Teamspieler mit Sozialkompetenz gesucht

Ina Hönicke ist freie Journalistin in München.
Für E-Business-Projekte sind qualifizierte Mitarbeiter erforderlich - und genau daran mangelt es. Die Unternehmen können nur eigene Leute weiterbilden oder sich nach Quereinsteigern um-schauen. Die Nase vorn haben diejenigen Firmen, denen es gelingt, das Know-how ihrer IT-Profis zu bündeln und fehlendes Wissen durch ein gut funktionierendes Netzwerk an Kompetenzen auszugleichen.

Deutschland ist nach Ansicht der IDC-Marktforscher besonders stark vom Personalmangel betroffen, weil die Hochschulen nicht ausreichend mit den Unternehmen der IT-Industrie zusammenarbeiten. Aus diesem Grund entstünden zu wenige, speziell auf die Bedürfnisse der Internet-Branche zugeschnittene Ausbildungsplätze, heißt es. IDC sieht die europäischen Länder bereits heute im Wettbewerb mit den Amerikanern, die ebenfalls über ein Defizit an ausgebildeten Netzwerkexperten klagen.

Die Folge der Personalknappheit ist für die hiesige Wirtschaft - New und Old Economy - dramatisch: Viele E-Business-Projekte starten erst gar nicht, andere bleiben auf halbem Weg stecken. Dass die deutschen Firmen in puncto elektronischem Handel nicht gerade eine Vorreiterrolle spielen, vergrößert das Dilemma noch. Auch die ganz Großen kämpfen mittlerweile ums Personal. So leidet IBM eigenen Angaben zufolge insbesondere im Geschäftsbereich Global Services unter dem Nachwuchsmangel. Allerdings ist man, laut IBM-Chef Louis Gerstner dabei, Abhilfe zu schaffen. Im Jahr 2001 werde das Unternehmen 9000 zusätzliche Mitarbeiter für die auf E-Business konzentrierte Serviceeinheit rekrutiert haben. Weitere 10000 Beschäftigte aus der bestehenden Geschäftseinheit Global Services seien dann zusätzlich für die Herausforderungen des E-Business geschult.

Bei der Neckermann Versand AG in Frankfurt steht die interne Weiterbildung ebenfalls auf dem Programm. Michael Sorg, Leiter Neue Medien: "Da die Fachleute in diesem relativ jungen Markt nicht zur Verfügung stehen, bleibt uns nichts anderes übrig." Seiner Meinung nach verlangt die E-Commerce-Berufswelt indes nicht, wie oftmals behauptet, nur nach Netzprofis. So seien für den Web-Designer, den Vertriebsmann im Internet oder den E-Commerce-Manager, der alle Aktivitäten koordiniert, andere Kriterien entscheidend.

Während der Web-Designer vor allem kreativ sein müsse, erwarte man vom Vertriebsmann Marketing- und kaufmännisches Wissen. Der E-Commerce-Manager wiederum müsse vorrangig über Führungsqualitäten verfügen. Der Frankfurter Multimedia-Experte: "Neben BWL-Know-how und einigen Erfahrungen im Direkt-Marketing legen wir auf die Affinität zur Cyberwelt sowie Kommunikationsfähigkeit besonders großen Wert."

In der Tat werden soziale Kompetenzen im E-Business-Bereich zunehmend wichtiger. Schließlich stoßen bei der Projektarbeit immer öfter zwei Welten aufeinander: die so genannten kreativen Zopfträger mit den traditionellen IT-Profis. In einigen Unternehmen ist denn auch von Eifersüchteleien zwischen den zwei Gruppen zu hören. Manfred Lang, Bildungsexperte bei der Diebold Deutschland GmbH, bestätigt: "Die Integration ist schwierig. Problematisch wird es vor allem, wenn sich alles um die Frontend-Leute dreht und die Backend-Mitarbeiter zu sehr im Hintergrund stehen." Dabei benötigten die IT-Profis eher als die Front-Kollegen entsprechende Motivation oder Lob. Der Frankfurter Berater ist sicher, dass diejenigen Unternehmen, die eine Brücke zwischen den zwei Gruppen schlagen können, im E-Business die Nase vorn haben.

Mitarbeiter mit Softskills gesucht Die richtige Kommunikation steht für Martina Schäfer, Abteilungsleiterin beim Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO) in Stuttgart, ebenfalls ganz oben auf der Prioritätenliste. Die Wissenschaftlerin befürchtet, dass vielen Unternehmen noch nicht klar ist, wie wichtig kommunikative Fähigkeiten in einer vernetzten Arbeitswelt sind: "Viele Arbeitgeber setzen darauf, dass die Neueinsteiger soziale Kompetenzen sozusagen als Grundkapital mitbringen. Das ist aber meistens nicht der Fall." Zum Resignieren sieht die Organisationsexpertin jedoch keinen Grund. Zum einen seien die Firmen von ihrer Infrastruktur her auf jeden Fall in der Lage, den Mitarbeitern die entsprechende Unterstützung zu geben - etwa über ein Intranet. Zum anderen richteten Hochschulen immer mehr Studiengänge ein, die Themen wie Medienkompetenz und Teamworking umfassten. Schäfer: "Viele Hochschulen haben den Bedarf der Wirtschaft erkannt - davon werden sowohl die jungen Leute als auch die künftigen Arbeitgeber profitieren."

Bei Bertelsmann Media Systems werden querbeet durch alle Bereiche Mitarbeiter gesucht. Ganz oben auf der Wunschliste stehen auch hier Mitarbeiter für das E-Business. Daniel Hartert, oberster IT-Verantwortlicher von Bertelsmann, wünscht sich wissenshungrige junge Leute, die im E-Business Erfolg haben wollen. Schließlich müssen sie den Entwicklern klarmachen, wie beispielsweise Sites im Internet funktionieren. Das könnten die E-Fachleute nur, wenn sie selbst immer wieder im Internet surfen. Für Hartert sind die langen Ausbildungszeiten im Multimedia-Bereich die Crux. Für eine lange Qualifizierung hätten die Unternehmen keine Zeit. Er fragt sich, warum es nicht möglich sein sollte, beispielsweise Abiturienten in einem einjährigen Crash-Kurs am Arbeitsplatz auszubilden.

Private Weiterbildung kommt allerdings nicht bei allen Arbeitgebern gut an. Zwar sind einschlägige Akademien in den letzten zwei Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen, doch werden deren Absolventen eher skeptisch beurteilt. Die mit Titeln wie "Multimedia-Producer" oder "Medienfachmann" versehenen Newcomer verfügen, so die Erfahrung von Personal-Managern aus der New und Old Economy, lediglich über ein weit gefächertes Minimalwissen: Sie verstünden ein wenig von HTML-Programmierung, ein wenig von den Grundlagen der Betriebswirtschaft, würden die wichtigsten Netzwerke kennen und hätten etwas Ahnung von Web-Seiten-Konzeption und Navigationsstrukturen.

Bildungsträger im Abseits Das jedoch, darin sind sich die Arbeitgeber einig, ist viel zu wenig. Die Unzufriedenheit der Unternehmen kann Alexander Nast von der Multimedia-Akademie in München verstehen: "Diese Kritik trifft auf die staatlichen Einrichtungen auf jeden Fall, auf die privaten Schulen teilweise zu." Die meisten Bildungsträger liefen den neuen beruflichen Entwicklungen mit ihren Schulangebot hinterher. Dieses Manko sei letztlich der Grund dafür gewesen, dass die Kirch-Gruppe, Burda, Microsoft und viele weitere Unternehmen die Münchner Multimedia-Akademie ins Leben gerufen hätten. Nast: "Die Unternehmen wollen den Lernenden die Qualifikationen vermitteln, die sie tatsächlich benötigen."

Das Wichtigste sei die Affinität zum Produkt und zu den Geschäftsprozessen des Kunden, erklärt Malte Dieckelmann von Openshop. Eine solche Einstellung könne man nicht durch Ausbildung, sondern durch Verständnis erreichen. Know-how-Lücken und die mangelnde Erfahrung müssten durch ein gemeinsames Kollegennetz aufgefangen werden. Dieckelmanns Resümee: "Den E-Commerce-Profi an sich gibt es nicht. Aber es gibt viele motivierte junge Leute mit großer Vorliebe zu bestimmten Themen - und die müssen entsprechend qualifiziert werden."

Während die Mitarbeiter von Internet-Firmen in die E-Business-Welt und ihre Anforderungen hineinwachsen, müssen die Beschäftigten traditioneller Unternehmen festgefahrene Wege verlassen, um sich auf die neuen Zeiten einzustellen. Bei der Deutschen Post beispielsweise erkannte man, dass das E-Business-Wissen der IT-Abteilungen allein nicht ausreicht. Martin Raab, Vorsitzender der Geschäftsführung der E-Business-Holding: "Wir erwarten von unseren Vertriebs- und Marketing-Managern, dass sie sich mit verschiedenen IT-Systemen und auch mit den Problemen bei der Ausführung auskennen. Nur so können sie zu gleichwertigen Partnern werden."

Für die IT-Abteilung wiederum bevorzuge man Wirtschaftsinformatiker, die sich durch Zusatzqualifikation entsprechende Fachkenntnisse in Marketing und Vertrieb angeeignet hätten. Raab: "Die wichtigste Voraussetzung für erfolgreiches E-Business ist die gute Zusammenarbeit zwischen den einzelnen Managern und den IT-Profis im Unternehmen." Zusatzqualifikation war in den Informatikstudiengängen in den vergangenen Jahren kein wichtiges Thema. Zurzeit setzt aber ein Umdenken an den Universitäten ein. Eine Vorreiterrolle spielen die Universitäten Frankfurt und Jena. Hier wurde im vergangenen Jahr jeweils ein Lehrstuhl für E-Commerce eingerichtet. Sowohl im Berliner Institute of Electronic Business (IEB) als auch an der Fachhochschule in Fulda werden Studenten ebenfalls in Aufbaustudiengängen auf die New Economy vorbereitet.

Auch die Wirtschaft nimmt sich des Qualifizierungsproblems an. So gründete die Thyssen Krupp Education and Training GmbH in Dortmund eine "E-Business-Academy". Wer sich für die Führungsetage im E-Business berufen fühlt, kann an der Universität St. Gallen einen MBA (Master of Business Administration) in Neuen Medien und Kommunikation machen. Das elfmonatige Aufbaustudium richtet sich an Absolventen mit Berufserfahrung, die sich für die Übernahme einer Führungsposition in der New Economy fit machen wollen.

Die privaten Seminaranbieter profitieren ebenfalls von dem Boom. Bei vielen Instituten ist die Nachfrage nach Java- und HTML-Kursen im letzten Jahr um nahezu 100 Prozent gestiegen. Werner Dostal vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesanstalt für Arbeit (IAB) in Nürnberg blickt eher skeptisch auf die neue Bildungslandschaft. Er glaubt weder, dass alle Internet-Tätigkeiten durch entsprechende Kurse abgedeckt werden, noch dass Schulungsanbieter an dem grundsätzlichen Personalengpass etwas ändern können: "Das Spektrum der Multimedia-Berufe umfasst derzeit mehr als 50 Berufsbilder, für die es meistens noch keine verbindlich geregelte Berufsbildung gibt - und es kommen fast täglich neue dazu. Wo sollen denn die Leute für all diese neuen Jobs herkommen?" Die bunte Vielfalt von Berufen in der E-Commerce-Welt bestätigt auch eine Untersuchung der amerikanischen Forrester Research Group. Glaubt man ihr, so werden in fünf Jahren rund 40 Prozent aller IT-Mitarbeiter neue Berufstitel haben.

Um nur einige Beispiele der Forrester-Studie zu nennen: Der Produkt-Manager soll den Be-darf des Kunden an IT-basierten Services definieren. Das heißt, er prüft, welche Internet-Anwendungen am häufigsten genutzt werden, wie lange der Kunde dafür braucht und wie sich das System verbessern lässt. Aufgabe des Geschäftsprozessingenieurs wird es sein, sich um die Gestaltung betrieblicher Abläufe zu kümmern. Er muss wissen, welche Folgen Internet-basierte Anwendungen für die eigene Firma und für die Kunden haben. Dazu kommen noch neue Berufsbilder wie der CRM-, der Supply-Chain-Manager und Chief Privacy Officer.

Während CRM- oder Supply-Chain-Manager für die übergreifende Zusammenarbeit sowie die Optimierung von Prozessen und technischer Ausstattung zuständig sind, warten auf die Sicherheitsanalysten in der E-Welt besonders heikle Aufgaben. Deshalb ist es kaum zu verstehen, dass gerade in diesem Bereich, so die Schulungsträger unisono, die Nachfrage nach Qualifizierung noch sehr zu wünschen übrig lässt. Schuld daran sei das überaus schwach ausgeprägte Sicherheitsbewusstsein vieler IT-Manager. Fazit: Auch wenn in der E-Business-Welt insgesamt Ernüchterung einge-kehrt ist - die E-Commerce-Profis gehören weltweit zur gesuchtesten Spezies.

Links zum Thema

Deutscher Multimedia Verband e.V. (DMMV), Düsseldorf

www.dmmv.de

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), Berlin

www.bibb.de