Techniker und Wissenschaftler noch Herr im eigenen Haus?

22.05.1987

Professor Dr. Jürgen Mittelstraß Universität Konstanz Philosophische Fakultät

Wie wir heute wissen, lösen Wissenschaft und Technik nicht nur Probleme, sie schaffen auch Probleme. Sie bedeuten Handlungserweiterung, aber, und nicht nur über ihre Folgen, auch Handlungsbeschränkung. Eine technische Gesellschaft oder eine technische Kultur ist nicht in allen Dingen, auch nicht in allen wissenschaftlichen und technischen Dingen, frei. Was ich meine, ist: Wir können hinter das einmal erreichte wissenschaftliche und technische Niveau, selbst wenn wir es für problematisch hielten, nicht mehr zurück. Wissenschaftlicher und technischer Fortschritt hat seine eigene Rationalität und seine eigene Dynamik. Darin liegt das eigentliche Wissenschafts- und Technikproblem und darin liegt, was uns an Wissenschaft und Technik auch beunruhigt. Dazu fünf kurze Beispiele:

Uns beunruhigt erstens, daß in technischen Kulturen im Fortschritt, hier vor allem im sogenannten technologischen Wandel, kein Subjekt mehr erkennbar ist. Technologischer Wandel vollzieht sich in gewisser Weise anonym, für den einzelnen undurchschaubar, hinter seinem Rücken. Daß wir heute von "der Technik", wie auch von "der Wissenschaft", sprechen, ist nicht mehr einfach nur eine falsche Vergegenständlichung, die aus Wissen, Können und mit diesen verbundenen Praxen ein verdinglichtes Subjekt macht, sondern auch Ausdruck dessen, daß der einzelne, der Techniker und Wissenschaftler, nicht mehr Herr im eigenen Hause ist. Sein "Platz" ist ebenso unüberschaubar geworden wie sein eigenes Mit-Tun und Mit-Können. Das aber bedeutet daß in diesem Falle auch Verantwortungsstrukturen aus Handlungsstrukturen nicht mehr direkt ableitbar sind. Verantwortung besagt hier Verantwortung gegenüber Entwicklungen, für die es im strengen Sinne gar keine Verantwortlichen gibt. Damit wird sie aber in technischen Kulturen zu einer Leistung, die der einzelne für weitgehend anonyme Prozesse, wie den technologischen Wandel, übernehmen muß. Probleme dieser Art haben Kulturen, die Wissenschaft und Technik nicht zu ihrem Wesen haben, nicht.

Uns beunruhigt zweitens, daß in technischen Kulturen Information und Wissen in ein problematisches Verhältnis zueinander treten. Information beruht zwar auf Wissen, sie setzt sich aber immer häufiger auch an die Stelle des Wissens. Gemeint ist: Wir durchschauen in vielen Fällen nicht mehr was uns in Form von Informationen zur Verfügung steht. Information hat in diesem Sinne etwas mit Vertrauen zu tun, und zwar gegenüber undurchschautem fremden Wissen, damit mit erkenntnistheoretischer Unselbständigkeit. Wissen hat demgegenüber etwas mit Selbstgewißheit gegenüber dem eigenen Können, mit erkenntnistheoretischer Selbständigkeit, zu tun. In dem Maß aber, in dem die Abhängigkeiten gegenüber Informationen wachsen und das eigene, selbsterworbene und selbstbeherrschte Wissen abnimmt, wächst auch wieder die Undurchsichtigkeit derjenigen wissenschaftlich-technischen

Verhältnisse, in denen man lebt.

Das bedeutet übrigens weiter, daß der im wesentlichen tagespolitisch motivierte Einfall, die Zukunft unserer Gesellschaft in einer Informationsgesellschaft zu sehen, mehr als problematisch ist. Hier wird übersehen, daß diese Beschwörung einer Informationsgesellschaft im Grunde nur den Mangel zu kompensieren sucht, keine im engeren Sinne mehr wissende Gesellschaft zu sein. Aufklärung, auch wissenschaftliche Aufklärung, verdünnt sich zu bloßer Kenntnis; Wissen, in Informationsformen gepreßt, und Meinung werden ununterscheidbar.

Also kommt es darauf an, gegen das herrschende Programm einer Transformation von Wissen in Information auch dem Programm einer Transformation von Information in Wissen, also einer Rückverwandlung von Information in Wissen (wieder) Geltung zu verschaffen.

Uns beunruhigt drittens der Umstand, daß sich technische Kulturen zu Expertokratien umzubilden beginnen. Der Experte wird zum Symbol einer zunehmenden Verwissenschaftlichung und Technisierung aller gesellschaftlicher Verhältnisse. Zugleich legt sich auf unsere Probleme der Schein, stets "technisch" lösbare, in die Zuständigkeit von Experten fallende Probleme zu sein. Die Wahrheit aber ist, daß sich unsere Probleme nicht in allen, und meist den wesentlichen, Fällen den wissenschaftlichen und technischen Rationalitäten beugen und daß das Expertenwesen dabei ist, den guten Ruf zumindest der Wissenschaft in der Öffentlichkeit zu ruinieren. Man muß sich dabei nur medienwirksam organisierter "Expertenanhörungen" wie etwa im Falle Gorleben oder Tschernobyl erinnern.

Wissenschaft wird hier, gewissermaßen auf dem Markte, als Expertenwissen gehandelt und damit (fatalerweise) gleichzeitig als ein Wissen, das sich spektakulär widerspricht. Denn nicht wissenschaftliche Einigkeit, sondern wissenschaftlicher Streit bestimmt die Szene. Da trumpft jede Partei, jede Gruppierung mit "ihrem" wissenschaftlichen Experten auf. Jede beliebige Meinung so muß es dem verdutzten Zeitgenossen erscheinen, läßt sich wissenschaftlich begründen. Wo das aber der Fall ist, wird Wissenschaft selbst zur Meinung; sie gleicht sich jenem politischen Prozeß der Meinungsbildung an, den sie mit dem Begriff des wissenschaftlichen Sachverstandes eigentlich zugunsten eines begründeten Wissens überwinden sollte.

Uns beunruhigt viertens, daß sich technische Kulturen bekanntlich die Natur das heißt ihre eigene natürliche Umwelt, aneignen. Wenn diese Aneignung, wie im Falle der sogenannten Umweltprobleme, zu Problemen führt, ist es wichtig zu wissen, wie Natur, wie Umwelt auch in technischen Kulturen sein soll. Eben das wissen wir heute nicht. Wie Natur ist und wie sie sein soll, bleibt technischen Kulturen mit ihren Aneignungsstrukturen im Grunde ein Rätsel.

Uns beunruhigt fünftens daß angesichts der Entwicklungen der biologischen Forschung (Stichwort "Gentechnologie") der Mensch in die Lage gerät, sich selbst, das heißt seine eigene Natur zu verändern, also das mit sich selbst zu tun, was er mit der "äußeren" Natur seit langem tut. Was einmal im strengen Sinne als unverfügbar galt, löst sich durch möglich werdende Eingriffe in die genetische Identität des Menschen in zumindest teilweise "technisch" verfügbare Elemente auf. Darin aber liegt eine ganz neue Qualität des wissenschaftlichen und, durch ihn bedingt, des technologischen Fortschritts. Die alten Beurteilungsmaßstäbe reichen nicht mehr aus. Diese klammerten den Menschen gewissermaßen aus; nunmehr schließen sie ihn ein. Der Mensch wird nicht nur ideologisch, sondern auch biologisch manipulierbar. Er wird auf diese Weise zum Objekt des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts; er hört auf, allein das Subjekt dieses Fortschritts zu sein. Letztendlich handelt es sich dabei um ein ethisches Problem.

Soweit die Beispiele. Sie könnten auch als Beispiele für eine Aneignung des Menschen durch die moderne Welt gelten, insofern sie lehren, daß der Mensch als Subjekt des Fortschritts auch zu dessen Objekt zu werden beginnt. Sie sind im übrigen nicht vollständig. So fehlt zum Beispiel die Erfahrung, daß die moderne Technik Risiken birgt, die ihre eigene Sicherheitsrhetorik Lügen strafen.

Daraus wiederum läßt sich lernen. Nicht nur, daß Sicherheitsfragen im wissenschaftlich-technologischen Fortschritt keine nachgeordneten Fragen sein dürfen, sondern auch, daß Fortschritt in Wahrheit kein theoretisches, sondern ein praktisches, Ethik und politische Vernunft erforderndes Problem ist. Den Fortschritt zu machen, genügt nicht - er führt unter anderem in die beispielhaft aufgeführten Probleme. Man muß ihn auch durch praktische Vernunft, die nicht allein die Vernunft des Experten sein kann, beherrschen. Mit dieser Vernunft, zu der auch die politische Vernunft gehört, aber steht es in der modernen Welt nicht immer zum besten.

Da nimmt es denn auch nicht wunder, daß heute immer aufdringlicher Kassandra neben Prometheus tritt - Kassandra, die schon einmal die Siegerlaune gründlich verdarb und deren Fluch es ist (seit sie sich Apollon verweigerte), keinen Glauben unter den Menschen zu finden. Troja macht sich in der modernen Welt bereit - herrlich und vor der Zerstörung?

Auszug aus einem Vortrag mit dem Titel "Das Maß in der Wissenschaft und Technik. Leistungen, Überforderungen, Orientierungen" auf dem Münchener Symposium "Wissenschaftlich-technischer Fortschritt als Aufgabe in einer freiheitlichen Kultur" der Hanns-Martin-Schleyer-Stiftung, Köln, im Dezember 1986. Der Band mit allen Beiträgen erscheint 1987 im Bachem-Verlag.