Technologie prägt Berufsbild - Lernen als offener Prozeß

29.06.1984

Die qualitativen Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechniken auf Arbeitsinhalte, Organisations- und Beschäftigtenstrukturen sind vielschichtig, auch im Bereich Technikentwicklung und deren Auswirkungen auf die Qualifikation der Mitarbeiter. Einige der Grundtendenzen, die sich aus dieser Entfaltung ergeben, sollen hier erörtert werden.

Die Informations- und Kommunikationstechnik ist jung, sozusagen noch in der Lern- und Entwicklungsphase.

In den letzten Jahren begann eine zunehmende produktmäßige Diffusion in der technischen Entwicklung. Die drei bislang unabhängigen Techniken - Computer, Kommunikationstechnik und Nachrichtentechnik - wachsen immer mehr zusammen zu einer integrierten Form der Informations- und Kommunikationstechnik, für die sich die Begriffe "Telematik" und "Compu-Communication" durchzusetzen scheinen. Diese integrierte Bürokommunikation führt zu multifunktionalen Endgeräten, mit denen die verschiedenen Büroarbeiten, wie Text- und Datenverarbeitung, Vervielfältigung, Ablage oder Archivierung durchgeführt werden können.

Weitere Folgeerscheinungen stellen der dezentralisierte Einsatz der Geräte und Systeme am Arbeitsplatz und die Vernetzung der Geräte durch eine adäquate Kommunikations-lnfrastruktur dar, sowohl im Bereich der Inhouse-Kommunikationsnetze wie Nebenstellenanlagen oder lokale Netze (LAN) als auch mit Anschluß zu den öffentlichen Netzen. Zugleich werden die Geräte und Systeme immer benutzer- und bedienerfreundlicher.

Für die Beschäftigten im Büro zeigt sich die moderne Informations- und Kommunikationstechnik in der Form eines mehr oder weniger standardisierten Bildschirmarbeitsplatzes, bestehend aus Bildschirm, Tastatur und Drucker, verbunden mit einem oder mehreren zentralen Computer-Systemen und mit den öffentlichen Netzen.

Diese technische Entwicklung stellt neue Anforderungen an das Bildungssystem und an die Mitarbeiter in Büros und Verwaltungseinheiten. Lernbereitschaft und Lernfähigkeit werden als Dauerleistung gefordert, um diese wissenschaftlich-technischen Wandlungen nutzen zu können. Dies erfordert Flexibilität und geistige Mobilität vom Einzelnen. Lernbereitschaft kann nicht "von oben" verordnet werden, sondern kann sich nur entfalten wenn Lernen als offener Prozeß begriffen wird, als Chance zu Aufstiegsmöglichkeiten im Beruf, zur Selbstbestätigung und Selbstentfaltung und zur aktiven, selbstverantwortlichen Sicherung eines Arbeitsplatzes.

Die modernen Informations- und Kommunikationstechniken ersetzen vorwiegend strukturierbare und repetitive Tätigkeiten. Menschliche Grundeigenschaften, wie etwa Kreativität und Innovationsfähigkeit oder nicht strukturierbare Tätigkeiten, die planerisch-konzeptioneller Art sind wie Analyse- und Kombinationsfähigkeit oder Organisationsfertigkeiten lassen sich dagegen nicht durch Technik ersetzen. Diese Fähigkeiten müssen ganz besonders durch die Aus-, Fort- und Weiterbildung geschult werden. Die reine Wissensvermittlung im Sinne des Einprägens von Daten und Fakten verliert dagegen an Bedeutung. Diese Daten und Fakten lassen sich aus elektronischen Speichern abrufen.

Der dezentralisierte Einsatz der Geräte und Systeme am Arbeitsplatz versetzt den einzelnen Mitarbeiter oder die Gruppe in die Lage, im Rahmen des arbeitsteiligen Unternehmens selbstverantwortlich zu wirken. Da der Mitarbeiter alle für seine Tätigkeit benötigten Informationen vom Terminal abrufen kann ist er in der Lage, projektorientiert zu arbeiten. Dies bedeutet eine Abkehr von separierten, in viele kleine Einzelschritte aufgeteilte Tätigkeiten und eine Hinwendung zur objektbezogenen, verantwortungsvollen Arbeit, in der man mindestens Teile des Ganzen selbständig übersieht.

Diese Entwicklung hat zugleich zur Folge, daß ein einfaches hierarchisches Verhältnis von Überordnung und Unterordnung nicht mehr praktikabel ist. Unternehmensführung und Mitarbeiter sind in größeren Zusammenhängen wechselseitig aufeinander angewiesen. Delegation von Verantwortung und Dezentralisierung der Entscheidungen sind die Konsequenzen aus dieser Entfaltung. Sie erfordern vom einzelnen Mitarbeiter Analyse- und Strukturierungsfähigkeit, Konzeptionsdenken und Organisationstalent, wenn er die Möglichkeiten zu mehr Eigeninitiative, mehr Selbstverantwortung und Selbstentfaltung am Arbeitsplatz nutzen will.

Da mit den Informations- und Kommunikationstechniken integrierte Problemlösungen unter Einsatz verschiedenster Geräte und in Zusammenwirkung unterschiedlich qualifizierter Menschen zu erarbeiten sind, ist das Einüben eines bewußt kommunikativen und gemeinschaftsbezogenen Verhaltens von besonderer Bedeutung. Dies erfordert ein hohes Maß an Integrations-, Kommunikationsfähigkeit und Kooperationsbereitschaft, um einen reibungslosen Gesamtarbeitsprozeß zu gewährleisten.

Große Fortschritte haben die Hersteller büro- und informationstechnischer Produkte bei der ergonomischen Gestaltung sowie bei der Anpassung der Hard- und Software auf die Bedürfnisse der verschiedenen Anwender erzielt. Damit wurde beachtliches geleistet auf dem Gebiet der Anpassung dieser Werkzeuge an die Gewohnheiten des berufstätigen Menschen. Folge dieser Entwicklung ist, daß die Benutzung und Bedienung der Geräte und Systeme - von wenigen Berufsbereichen abgesehen - keine spezifischen und komplizierten EDV-Fachkenntnisse erfordern. Nicht die Kenntnis der Gerätetechnik und Systeme hat daher im Mittelpunkt der Vermittlung von Informationstechnischer Bildung zu stehen, sondern deren Anwendung und Nutzung in neuen bereicherten Berufen.

Tiefere Technikkenntnisse werden vor allem bei der Konzipierung und Entwicklung sowie bei der Herstellung von Geräten und Systemen der Büro- und Informationstechnik benötigt. Hier sind vor allem technische Berufe gefragt, wie Informatiker und Ingenieure, außerdem Techniker und Facharbeiter aus den Bereichen Maschinenbau, Feinwerktechnik, Elektrotechnik und Elektronik. Technikkenntnisse und ebenfalls erforderlich bei der Software-Entwicklung und Anwendungsvorbereitung. In diesem Einsatzbereich werden hochqualifizierte Spezialisten gesucht wie beispielsweise DV-Kaufleute, Anwendungs- und Organisationsprogrammierer, Systemanalytiker oder Informatiker. Der Personalbedarf steigt stark; gut ausgebildete Fachleute auf diesem Gebiet sind ein Engpaßfaktor.

Und eine fundierte technische Ausbildung im Bereich Wartung, Reparatur, Instandhaltung ist in gleichem Maß unerläßlich. Hier bedarf es Informationselektroniker, CNC-Anlagentechniker, Computer-Techniker, Operateure, aber auch Ingenieure, Techniker, Mechaniker, Elektriker und Elektroniker mit entsprechendem Spezialwissen. Auch in diesem Bereich wachst der Personalbedarf .

Die "nachindustrielle Gesellschaft" auf die wir uns hinbewegen, wird vielfach auch als "Informationsgesellschaft" bezeichnet. Durch das Zusammenwachsen von Computertechnik, Kommunikationstechnik und Nachrichtentechnik entstehen völlig neue Produkte mit neuen Anwendungsmöglichkeiten, die sich heute erst schemenhaft herauskristallisieren. Bildschirmtext, Teletex und Telefax sind Beispiele dafür.

Diese Technik-Integration sowie ihr dezentralisierter Einsatz eröffnen dem einzelnen Mitbürger neue Möglichkeiten, durch den offenen Dialogverkehr, den Informationsaustausch aktiv mitzugestalten. Anders als bislang durch Rundfunk und Fernsehen, die nur den passiven Empfang von Informationen erlaubten, kann der Einzelne nunmehr den Erfahrungs-, Meinungs- und Datenaustausch selbst formen und beeinflussen. Die neuen Techniken erhöhen den Informationsstand der Mitbürger und den Informationsfluß zwischen den verschiedenen Gruppen unserer pluralistischen Gesellschaft. Information ist zugleich Voraussetzung für eine wirksame Kontrolle der staatlichen Gewalten und somit zur Aufrechterhaltung und Festigung unserer marktwirtschaftlich verfaßten, freiheitlichen Demokratien.

Die neuen Technologien sind an sich nur Werkzeuge, denen sich der Mensch bedient, um sich die Arbeit zu erleichtern, sich neue Freiheitsspielräume zu schaffen und ein mehr an Autonomie und Demokratie zu verwirklichen. Sie leisten damit einen Beitrag für ein menschenwürdigeres Leben, für die Sicherung des wirtschaftlichen und sozialen Wohlstandes sowie für die Freiheit und Selbstverwirklichung des Menschen.

Auszug aus einem Referat auf der Fachtagung "Neue Technologien in der Berufsbildung" im Berufsförderungszentrum Essen e. V.