"

Neben der Mahnung, das Potenzial von T-Systems besser auszuschöpfen, betont IDC aber die Notwendigkeit von Personalanpassungen. Zu diesem Thema bedarf es jedoch keiner Erinnerung der Analysten: T-Systems-CEO Reinhard Clemens hatte bereits angekündigt, künftig pro Jahr rund 3000 Stellen zu streichen. Entsprechende Pressemeldungen bestätigte der Konzern: Die Geschäftskundensparte wird sich wie in den Vorjahren auch bis 2010 weltweit jährlich um 3000 bis 4000 Stellen reduzieren. "T-Systems prüft derzeit den Erhalt von 3000 Stellen in der Anwendungsentwicklung des Bereichs Systems Integration. Der Erhalt dieser Stellen ist über die nächsten zwei Jahre zumindest in Teilen in Frage gestellt", teilte der Konzern auf Anfrage mit. (jha)