Sämtliche Daten zur Konkurrenzbeobachtung im Zugriff

Telekom sieht Wettbewerber durchs Portal

19.09.2003
MÜNCHEN (qua) - Während andere Unternehmen gerade die ersten Erfahrungen mit Portalsoftware machen, hat die Markt- und Wettbewerbsanalyse der Geschäftskunden West bei der Deutschen Telekom schon das zweite System in Betrieb. Es dient dazu, den Mitarbeitern hauseigene Analyseergebnisse und externe Studien zur Verfügung zu stellen.

Die Idee, ihr gesammeltes Wissen online weiterzugeben, begann die in Dortmund beheimatete Markt- und Wettberwerbsbeobachtung der Telekom bereits Anfang 1999 in die Tat umzusetzen. Der damalige Unternehmensbereich Research- und Analyse-Center (Race) umfasste alle Marktforschungs- und Auswertungsaktivitäten des Telekommunikationskonzerns. Die Studien, die er teilweise selbst produzierte und teilweise einkaufte, sollten von allen dazu berechtigten Mitarbeitern jederzeit und ohne umständliche Anträge eingesehen werden können. Das ehrgeizige Ziel lautete damals: "Enterprise-Portal mit Datawarehouse-Anbindung".

Was sich so einfach anhört, birgt in der Realität einige Stolpersteine. Der größte davon ist zweifelsohne das Berechtigungskonzept. So sind viele Informationen nur für das Auge der Topmanager bestimmt, und käuflich erworbene Marktforschungsergebnisse dürfen von Rechts wegen keiner unbegrenzten Anzahl von Adressaten zugänglich gemacht werden. Deshalb benötigte Race eine Lösung mit einem Rollenkonzept, das bis hinunter auf die Dokumentenebene definiert war.

Obwohl die Technik der Web-Portale vor dreieinhalb Jahren noch in den Windeln lag, wagte Race den Versuch mit diesem neuen Ansatz, denn eine wirkliche Alternative gab es nicht. "Mit Hilfe dynamischer Webseiten wäre die Realisierung viel zu aufwändig geworden," erläutert der für im Bereich Geschäftskunden West tätige Projektleiter Innovations-Management, Detlev Aschhoff. Durch die Verwendung einer Scriptsprache wie PHP, Javascript oder Pearl hätte sich die Telekom-Abteilung in die Abhängigkeit von technischen Experten begeben. Eine Portallösung mit eingebauten Interaktionsmöglichkeiten und ausgefeiltem Rollenkonzept versprach eine weniger komplizierte und deshalb auch von hauseigenen Mitarbeitern beherrschbare Lösung.

Neubewertung im Zuge der Reorganisation

Bei der Produktauswahl schnitt die Software von Tibco am besten ab. "Das System war gut, wenn auch sehr teuer", urteilt Aschhoff im Nachhinein. Das Nutzungsentgelt habe damals mit 250000 Dollar zu Buche geschlagen. Dafür erfüllte die Software jedoch die meisten Punkte des Race-eigenen Anforderungskatalogs - auch wenn sie sich nicht mit den heute im Einsatz befindlichen Lösungen vergleichen ließ: "Man musste noch einiges darum herum programmieren", so der Innovations-Manager.

In einigen Telekom-Bereichen ist die auf der Tibco-Software entwickelte Lösung noch heute erfolgreich im Einsatz. Bei Race hingegen wurde sie nur anderthalb Jahre lang betrieben. Das lag vor allem daran, dass das Research- und Analyse-Center vor etwa zweieinhalb Jahren - im Rahmen der Telekom-Dezentralisierung - in andere Bereiche überführt wurde. Die heutige Abteilung Markt- und Wettbewerbsanalyse erfüllt nur einen Teil der ehemaligen Race-Funktionen. Im Zuge dieser Reorganisation wurde auch das umfangreiche Portal einer Neubewertung unterzogen. Das Ergebnis: Für den reduzierten Funktionsumfang war das System zu kostspielig.

Gewogen und schwer genug befunden

Statt eines Enterprise-Portals wurde nun lediglich eine intelligente Distributionsplattform für die zahlreichen Dokumente angepeilt. Etwa ein Jahr lang suchte der neue Marktforschungsbereich daraufhin nach einer Lösung, die der neuen Zielsetzung angemessen war. In der Zwischenzeit stellte er die Studien und Analyseergebnisse auf konventionellem Weg zur Verfügung.

Bei der ersten Evaluierung hatte auch der Softwareriese Computer Associates (CA) mitgeboten, indem er das im April 1991 von Sterling Software übernommene Produkt "Eureka" ins Rennen schickte. In der Zwischenzeit hatte er die Software in "Cleverpath" umgetauft und weiterentwickelt. Der damals schon mit der Lösungsentwicklung beauftragten Telekom-Tochter T-Nova muss das Produkt wohl in positiver Erinnerung geblieben sein. Jedenfalls wog sie es erneut und befand es diesmal schwer genug. "Für uns reichte Cleverpath nun vollständig aus - und mehr als das", erläutert Aschhoff. Bei einem Bruchteil der Lizenzkosten erfülle die Software alle Anforderungen. "Hier ging hier nicht um besser oder schlechter, sondern nur um passend oder unpassend", stellt der Projektleiter klar.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist das Produkt beziehungsweise die darauf entwickelte Portallösung nun im "Wirkbetrieb" (O-Ton Aschhoff). Neben den 19 Marktforschern selbst nutzt eine Vielzahl anderer Telekom-Mitarbeiter dessen Möglichkeiten für einen Direktzugriff auf Links und Dokumente, so dass mittlerweile 850 Teilnehmer registriert sind.

Zu Aschhoffs Bedauern sind die meisten Nutzer - bei der Telekom wie anderswo - hauptsächlich daran interessiert, Informationen aus dem Netz zu ziehen. Nach dem Rollout habe sich herausgestellt, dass nur die auf einer Autonomy-Maschine basierende Suchfunktion fleißig genutzt werde. Ihre eigenen Datenschätze zu verallgemeinern komme nur wenigen Anwendern in den Sinn. Als Grund dafür sieht der Projektleiter die Skepsis gegenüber der Preisgabe des "Eigentums" an Informationen. "Ein Großteil der Leute ist noch nicht reif für ein Portal", lautet sein Fazit.

Um die Akzeptanz zu verbessern, ist es nach Aschhoffs Ansicht notwendig, "die Leute da abzuholen, wo sie gerade sind". Unabdingbar sei die viel beschworene "Management Attention", flankiert werden müsse sie aber von weiteren vertrauensbildenden Maßnahmen. Dazu gehöre nicht zuletzt eine anwenderfreundliche Applikation. "Sie sollte möglichst wie eine Web-Seite auschauen", fordert Aschhoff. Cleverpath erfülle diese Bedingung.

Zudem komme die Software dem Projektteam insofern entgegen, als sie sich einfach installieren und an die unternehmensspezifischen Anforderung anpassen lasse, ergänzt der Telekom-Projektleiter. Nicht profitieren konnte seine Abteilung hingegen von den neuen, flexiblen Lizenzierungsbedingungen ("Flex-Select"), mit denen CA seine Kunden lockt. T-Com hatte sich vor deren Einführung auf eine dreijährige Nutzungszeit festgelegt.

Erste Erfahrungen mit Linux

Die Portalsoftware läuft auf zwei Servern mit je zwei Prozessoren. Zum Speichern der Dokumente nutzt sie die Datenbanksoftware von Oracle. Jeweils eine Maschine wird mit Windows NT und Linux betrieben. "Eigentlich war NT unser Standard, aber kurz vor der Implementierung wurde auch Linux von unserem IT-Management freigegeben", berichtet Aschhoff. Um erste Erfahrungen mit dem Betriebssystem zu sammeln, entschied sich das Implementierungsteam, es für den Datenbankserver einzusetzen.

Steckbrief

Ziel: Neues, weniger kostspieliges Web-Portal für das Publizieren von Marktforschungsergebnissen und themenbezogenen Links.

Umfang: Für alle interessierten und berechtigten Mitarbeiter der Deutschen Telekom.

Unternehmen: Marktanalyse und Wettbewerbsbeobachtung eines weltweiten Telecom-Konzerns.

Stand heute: Läuft seit einem Jahr produktiv.

Ergebnis: Geringere Lizenzkosten bei ausreichendem Funktionsumfang.

Basis: Portalsoftware Cleverpath von CA auf Windows NT, Datenbanksoftware von Oracle auf Linux.

Realisierung: Mit Telekom-Tochter T-Nova.

Besonderheiten: Ablösung einer bereits bestehenden Portallösung.